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Sprengstoff in Präsidentenmaschine?

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erstellt am 09.Dez.2012 | 05:53 Uhr

Warschau | Der Ermittlungseifer der polnischen Militärstaatsanwälte im Fall Smolensk nimmt immer bizarrere Züge an. "Wir haben die Sprengstoffdetektoren an eine Flasche Parfüm, eine Dose Schuhcreme und an ein Würstchen gehalten. Jedes Mal hat das Gerät TNT-Alarm ausgelöst", erklärte Chefankläger Ireneusz Szelag in der vergangenen Woche bei einer Anhörung im Parlament. Mit seinen Ausführungen über den kuriosen Wursttest läutete er die nächste Runde im Streit um die Flugzeugtragödie von Smolensk ein - jener nationalen Katastrophe, die sich zunehmend zu einer Katastrophe der ermittelnden Behörden entwickelt.

Beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im dichten Nebel von Smolensk waren am 10. April 2010 Staatschef Lech Kaczynski und 95 weitere hochrangige Repräsentanten der Nation ums Leben gekommen. Seither gibt es Spekulationen über einen Anschlag. Genährt werden sie vor allem von der rechtskonservativen Partei PIS des überlebenden Präsidentenbruders Jaroslaw Kaczynski. An jedem 10. eines Monats erinnert die PIS an die Katastrophe. So auch an diesem Montag. In einem Bericht über den Ermittlungsstand "28 Monate nach Smolensk" verkündet die Kaczynski-Partei einmal mehr: Es war ein Attentat.

Die Staatsanwälte weisen dies zurück. "Dafür gibt es keine Belege", sagt Szelag und hat viele gute Argumente auf seiner Seite. So hat der Flugschreiber keine Explosion an Bord aufgezeichnet. Doch an Szelags Glaubwürdigkeit gibt es spätestens seit den jüngsten TNT-Tests Zweifel. Der Chefankläger musste im Parlament eingestehen, dass die Detektoren nicht nur am Würstchen, sondern auch bei Untersuchungen am Wrack der Kaczynski-Maschine angeschlagen hatten. Der Hersteller der Testgeräte erklärt: "Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Wenn das Gerät TNT-Spuren anzeigt, dann gibt es auch TNT-Spuren." Die Ermittler selbst hatten die Detektoren als Hightech gepriesen. Der wenig überzeugende Wursttest sollte dies nun widerlegen.

Noch im Oktober hatte Szelag jeglichen Fund explosiver Stoffe an der Tupolew 154 öffentlich bestritten. Die Zeitung "Rzeczpospolita" hatte damals eine Enthüllungsgeschichte über den Nachweis von "TNT am Wrack der Tupolew" veröffentlicht. Nach dem Dementi des Staatsanwalts mussten der Chefredakteur, sein Vize und der Verfasser des Textes ihren Hut nehmen. Jetzt stellt sich heraus: Möglicherweise war die Zuspitzung des Artikels falsch. Stichhaltige Anhaltspunkte für den Bericht gab es aber durchaus.

Schon in den zweieinhalb Jahren zuvor gab es zahlreiche Ermittlungsfehler. So ist noch immer nicht geklärt, ob sich der polnische Luftwaffenchef Andrzej Blasik beim verheerenden Landeanflug auf Smolensk im Cockpit der Kaczynski-Maschine aufhielt und Druck auf die Piloten ausübte. Das hatte die russische Untersuchungskommission behauptet und zugleich erklärt, Blasik sei angetrunken gewesen. Die polnische Seite bestreitet dies. Bis heute ist es Szelags Spezialisten nicht gelungen, den Stimmrekorder der Tupolew zweifelsfrei auszulesen.

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