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Spidermans vergeblicher Kampf

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erstellt am 14.Dez.2012 | 04:18 Uhr

Bad Doberan | Als Lucas plötzlich anfing zu humpeln, dachte niemand etwas Schlimmes. Schließlich war der Dreieinhalbjährige sehr lebhaft, wahrscheinlich hatte er sich einfach im Kindergarten beim Toben oder beim Sport wehgetan. Doch das Humpeln ging nicht wieder weg. "Wir haben damals einen regelrechten Ärztemarathon zurückgelegt, bis wir wussten, was los war", erinnert sich Sylvia Argelander, Lucas Mutter, an jene Wochen im Jahr 2005. Die Diagnose war niederschmetternd: Zwischen Wirbelsäule und Lunge hatte sich bei dem kleinen Jungen ein Neuroblastom gebildet, ein bösartiger Tumor. Und damit nicht genug: Die Erkrankung war schon sehr weit fortgeschritten, der Tumor hatte bereits Metastasen gestreut.

"Es ging nicht mehr ums Überleben, sondern nur noch ums Längerleben", sagt Sylvia Argelander heute. Damals habe sie die Tragweite der Diagnose gar nicht erfasst. Einen Abend lang habe sie sich bei den Eltern und ihrer großen Schwester ausgeheult, "aber dann haben wir angefangen zu kämpfen".

Erinnerung an viele lustige Begebenheiten

Lucas bekam mehrere Zyklen Chemotherapie, und weil auch das Knochenmark von Metastasen befallen war, wurden ihm Stammzellen transplantiert. "Mein kleiner Kämpfer, mein Stehaufmännchen", sagt Sylvia Argelander, wenn sie daran denkt, wie ihr Sohn diese Zeit gemeistert hat. Sie selbst sei nicht der Typ, der viel rumlamentiere. Aber es hätte Situationen gegeben, für die auch ihre Kräfte kaum ausgereicht hätten. Ihn vor der Stammzelltransplantation nur mit Handschuhen anfassen und nur durch einen Mundschutz küssen zu dürfen, zum Beispiel. Oder mit Lucas auf der Krebsstation in einem Zimmer zu übernachten - das hätte sie nur in den ersten vier Wochen geschafft. All die Geräte, die blinkten und Geräusche machten, hätten ihr Schlaf und Kräfte geraubt. "Aber ich musste doch stark sein für Luci." Also sei sie, wenn ihr Sohn schlief, nach Hause nach Bad Doberan gefahren - und morgens gleich früh wieder zurück nach Rostock. Ihre Eltern, ihre Schwester, ihr Freund, der heute ihr Mann ist und mit dem sie damals gerade zusammengekommen war - sie alle hätten versucht, ihr so viel wie möglich abzunehmen. Aber die Hauptlast musste sie doch allein tragen.

Heute erzählt Sylvia Argelander zumeist lustige Begebenheiten aus jener Zeit. Wie ihr Sohn auf einem Bobbycar über die Flure der Kinderkrebsstation sauste und sie versuchte, mit dem rollbaren Infusionsständer hinterherzukommen. Wie der Junge darauf bestand, dass nicht Lucas, sondern Spiderman als sein Name an die Zimmertür geschrieben wurde - und wie selbst der Chefarzt mitspielte und ihn nur noch mit Spiderman ansprach. Wie Lucas, den es überhaupt nicht zu stören schien, dass ihm durch die Chemo die Haare ausgingen, eben jenem Chefarzt übers Haar strich und meinte: "Das ist aber wuschelig." Wie die Eltern von der eingeschworenen Truppe der kleinen Krebspatienten einfach vor die Tür geschickt wurden, wenn ihre Lieblingstrickfilme gezeigt wurden. "Bob, der Baumeister" zum Beispiel. Wie sein Filmheld habe Lucas ganz oft gesagt "Yo, wir schaffen das" - und dabei übers ganze Gesicht gestrahlt.

