Studenten prüfen Gauck

In seiner früheren Pfarrkirche in Rostock las Joachim Gauck. dpa
In seiner früheren Pfarrkirche in Rostock las Joachim Gauck. dpa

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14. Juni 2010, 05:40 Uhr

Rostock | Joachim Gauck ist zurück in seiner Geburtsstadt. In Rostock, wo seine theologische und politische Karriere begann. Sichtlich aufgeräumt spricht der Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten am Samstag über den Stand der Einheit - 20 Jahre nach der Wende, die er als führendes Mitglied der DDR-Bürgerrechtsbewegung mitgeprägt hat.

Der Kandidat von SPD und Grünen spricht klar, seine Worte werden von rund 450 Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes aufs Genaueste bewertet unter dem Aspekt: "Kann der das überhaupt?". Der 70-Jährige lässt in den gut 90 Minuten im Hörsaal kaum Zweifel an seiner Befähigung aufkommen.

Seinen Zuhörern, vor allem denen aus Afrika, Asien und Südamerika, müsse Deutschland wie eine Oase der Ruhe vorkommen, sagt Gauck. "Aber die Deutschen wissen davon wenig." Bei vielen sei das Lebensgefühl nicht auf dem wirtschaftlichen oder demokratischen Niveau ihres Landes angekommen: "Deutsche lieben es, betrübt zu sein. (...) Das ganze Land lebt häufig von einer Unkultur des Verdrusses" - und das bei einem Reichtum, der vielen Stipendiaten ungeheuer vorkommen muss. "Aber Glück, das nur materiell daherkommt, erlöst nicht", betont Gauck, dem anzuhören ist, dass er einst Pfarrer war.

Deutschland sei in einem Stadium der Verzagtheit, noch "fremdeln" viele Ostdeutsche genauso wie viele Osteuropäer. Es dauere seine Zeit, bis sich die von Diktatur geprägten Staaten mit den etablierten Demokratien zusammenfügten. "Als wir ,das Volk waren, waren wir stark", sagte Gauck im Rückblick auf die Wende. Aber wenn Starksein Mühe mache, gingen einige wieder zurück ins Lager der Ohnmächtigen.

Als früherer Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde ist Gauck ein Kenner der Befindlichkeiten in Ost und West. In der DDR sei die Lebensmaxime gewesen: "Beuge dich, sei gehorsam." Er wirbt daher um Verständnis für die Situation der Menschen im Osten.

Gauck sagt von sich, dass er schon immer Menschen ermutigen konnte, sich nicht von Angst regieren zu lassen. Man könne auf Angst reagieren, indem man flüchte oder standhalte - "Ich bin für Standhalten."

Nur zu Beginn seiner Rede spricht Gauck über seine Rolle als Kandidat. Er weiß, seine Chancen sind angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung "überschaubar". Aber er erlebe eine Welle der Ermutigung. Auch Union und FDP, "die die Mehrheiten verwalten", seien in einen Prozess des Nachdenkens geraten. "Also, da schaun wir mal", zitiert er Franz Beckenbauer unter Gelächter der Studenten.

Am Abend ist Gauck Gast in der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde in Rostock-Evershagen, in der er vor der Wende als Pfarrer arbeitete. Er liest aus seinem Buch "Winter im Sommer - Frühling im Herbst". Einigen der rund 200 Zuhörer kommen die Tränen, als er berichtet, wie seine Söhne 1987 die DDR verließen. Selbst tief bewegt ist er "seinen Rostockern" in diesen Momenten ganz nah. Es gibt wohl kaum einen Zuhörer, der sich Gauck nicht als Bundespräsidenten vorstellen kann.

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