zur Navigation springen

Spitzenklasse aus dem Niemandsland

vom

svz.de von
erstellt am 08.Apr.2011 | 07:24 Uhr

Schwerin | Ronald Grimm hat eine Passion: den Bahnradsport. Dabei lebt und arbeitet der 52-Jährige in einer Gegend, wo die nächste Radrennbahn 80 Kilometer entfernt liegt, man für wirklich gute Trainingsbedingungen gar Hunderte von Kilometern fahren muss. Wie kommt es, dass ein Mann ausgerechnet in einem solchen (bahnradsportlichen) Niemandsland Weltklasse-Radler formen kann?

Die Geschichte nimmt 1971 ihren Anfang. Ein Kumpel des zwölfjährigen Schweriners Ronald Grimm bekommt von einem Onkel ein Rennrad geschenkt - zu DDR-Zeiten Goldstaub. Natürlich werden die Kameraden neidisch und überlegen, wie sie ebenfalls an Rennräder kommen können, um - gemeinsam mit dem Kumpel natürlich - "richtig" fahren zu können. Es gibt nur eine Lösung: Der Sportverein Dynamo, damals am Schweriner Innensee angesiedelt, betrieb Radsport - und vergab zu diesem Zweck auch die speziellen Geräte. Die Grimmsche Gruppe meldete sich geschlossen an und nahm bald das Training auf. "Als Übungsstrecke hatten wir uns die Straße nach Crivitz ausgesucht, seinerzeit war der Straßenverkehr ja noch überschaubar. Die anderen waren mir körperlich überlegen, ich war ziemlich klein, sehr pummelig, hatte in Sport eine 4 auf dem Zeugnis. So passierte es, dass ich selbst erst am so genannten ,Stahlberg (ca. 3. km vor Crivitz, d. A.), war und die Kumpels mir schon wieder entgegenkamen."

Zwei Jahre später sah das schon ganz anders aus: Der kleine Ronald war gewachsen und hatte abgespeckt. Allmählich stellten sich erste Erfolge ein, bis hin zu Platz 5 in der BSG-Bestenermittlung der Altersklasse 13.

Dann kam sein Aha-Erlebnis: Bei einer Clubmeisterschaft auf einer Rennbahn leckte der junge Sportler Blut für die Fahrt auf dem Oval: "Diese Rennen waren ganz anders als das Kilometerbolzen auf der Straße - kurz und knackig. 500 m Gas geben und dann ist Schluss - das machte mir Spaß!" Ronald blieb der Bahn treu, schaffte bei der Spartakiade sogar einen Rekord in der Sprint-Qualifikation über 200 m , die er in 12,5 Sekunden bewältigte. Beim eigentlichen Sprintrennen dann war er taktisch zu ungeschickt, flog früh raus.

Mit dem Abitur endete die aktive sportliche Laufbahn des jungen Ronald, der den Sprung auf die KJS, den Vorgänger des heutigen Sportgymnasiums, nicht geschafft hatte. "Sportlich schon, aber die Noten waren ein kleines bisschen zu schlecht. Ich habe für die Schule nichts gemacht, für mich stand eben immer der Sport im Vordergrund."

Für das geplante Sportstudium hätte der Abiturient ein Jahr Wartezeit überbrücken müssen und bekam für diese Phase einen Job als Heizer auf der Paulshöhe angeboten - nicht besonders reizvoll für einen ehrgeizigen jungen Mann. Die Bewerbungen an anderen Universitäten hatten zur Folge, "dass irgendwann ein Brief aus Güstrow kam, ich sei dort eingeschrieben für die Ausbildung zum Lehrer für Mathe und Physik."

Mitte der 80er-Jahre standen Ronald Grimm und seine Frau dann im Lehrerberuf, der Sport hatte Sendepause. Aber dem jungen Lehrer schien etwas zu fehlen: "Meine Frau sagte zu mir: ,Du bist richtig ungnädig, du musst endlich wieder Sport machen. Und selber wieder leistungsmäßig fahren, das war mir zuviel Aufwand. Also wurde ich Übungsleiter und habe mir an der Kästnerschule in Schwerin eine AG aufgebaut." Aus dieser AG ging übrigens auch der Olympiasieger und vierfache Weltmeister Stefan Nimke hervor.

Dass diese Übungsgruppe - wenn auch in stark veränderter Form - heute noch existiert, verwundert. Denn der Trainer blieb bei seiner Liebe aus alten Zeiten: dem Bahnradsport, obwohl es in Schwerin keine Bahn gibt. Da ist Erfindergeist gefordert: "90 Prozent unseres Trainings finden zwangsläufig auf der Straße statt. Aber wenn man einen 500- oder 1000-Meter-Sprint fahren will, braucht man nicht unbedingt eine Bahn. Das geht auch auf der Straße."

Dennoch geht es in regelmäßigen Abständen nach Rostock, wo die einzige Radrennbahn im Land steht. Für seine zehn Kaderathleten gibt es regelmäßige Lehrgänge des Bundes Deutscher Radfahrer, vorzugsweise in Frankfurt/Oder und Cottbus. Ihr Heimtrainer, der bis 2009 überwiegend ehrenamtlich tätig war und derzeit zugunsten der Olympiavorbereitung seiner Athleten bis Sommer 2012 vom Schuldienst freigestellt ist, blieb dann meistens außen vor.

Auch bei den internationalen Wettkämpfen war früher für den Schweriner Macher kein Platz im deutschen Betreuerteam. Den ersten großen Erfolg seines erfolgreichsten Schützlings, Stefan Nimke, die Silbermedaille im 1000-Meter-Zeitfahren bei den Olympischen Spielen in Sydney, erlebte der Lehrer, der heute vor den Toren Schwerins lebt, ebenso vor Ort mit wie dessen Olympiasieg im Teamsprint 2004 in Athen - die Reisen musste Grimm allerdings aus eigener Tasche bezahlen.

Dass bei den großen Titelkämpfen andere im Scheinwerferlicht stehen und die Lorbeeren ernten, ist für den Schweriner kein Problem: "Ich weiß, wie wir hier Tag für Tag arbeiten und brauche keine Schulterklopfer", gibt der bescheiden und analytisch wirkende Trainer seine Stimmungslage in diesem Punkt wider.

Trotz allem bleibt Ronald Grimm seiner großen Passion treu. Und arbeitet schon fleißig an der Vorbereitung für die nach olympische Saison. Und vielleicht wird schon in absehbarer Zukunft ein "Grimmsches Märchen" zur Realität: Schwerin, die Schmiede von Weltklasse-Bahnradsportlern, könnte möglicherweise schon bald eine eigene Radrennbahn bekommen. Die Vorplanungen sollen bereits laufen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen