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Spielplatz in der Manege

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erstellt am 23.Dez.2012 | 08:42 Uhr

Putlitz | Für sie gibt es nichts anderes: Einen Tusch, das bunte Licht der Scheinwerfer, die glitzernden Kostüme, der Popcornduft - "dann bin ich in meinem Element", meint Nicole Köllner. "Das ist meine Welt." Wenn sich mit ihr der Vorhang in der Manege öffnet, kommen Komik, gute Laune und Zirkuskunst ins Kuppelzelt. Egal in welcher Stimmungslage sich die 37-Jährige gerade befindet - ein Lachen zieht in ihr Gesicht. "Schlechte Laune hat in der Manege nichts zu suchen", meint sie. "Egal ob du Muskelkater hast oder eigentlich traurig bist: Du gehst da rein und bringst den Kindern Freude. Ein Clown, über den man nicht lachen kann, der passt nicht in den Zirkus." Nicole Köllner bringt die Freude - Manege frei im Zirkus Ascona für Clownerei, Akrobatik, Jonglage und Dressuren.

Leben im Wanderzirkus: Nicole Köllner und ihre Schwester Sandra ziehen gemeinsam mit ihrer Mutter mit einem von mehr als 300 Zirkusunternehmen in Deutschland durch die Lande - in sechster Generation schon. "Das Zirkusleben, das sucht man sich nicht aus, da wirst du hineingeboren", erzählt die 37-Jährige während schon wieder das Handy klingelt. Nach der Tour durch Mecklenburg-Vorpommern ist der Weihnachtszirkus im brandenburgischen Neuruppin vorzubereiten - ein 90-minütiges Programm täglich bis zum 30. Dezember. Sozusagen ein Familientreffen - mit drei Zirkussen der Verwandtschaft, kündigt die junge Frau an. Plakate kleben, das hunderte Kilogramm schwere Zelt auf dem gefrorenen Boden aufbauen, Sitzreihen einrichten, Lichtanlage ausrichten, Wohnwagen aufstellen - ein Knochenjob. Vom Kartenverkauf bis zum Messerwurf, von der Reparatur des Zirkus-Lkw bis zur Akrobatik auf drei Stühlen und der Tierdressur mit sieben Tauben: Wenn sie nicht gerade mit ihrer Familie gemeinsam auftreten, ist es ein Job, den die beiden zierlichen Frauen weitgehend allein erledigen müssen, manchmal mit Aushilfen. Männerarbeiten für Frauen: Da müsse schon mal der Reifen des Lkw gewechselt werden, erzählt Nicole.

Und trotzdem können sich die beiden kein anderes Leben vorstellen: "Ständig an einem Ort, das wäre nichts für mich", sagt Sandra Köllner. Neue Orte, neue Erlebnisse, neue Besucher: Von März bis Oktober ziehen die Frauen durchs Land und bringen Zirkusatmosphäre in Dörfer und Städte - und müssen dabei beim Leben im Wohnwagen kaum auf etwas verzichten: Perfekt eingerichtete Küche mit Geschirrspüler, Herd und allem was dazugehört, ein Wohnwagen mit Couch, Fernseher, Dusche und Waschmaschine im Nachbarwagen - "da ist mehr Platz als in manchem Ein-Zimmer-Appartement", meint Nicole Köllner. "Wir leben wie andere auch." Da bleibe selbst für Zirkusfrauen Zeit, mal shoppen zu gehen und Freundschaften zu pflegen. Und doch gibt es auch für die Schwestern Momente, "da gibt es Stress". Bei jeder Tour zum neuen Veranstaltungsort im Wohnwagen alle Sachen hoch- und runterräumen, "das nervt schon manchmal", sagt Sandra.

Dem Ascona-Trio liegt der Zirkus im Blut: "Ich habe nie etwas anderes gemacht. Wir haben es uns selbst ausgesucht", sagt die Schwester. Ihre Oma habe noch mit 90 Jahren einen Spagat gezeigt. "Die Manege war unser Spielplatz", erinnern sich die beiden Frauen. Andere Kinder seien in die Ballettschule gegangen, "wir haben in der Manege geübt", erzählt Sandra Köllner in ihrem Winterquartier im brandenburgischen Putlitz. Sandra auf dem Boden, Nicole in der Luft: "Da wächst du rein", fügt Nicole hinzu. Mit sieben sei sie "das erste Mal in der Luft gewesen" - sechs Meter hoch, am Seil in der Manege, während Sandra vom Vater die ersten Tierdressuren beigebracht bekam.

Die Köllners: Wie hunderte andere Zirkuskollegen sind sie Kraftfahrer, Akrobat, Dresseur, Karten- und Popcornverkäufer, Schneider für die eigenen Kostüme, Tierpfleger in einem - "Allroundkünstler", meint Nicole Köllner. Auch im Winter: Nach den Weihnachtsvorstellungen gibt es Zirkus im Kleinformat - in Altenheimen, Kindergärten: "Damit halten wir uns über Wasser", sagt die 31-jährige Schwester. Zuschüsse vom Staat wie in anderen europäischen Ländern gebe es nicht. Einige Gemeinden würden den Zirkusleuten zwar entgegenkommen. Doch Zirkus in Deutschland, das geht ins Geld: Strom, Platzmiete, Plakatierungsgebühren, Tierarztkosten, Zelt- und Krankenversicherung: Da könnten schon mal 1000 Euro zusammenkommen, nur, damit die Plakate angebracht und auf die Zirkusvorstellung hingewiesen werden kann. Nein, reich könne man mit dem Zirkusbetrieb nicht werden. Die beiden Frauen sind trotzdem zufrieden: "Wir sind Überlebenskünstler", lächelt Sandra Köllner. "Es reicht uns, wenn wir unser Auskommen haben und gesund bleiben", fügt Nicole Köllner hinzu.

Staunen, lachen, träumen - über urkomische Clownerie, liebevolle Hunderevue, eine Ziegen- und Pferdedressur, tollkühne Akrobatik und grazile Artistik, mexikanische Lassospiele, Feuerschlucker, fliegende Engel, Handstandakrobatik wie noch bis kommenden Sonntag in Neuruppin - den Besuchern gefällts im Familienzirkus. Immer wieder kämen neue Programmteile hinzu. "Dann wird geübt bis es sitzt", meint Nicole Köllner. Jeder Fehler würde sofort auffallen. "Bei uns sind alle ganz nah dran", sagt ihre Schwester, so nah, dass Kinder selbst Teil der Vorstellung werden und Zuschauer an der Zielscheibe der Messerwurfkunst von Nicole Köllner vertrauen müssen. "Applaus ist des Künstlers Brot", meint sie. "Lieber weniger in der Kasse, als kein Applaus."

Auch nach hunderten Vorstellungen können die Köllners vom Zirkus nicht genug bekommen: Wenn Zeit bleibe, gehe sie selbst in die Vorstellung von Kollegen. "Es reizt zu sehen, wie andere ihre Kunststücke präsentieren", meint Nicole Köllner. Für Nachwuchs im Ascona-Zirkus ist längst gesorgt: 17 Nichten und Neffen zählen die Schwestern. "Unser Zirkus stirbt nicht aus", meint Nicole während ihre achtjährige Nichte Kimberly wie auf Bestellung ihre ersten Akrobatik-Kunststücke zum besten gibt. "Wir werden damit alt", meint sie: "Man wird im Zirkuswagen geboren und stirbt auch da."

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