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Stauende auf der Stromtrasse

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erstellt am 18.Dez.2012 | 10:29 Uhr

Schwerin | Hochspannung auf der Stromtrasse: Netzbetreiber und Windmüller haben darauf eine kleine Ewigkeit gewartet. Mehr als 20 Jahre lang haben die Stromnetze in Ost und West praktisch getrennt voneinander funktioniert. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen mit dem Chef des ostdeutschen Netzbetreibers 50hertz, Boris Schucht, aber heute die neue Stromautobahn zwischen Schwerin und Krümmel unter Spannung setzen wird, gewinnt der Energietransport im Ost-West-Verkehr endlich an Fahrt. Erstmals seit 17 Jahren erhält das deutsche Stromnetz zwischen Ost und West eine neue Verbindung - die vierte überhaupt und die bislang wichtigste. 90 Kilometer lang, 95 Millionen Euro teuer, mit 167 riesigen Stahlmasten: Nach jahrelangem Verzug ist mit der neuen Starkstromtrasse einer der erste Bausteine der Energiewende gesetzt.

Andere werden folgen: Der Atomausstieg Deutschlands sorgt in Mecklenburg-Vorpommern für eines der größten Investitionsprogramme der letzten Jahre. Milliardenprojekte hat Schucht für die kommenden Jahre allein im Norden angekündigt. So soll zwischen Berlin und der Uckermark-Region eine neue Leitung aufgebaut werden. Die so genannte Uckermark-Leitung - 135 Kilometer zwischen Bertikow-Pasewalk-Lubmin und später 163 Kilometer zwischen Lubmin-Lüdershagen-Bentwisch-Güstrow - will der 50hertz-Manager Schucht, der Chef eines der vier großen Netzbetreibers in Deutschland, aufrüsten lassen, auch die Stromleitung auf 195 Kilometer zwischen Güstrow und Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt. Inzwischen zieht es den Strommanager auch an die Kaikante. Im Rostocker Fischereihafen errichtet 50hertz eine Offshore-Landstation, ein Lager für Reservekabel für die großen Windkraftanlagen vor Deutschlands Ostseeküste. In Rostock ist zudem noch ein weiteres Großprojekt geplant: Dort soll ab 2016 für 200 bis 300 Millionen Euro eine neue Stromautobahn den Offshorewindpark Baltic II und den vom dänischen Parlament beschlossenen Windpark Kriegers flak III verbinden und das deutsche Stromnetz an die nordeuropäischen Wasserspeicher anschließen. 50hertz hat bereits allein für den Anschluss der Offshore-Windparks in der Ostsee Investitionen von mindestens 1,5 Milliarden Euro veranschlagt.

Der Netzausbau steht unter Zeitdruck: Die Windkraftbetreiber stecken im Netzstau und klagen über Millionenverluste. Ihnen fehlen Leitungen, um den Öko-Strom aus dem Norden zu den Verbrauchern im Süden zu transportieren. Und so soll die neue Windsammelschiene zwischen Schwerin und Krümmel, wie Fachleute die Trasse auch nennen, die Stromversorgung mit Öko-Energie aus Windkraftanlagen in MV und auf hoher See in Hamburg und bei den großen Stromabnehmern in Süddeutschland stabilisieren und den Stau auf der Stromautobahn auflösen.

Das wird Zeit: Denn wegen fehlender Netze stiegen die Zwangsabschaltungen von Windparks in Deutschland im vergangenen Jahr um fast 200 Prozent, ergab eine Studie des Beratungsunternehmens Ecofys - 407 Gigawattstunden Windstrom gingen verloren, 257 Gigawattstunden mehr als ein Jahr zuvor. Das wird für die Stromkunden teuer: Da die Betreiber für solche Produktionsdrosselungen entschädigt werden, müssen die Stromkunden für die Kosten aufkommen - schätzungsweise 18 bis 35 Millionen Euro mehr. Mit dem nicht eingespeisten Strom hätte man 160 000 Haushalte versorgen können.

Die Bundesnetzagentur sieht Deutschlands Stromnetz wegen der Energiewende und dem stockenden Ausbau auch schon in einem kritischen Zustand. Agenturchef Jochen Homann bescheinigt zwar noch eine hohe Versorgungsqualität - doch die Abschaltungen mehren sich. Schon wird über Blackouts in den Wintermonaten spekuliert. Die Netzbetrieber hätten sich ausreichend Reservekapazitäten gesichert, wiegelt Homann Ende November vor dem ersten Wintereinbruch ab.

50hertz-Chef Schucht ist klar im Vorteil: Seine Kollegen bei den anderen Netzbetreibern treibt es derweil die Sorgenfalten auf die Stirn. Tennet, Amprion, TransnetBW - der Widerstand gegen den Ausbau des Stromnetzes in Deutschland wächst. Von 24 Neubauprojekten hätten 15 einen Zeitverzug von ein oder mehreren Jahren, heißt es in einem Bericht der Bundesnetzagentur. 2800 Kilometer neue Trassen sollen bis 2022 gebaut werden. Die wichtigsten: drei neue Nord-Süd-Leitungen, die Nordseestrom in die bayrischen Berge bringen sollen. Betrieb auch an alten Trassen: 2900 Kilometer bestehende Leitungen sollen zudem verstärkt werden, schrieb die Bundesnetzagentur erst Ende November im Netzentwicklungsplan fest.

Manager Schucht ist indes weiter: Rund 150 Millionen Euro müsse 50 hertz in diesem Jahr für den so genannten Redispatch ausgeben, klagte er erst Anfang Dezember bei der Inbetriebnahme einer aufgerüsteten Höchstspannungsleitung im thüringischen Remptendorf - Strafzahlungen an Kraftwerksbetreiber, die gezahlt werden müssten, wenn es nicht gelingt, wegen Netzüberlastung ihren Strom aus Braunkohle oder Windkraft zu transportieren. Mit der neuen Ost-West-Trasse Schwerin-Krümmel dürften sich für Schucht im kommenden Jahr zumindest diese Kosten deutlich reduzieren.

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