Selbstständige Schule: Theorie 2, Praxis 4

Naturwissenschaft nach der Mittagspause: Ursel Wiebke unterrichtet Physik in der 7. Klasse. Reinhard Klawitter
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Naturwissenschaft nach der Mittagspause: Ursel Wiebke unterrichtet Physik in der 7. Klasse. Reinhard Klawitter

Alle 514 allgemein bildenden Schulen im Land sind zum Schuljahresbeginn in die Selbstständigkeit gestartet. Die letzten Weichen dafür wurden gestellt, als die Schulgesetznovelle im Februar den Landtag passierte. Wie eine Idee, die seit gut sechs Jahren auf dem Papier existiert, in der Praxis aussieht? Ein Schulbesuch zeigt es.

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17. September 2009, 11:55 Uhr

Schwerin | Der Plan ist gut. "Mehr Qualität durch mehr Freiraum und mehr Verantwortung" sieht er vor, nachzulesen auf der Internetseite des Bildungsministeriums. Stichwort: Die Selbstständige Schule. Im Schuljahr 2003/2004 hatten 20 Schulen im Land in einem Modellversuch erprobt, wie die Theorie in der Praxis funktionieren könnte und mehr Selbstständigkeit gewagt. Sie übernahmen, wie es im ministerialen Ton heißt, "eigenständig die Ausgestaltung von den Arbeitsfeldern Personalmanagement, Unterrichtsgestaltung/-organisation, Mittelbewirtschaftung sowie inner- und außerschulische Partnerschaften".

Mit dem Ergebnis, dass die Selbstständige Schule das Etikett "Erfolg versprechend" erhielt und nunmehr auf ganz Mecklenburg-Vorpommern ausgedehnt werden sollte. Einige Jahre und mehrere Schritte weiter - zuletzt mit der Schulgesetznovelle im Februar 2009 - sind nunmehr die 514 allgemein bildenden Schulen des Landes als "Selbstständige" ins Schuljahr 2009/2010 gestartet.

Schülerzahlen, immer wieder SchülerzahlenDer Plan war gut. Das nickt Karsten Hill ohne Wenn und Aber ab. Seit 1995 leitet er die Regionale Schule mit Grundschulteil in Zehna, eine typische Landschule zwischen Goldberg und Güstrow. Seine Schülerinnen und Schüler kommen aus 30 Dörfern ringsum, die ersten steigen 6.40 Uhr an der Kreuzung Prüzen in den Schulbus. Für die Grundschüler gibt es noch - kürzere Wege für kürzere Beine - eine Außenstelle in Mühl Rosin.

Derzeit lernen 276 Kinder und Jugendliche an der Zehnaer Schule, bis zur Jahrgangsstufe 6 in zwei Klassen. Durch Wechsel ans Gymnasium in Güstrow geht es ab Klasse 7 einzügig weiter. In diesem Jahr fehlt zum ersten Mal seit Bestehen der Schule eine 10. Klasse. Vor fünf Jahren waren nicht genug Anmeldungen für die damalige 5. zusammengekommen. "Ein Lücke, die sich im nächsten Jahr schließt", sagt der Schulleiter.

Zum Lehrerkollegium gehören 22 Frauen und Männer, hinzu kommen drei Lehrer, die anreisen, um Unterstützung in den Fächern Philosophie, Sport und Musik zu geben. Das Durchschnittsalter der Lehrerschaft liegt knapp jenseits der 50. Fragen zu Abrechnung und Statistik beantwortet Karsten Hill aus dem Stehgreif. So gut wie nichts bleibt ungezählt nach dem Willen seiner Vorgesetzten in Schulamt und Ministerium. "So oft wie wir Schülerzahlen melden müssen…", Karsten Hill beendet den Satz mit einem zackigen Kopfschütteln. "Ich habe den Eindruck, dass man uns nicht traut."

Die wachsende Bürokratie ist denn auch einer seiner Kritikpunkte an der Selbstständigen Schule, die in Zehna bereits in den vergangenen Schuljahren praktiziert wurde. Der Schulleiter weist auf einen daumendicken Stapel Papier. Für Vorbereitung und Start der Selbstständigkeit gab es Geld aus dem Europäischen Sozialfonds. Vom Zuschuss im vergangenen Schuljahr kam in diesem weniger als die Hälfte. "Leider." Gleich blieb hingegen die Abrechnung. Der daumendicke Stapel ist "nur der Nachweis für ein Halbjahr."

Ein anderer Ordner fasst die Buchführung, die mit der Selbstständigen Schule und dem damit verbundenen eigenen Schulbudget vorgeschrieben ist. Eine Pflicht, die manchem Schulleiter graue Haare beschert. Karsten Hill ist froh, dass er Erfahrung hat mit dem Thema. Er führt seit Jahren freiwillig Buch: "Um zu wissen, wo ich stehe."

Die Kehrseite der Mehrarbeit - die Garantie zur Vollbeschäftigung für die Schulleitung, die das Bildungsministerium zugesichert hatte. "Ein eingelöstes Versprechen", stellt Karsten Hill fest. Und eine Notwendigkeit.

Auch mit der Chance des selbstständigen Schulleiters, selbst Stellen zu besetzen, geht Zehnas Schulleiter zu Gericht. "Beim Personal sind mir die Hände gebunden", sagt er. Ein Ärgernis sei die Gleichmacherei durch das Lehrerpersonalkonzept. Ein anderes die Schulentwicklungsplanung. Denn: "Wer kommt denn an eine Schule, die alle sechs Jahre infrage gestellt wird?"

2010 schlägt Zehna erneut die Stunde, schon zum dritten Mal. Jedes Mal, wenn der Landkreis Güstrow über das Schulentwicklungskonzept zu befinden hat, werden Schulstandorte wegen sinkender Schülerzahlen ausradiert. Mehr als ein Drittel dürften es bereits sein, schätzt Karsten Hill, der sich dafür einsetzt, die Schulstruktur nun endlich festzuschreiben, damit Ruhe einkehrt, und gearbeitet werden kann.

"Ich das Material, ihr die Arbeit" Als Vorteil einer Selbstständigen Schule nennt Karsten Hill die Freiheit zur Gestaltung der Stundentafel. Der Spielraum sei etwas größer geworden, seit Lehrerstunden nicht mehr bezogen auf Klassen sondern auf Schüler berechnet werden. So könne auch in Lerngruppen unterrichtet werden, eine Möglichkeit, die in Zehna zu Leistungvereinbarungen zwischen Schüler, Eltern und Lehrer geführt hat. Wer in Hauptfächern wie Deutsch, Mathe oder Englisch schlechter als 2 oder 3 steht, nimmt am Förderunterricht teil. Wer am Förderunterricht teilnimmt, verbaut sich die anderen spannenderen Nachmittagsangebote wie Sport, Chor, Schülerzeitung, Internet, Klubarbeit oder Kochkurse. Sie stehen bei den Schülern hoch im Kurs, seit sich das Kollegium in Zehna 2004 dem Konzept der Ganztagsschule verschrieben hat. "Um neben dem Lehren auch wieder mehr zu erziehen", wie Karsten Hill es formuliert.

Die "neu erfundenen" Nachmittagsangebote konnten die Lehrer trotz zusätzlicher Stunden aber nicht allein absichern, darum kamen Partner von außerhalb hinzu: Sportvereine, die Freiwillige Feuerwehr, Jugendarbeiter aus dem Amtsbereich. Mittlerweile nutzen 85 Prozent der Schüler die Ganztagsmöglichkeiten, das Gros der anderen geht auf eigene Faust oder mit Hilfe der Eltern einer Freizeitbeschäftigung nach. Nur zwei Schülern attestiert der Schulleiter eine "Null-Bock-Einstellung". Womit er das größte Pfund seiner Landschule verdeutlicht - die familiäre Atmosphäre.

Karsten Hill kennt seine Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern, die Pappenheimer unter ihnen. Er kennt Hinz und Kunz im Sprengel, Handwerker, Firmenbosse. Bisweilen empfiehlt er ihnen den einen oder anderen seiner Schützlinge für die Berufsausbildung. Wenns klappt, ist ein Dankeschön durchaus willkommen. Karsten Hill geht durch die in mediterranem Orange gehaltenen Schulflure ins Hauswirtschaftskabinett. Freistehende Balken trennen die geflieste Lehrküche vom Klassenraum. Holzkonstruktion wie Fliesenboden stammen von früheren Schülern. Mit dem Spruch "Ich das Material, ihr die Arbeit" hat der Schulleiter die Ehemaligen zum Einsatz für die alte Schule bewogen.

Abgangszeugnis und Ausbildungsvertrag"Wir müssen die Kinder lebenstüchtig machen", sagt er, "das heißt vor allem fit für die Ausbildung." Gern würde er die vielen Statistiken, die zu führen er verpflichtet ist, um eine weitere bereichern - die Zahl der Schüler, die mit dem Abgangszeugnis auch einen Ausbildungsvertrag in der Tasche haben. "In den vergangenen Jahren waren es immerhin durchschnittlich 85 bis 87 Prozent."

Der Plan der Selbstständigen Schule ist gut, dabei bleibt Karsten Hill den kritischen Überlegungen zum Trotz. Soll er - wie es einem Lehrer ansteht - Noten erteilen so gibt er für die Theorie eine 2. Den praktischen Teil bewertet er indes mit 4. Mehr Flexibilität bei den Lehrerstunden, mehr Sicherheit für den Standort seiner Schule und ein Stück mehr Vertrauen von den Vorgesetzten würde er sich wünschen, um sich noch mehr selbstständig zu fühlen.

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