Flüchtlinge in MV : Sind die Kommunen vorbereitet?

In einer ehemaligen Bundeswehr-Sporthalle in Stern-Buchholz bei Schwerin wurde kurzfristig eine Notunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet.
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In einer ehemaligen Bundeswehr-Sporthalle in Stern-Buchholz bei Schwerin wurde kurzfristig eine Notunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet.

Umfrage unserer Zeitung in Städten und Kreisen - Notunterkünfte sind eingerichtet, Helfer stehen bereit. Niemand weiß, ob die Vorbereitungen ausreichen

svz.de von
11. September 2015, 06:30 Uhr

Das Innenministerium schlägt Alarm: Gestern erreichte die Landräte und Oberbürgermeister ein Brief, dass die Flüchtlinge, die täglich zu Hunderten in MV ankommen, nicht mehr vollständig in den Erstaufnahmelagern bei Boizenburg und Schwerin aufgenommen werden können. Asylanträge, Gesundheitsuntersuchungen und die Erstaufnahme muss in einzelnen Fällen in den Kreisen erfolgen. Schon gestern wurden 75 Flüchtlinge direkt weitergeschickt, heißt es in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt. Aber sind die Kreise darauf vorbereitet? Wie viele der inzwischen erwarteten 16 300 Menschen – Tendenz steigend – kommen jetzt direkt in den Kommunen an? Die Städte und Landkreise versuchen sich auf die Lage einzustellen, suchen nach Unterbringungsmöglichkeiten und Helfern. Wir haben in den Städten und Kreisen nachgefragt, wie die Situation aussieht, welche Hilfsangebote es gibt und wie sie sich vorbereiten.

Schwerin
In der Landeshauptstadt Schwerin stehen derzeit 76 Übergangswohnungen zur Verfügung. Das entspricht einer Kapazität von 312 Plätzen. Bisher sind in diesen Wohnungen 231 Flüchtlinge untergebracht. „Bis Jahresende erwarten wir nach den derzeitigen Prognosen 468 Flüchtlinge“, sagt Stadtsprecherin Michaela Christen. Daher werde fortlaufend neuer leerstehender Wohnraum akquiriert. Notunterkünfte in Turnhallen seien nicht geplant. Um die in Schwerin verbleibenden Flüchtlinge zu betreuen, hat Nicole Ben Ali ihre Arbeit als Ehrenamtskoordinatorin aufgenommen. Gemeinsam mit der Schweriner Flüchtlingshilfe organisiert sie unter anderem Deutschkurse . Die Vergabe von Sachspenden wie Kleidung ist dort ebenfalls möglich. Was im Einzelnen benötigt wird, gibt die Stadt unter www.schwerin.de bekannt. Dort werden Ansprechpartner für die weitere Flüchtlingshilfe aufgelistet. „Wir erleben in Schwerin eine große Welle der Hilfsbereitschaft“, hebt Michaela Christen hervor. Bestehende Angebote der Kleiderkammern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und des Arbeitslosenverbandes (Awo) können zudem bis auf weiteres für Sachspenden genutzt werden. Geldspenden nimmt der Verein Schweriner Ortsbeiräte und Präventionsräte entgegen.
Rostock
Bisher gibt es in der Hansestadt Rostock etwa 400 zugewiesene Flüchtlinge. Bis Ende des Jahres kommen zirka 600 weitere dazu. „Wir gehen davon aus, dass im nächsten Jahr 2100 Flüchtlinge nach Rostock kommen“, sagt Stadtsprecher Ulrich Kunze. Die Unterbringung sei derzeit noch nicht vollständig geklärt. Das Asylbewerberheim in der Satower Straße soll ausgebaut werden. Auch die städtischen Wohnungsunternehmen stellen Unterkünfte zur Verfügung. „Wir wollen bei der dezentralen Unterbringung bleiben“, betont Kunze. Zeltplätze, Turnhallen oder Wohncontainer seien keine Alternative. Der geringe Wohnungsleerstand in Rostock von zwei Prozent stellt die Stadt jedoch vor Herausforderungen. Um den Problemen zu begegnen, wird derzeit die Einrichtung einer weiteren Gemeinschaftsunterkunft geprüft. Mietangebote privater Anbieter sind beim Amt für Jugend und Soziales einzureichen. Die Anfragen nach ehrenamtlicher Unterstützung seien kaum zu bewältigen und werden derzeit vom Verein Ökohaus als Betreiber der Asylunterkunft koordiniert. Dort sind Sachspenden nach vorheriger telefonischer Absprache willkommen (Telefon: 0381/45 59 41). Zudem wird dort derzeit eine Kleiderkammer eingerichtet.
Landkreis Ludwigslust-Parchim
600 Flüchtlinge sollen in diesem Jahr im Landkreis Ludwigslust-Parchim ankommen. Dafür wurden Wohnungen in Neustadt-Glewe, Parchim und Hagenow angemietet. Sowohl in Heidhof, als auch in der Stadt Hagenow wurden zudem kurzfristig Unterkünfte mit je 70 Plätzen hergerichtet. Darüber hinaus werden 60 Flüchtlinge in einer Notaufnahmeeinrichtung in einer Sporthalle in Zahrensdorf betreut. Sie fungieren als Außenstellen der Erstaufnahmestelle für Asylbewerber und Flüchtlinge des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Horst bei Boizenburg. „Nach meiner Kenntnis haben die Erstaufnahmestellen des Landes keinerlei freie Kapazität mehr“, erklärt Landrat Rolf Christiansen (SPD)die Notwendigkeit schneller Hilfe. Als unterstützendes Angebot soll eine Internetseite eingerichtet werden, auf der sich hilfsbereite Anwohner informieren können. Simone Schmerer, Sachbearbeiterin für Migration und Integration im Landkreis weiß: „Es werden Helfer benötigt – vor allem solche, die beständig mitanpacken. Wir brauchen vor allem Helfer, die die dezentral untergebrachten Flüchtlinge beispielsweise zu Behördengängen begleiten .“

Sachspenden nehmen die Gemeinschaftsunterkunft in Parchim sowie die Wach- und Sicherungsdienst in Mecklenburg GmbH und Co. KG entgegen. Auch die einzelnen Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt und des DRK beantworten Hilfsangebote.

Landkreis NordwestMecklenburg
Für die 70 zugewiesenen Flüchtlinge hat der Landkreis Nordwestmecklenburg mit dem Verein Alte Schule ein Gutshaus in Meetzen hergerichtet. „Es war alles vorbereitet. Doch es sind bislang nur zwölf Flüchtlinge angekommen. Wir wissen nicht, wo die weiteren 58 Menschen geblieben sind“, erklärt Monika Mahlke, Referentin der Landrätin. Die Situation im Kreis sei derzeit überschaubar. „Auf die Ankunft weiterer Flüchtlinge sind wir gut vorbereitet“, sagt Mahlke und fügt hinzu: „Anfangs dachten wir noch, wie wir das wohl alles schaffen sollen.“

Gleichzeitig wächst auch die Zahl derer, die die Menschen unterstützen möchten. Beim Fachdienst Soziales und bei der DRK-Mitmachzentrale Nordwestmecklenburg können sich ehrenamtliche Helfer melden. Sachspenden wie Kleidung nehmen die Arbeitslosenverbände in Gadebusch, Bad Kleinen und Grevesmühlen entgegen, Möbel können an die FAW in Wismar und Grevesmühlen gespendet werden.