"Wir waren wie Akku und Ladegerät, einer hat dem anderen immer wieder neue Kraft gegeben", versucht Sylvia Argelander, das besonders enge Verhältnis zu ihrem Sohn zu beschreiben. Nie habe der Kleine geklagt. Aber er sei, als die Chemo begann, auf Schlag älter geworden, reifer. So hätte er als noch nicht mal Vierjähriger einem Arzt gesagt, er möge doch bitte nicht irgendwelche Handschuhe anziehen sondern sterile, wenn er seinen Katheter anfassen will.

"Lucas wusste, dass seine Krankheit schlimmer als ein Schnupfen war. Er wusste, dass er niemanden anstecken konnte, aber dass alle anderen für ihn ansteckend waren", erzählt seine Mutter. Deshalb hätte er auch oft einen Mundschutz getragen, wenn sie unter Menschen gewesen wären. "Nicht glotzen, fragen Sie mich doch einfach", hätte er einmal zu Passanten gesagt, die an so einem Tag allzu neugierig in seine Richtung gestarrt hätten.

Dass er nicht mehr gesund würde, habe ihr Sohn gewusst, ohne dass sie es ihm ausdrücklich gesagt hätte, erklärt Sylvia Argelander. Sie selbst habe bis zum Schluss gehofft, dass doch noch alles wieder gut werden würde. Und es sah für einige Zeit tatsächlich danach aus. "Der Tumor konnte operiert werden. Lucas Werte wurden immer besser. Er konnte auch wieder in den Kindergarten gehen." Anfang 2007 fuhren Mutter und Sohn für vier Wochen nach Sylt zur Kur - "das war die schönste Zeit", sagt Sylvia Argelander.

Rammstein verband Mutter und Sohn

Dann kam der Rückfall. "Lucas hat nur gesagt, was soll’s, kein Problem, aber ich möchte wieder einen Katheter", erinnert sich seine Mutter. "Seine größte Sorge war, dass er wieder dauernd gestochen werden könnte, zum Blutabnehmen und mit Spritzen…"

Wieder bekam der kleine Junge eine Chemotherapie. Doch es stellten sich Komplikationen ein - ein Darmverschluss, eine Sepsis. Lucas kam auf die Intensivstation. Und schließlich musste die Therapie abgebrochen werden, weil der Fünfjährige dafür einfach zu schwach war.

"In den letzten Wochen habe ich nur noch gemacht, was er wollte. Wir waren noch mal im Zoo, die Klinikclowns kamen zu uns nach Hause. Und wir haben ganz viel Rammstein gehört - die mochte Lucas, genau wie ich", erzählt seine Mutter. Sie hätte gewollt, dass er zu Hause stirbt. Aber nach einer besonders schlimmen Nacht rief sie doch in Rostock in der Klinik an. "Bringen Sie Lucas wieder zu uns", habe die Ärztin, die in all den schweren Monaten für sie da war, zu ihr gesagt, erinnert sich die Mutter. "Wilder Wein" von Rammstein habe sie Lucas im Auto vorgesungen. Dabei, in ihren Armen, sei ihr Sohn gestorben. "Ihr braucht jetzt nicht mehr zu rasen", hätte sie zu ihrem Vater und ihrem Freund gesagt - und dann hätte sie alles nur noch wie durch einen Schleier, wie in einem Film wahrgenommen…

Mit dem kleinen Bruder noch mal nach Sylt

Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Lucas hat immer noch einen festen Platz im Leben seiner Mutter - "und das wird sich nie ändern". In einer Schublade bewahrt sie Dinge auf, die ihm gehört haben: eine selbst genähte Kathetertasche, Kleidungsstücke, Spielzeug. Aber die Schublade ist kein Gedenkschrein. Joel zum Beispiel darf mit all den Dingen spielen, die einst seinem großen Halbbruder gehörten. Der Viereinhalbjährige hat Lucas nie kennengelernt, aber er weiß, dass es ihn gab - und er weiß, dass sein Bruder gestorben ist. "Um zu verstehen warum, ist er noch zu klein", sagt seine Mutter. Aber irgendwann will sie mit ihm auch darüber reden. Und irgendwann will sie mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn auch dorthin fahren, wo sie mit ihrem großen Sohn noch einmal unbeschwert und glücklich war - nach Sylt.


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