Landkreis Rostock
Momentan leben im Landkreis Rostock rund 1600 Flüchtlinge. Davon sind 500 zentral und 1100 dezentral untergebracht. Weitere 1100 Flüchtlinge werden in diesem Jahr noch erwartet. „Wir versuchen vor allem die angekommenen Familien in Wohnungen einzuquartieren“, sagt Kay-Uwe Neumann, Sprecher des Landkreises. Nach einigen Aufrufen hätten sich zahlreiche Privatvermieter gemeldet, die ihre Wohnungen zur Verfügung stellen. 2016 rechnet der Landkreis mit 2700 Neuankünften. „Angesicht der Zahlen müssen wir vorbereitet sein. Gerade diejenigen, die dezentral untergebracht werden, sind auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen“, beteuert Neumann. „Wir haben viele Anfragen. Die Menschen wollen helfen, das funktioniert auch in weiten Teilen, doch leider noch nicht überall.“ Wer sich ehrenamtlich engagieren oder Sachspenden abgeben möchte, kann sich beim Büro für Chancengleichheit melden. Auch die Kleiderkammern nehmen Sachspenden entgegen.
Landkreis Mecklenburgische Seenplatte
Auch die Zahl der Flüchtlinge, die in den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte kommen, ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. „Die Gemeinschaftsunterkunft im Markscheiderweg erreichte ihre Kapazitätsgrenzen“, sagt Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos). Insgesamt seien in der Stadt derzeit 611 Menschen zentral und 234 dezentral untergebracht. „Die Situation ist für alle Beteiligten mit großen und ernsten Herausforderungen verbunden“, betont Witt.

Aktuell rechnet der Landkreis mit 400 weiteren Flüchtlingen in den kommenden Wochen. Das Bundeswehr-Gelände in Basepohl soll zu einer weiteren Erstaufnahme-Einrichtung umgestaltet werden. Auch in Fünfeichen bei Neubrandenburg wurde eine leerstehende Kaserne als Unterkunft umfunktioniert. 50 bis 60 einfache Notplätze wurden in der Turnhalle Neubrandenburg, Ihlenfelder Straße, bereitgestellt. Außerdem soll bis Ende des Jahres eine Gemeinschaftsunterkunft in Jürgenstorf mit 200 Plätzen aufgebaut werden. Die Hilfe in Neubrandenburg wird über die zentrale Mail-Adresse fluechtlingshilfe@neubrandenburg.de organisiert. Die Malteser Werke gGmbH, das CJD Waren , aber auch der AWO Stadtverband Neubrandenburg übernehmen die soziale Betreuung der Flüchtlinge.

Landkreis Vorpommern-Rügen
Von den bis Jahresende erwarteten 2861 Flüchtlingen sind bisher 1143 Menschen im Landkreis Vorpommern-Rügen angekommen. „Wir rechnen wöchentlich mit 100 Menschen“,, sagt Olaf Manzke, Sprecher des Landkreises. Vor 2013 gab es in der Region so wenig Flüchtlinge, dass Asylunterkünfte geschlossen werden mussten. „Auf den plötzlichen Ansturm waren wir nicht vorbereitet“, hebt Manzke hervor. Die Mehrzahl der Flüchtlinge seien dezentral untergebracht, in Gemeinschaftsunterkünften wohnen derzeit 449 Menschen.

Im Landkreis herrsche generell eine Willkommenskultur. „Familien, die hier bleiben möchten, sollen integriert werden“, erläutert Manzke. Auf der Internetseite http://lk-vr.de/Eigenbetrieb-Jobcenter hat der Kreis eine Übersicht über die vielfältigen Hilfen für Flüchtlinge und Migranten erstellt.

Landkreis Vorpommern-Greifswald
Gegenwärtig hat der Landkreis Vorpommern-Greifswald 1845 Flüchtlinge. Bis Jahresende werden es 3055 sein. Untergebracht sind sie in Gemeinschaftsunterkünften in Wolgast, Greifswald, Anklam und Torgelow, aber auch dezentral in Wohnungen. „Jeder, der ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge anbieten möchte, kann sich an unseren Integrationsbeauftragten Ibrahim Al Najjar wenden“, erklärt Anke Radlof, stellvertretende Sprecherin des Kreises. Täglich erreichen ihn allein bis zu 20 Hilfeangebote auf telefonischem Weg. Unterstützt wird er vom Integrationsverein Vorpommern. Kleidung sollte vor allem in die Kleiderkammern des Landkreises gebracht werden. „Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist sehr hoch“, freut sich Radlof.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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