Sechs Tage zwischen Leben und Tod

Karin von Hülst, EHEC-Patientin
1 von 2
Karin von Hülst, EHEC-Patientin

von
08. Mai 2013, 10:15 Uhr

Schwerin | Der Albtraum beginnt ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag: Karin von Hülst hatte tagelang Durchfall, dann ging es ihr kurzzeitig wieder besser. Doch am 26. Mai 2011 hat sie plötzlich dieses extreme Schwächegefühl, kann sich kaum auf den Beinen halten. Ihr Mann bringt sie in die Notaufnahme der Schweriner Helios-Kliniken. Dort stellen die Ärzte akutes Nierenversagen fest. Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), die schwere Verlaufsform von Ehec, lautet die Diagnose. Die 50-Jährige wird an ein Dialyse-Gerät angeschlossen, von da an kann sie sich an nichts mehr erinnern. "Ich weiß nur noch, wie ich weggedämmert bin", sagt die Kladowerin. Akutes Nierenversagen, epileptische Anfälle, neurologische Ausfälle - tagelang kämpfen die Ärzte um ihr Leben. Nach sechs Tagen erwacht sie aus dem Koma. "Heute bin ich wieder ganz gesund", sagt sie. Doch noch oft muss die Ehefrau und zweifache Mutter daran denken, dass es auch anders hätte ausgehen können.

117 Ehec-Fälle im Nordosten

Eine neue Form des aggressiven Darmkeims Ehec wurde im Frühsommer 2011 zur lebensbedrohlichen Gefahr - vor allem in den nördlichen Bundesländern. Den Beginn des Ausbruchs der Epidemie datiert das Robert-Koch-Institut auf den 8. Mai 2011. Damals nahm mit dem ersten Fall in Friesland die bislang schwerste beschriebene Ehec-Epidemie in Deutschland ihren Lauf. Rund 3800 Menschen erkrankten bundesweit, 53 von ihnen starben an den Folgen der Erkrankung - darunter auch eine 87-jährige Frau in Parchim sowie eine 80-jährige Frau aus Thüringen, die zur Reha-Kur im Nordosten war. In ganz Mecklenburg-Vorpommern wurden während der Epidemie insgesamt 117 Ehec-Fälle registriert, so das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus). Die am schwersten betroffenen Landkreise Ludwigslust und Parchim meldeten jeweils 28 bzw. 27 Erkrankte. In Neubrandenburg hingegen gab es gar keinen registrierten Fall.

Medikament Soliris ist wirkungslos

38 Ehec-Patienten aus MV hatten sich darüber hinaus mit der gefährlichen Komplikation HUS infiziert. Mit unterschiedlichen Behandlungsmethoden versuchten Kliniken, die Infektion zu bekämpfen: So kam in der Klinik für Nephrologie der Schweriner Helios-Kliniken das Medikament Soliris zum Einsatz. Dieses Mittel des US-amerikanischen Biotechnologiekonzern Alexion war gegen diese spezielle Erkrankung gar nicht zugelassen, hat aber bei Versuchen an der Medizinischen Hochschule in Hannover (MHH) Erfolge erzielt, erklärt Prof. Jens Nürnberger, Chefarzt der Klinik. Aus diesem Grund wurden damit auch in Schwerin Patienten behandelt. "Allerdings", ist sich Prof. Nürnberger mittlerweile sicher, "ist das Medikament wirkungslos." Vergleiche zwischen Patientengruppen mit und ohne Soliris-Behandlung hätten keine Unterschiede im Krankheitsverlauf und Genesungsprozess ergeben. Geholfen hätten Karin von Hülst wie auch den weiteren vier HUS-Fällen in der Klinik laut Prof. Nürnberger Antibiotika und Dialyse-Behandlung. Alle damaligen Patienten seien heute wieder vollständig gesund.

Auch von den sechs Patienten mit HUS, die im Greifswalder Universitätsklinikum behandelt wurden, sind alle wieder vollständig genesen, erklärt Oberärztin Prof. Julia Mayerle. Trotz Nierenversagens sei keiner der Patienten mehr auf eine Dialyse angewiesen. In Zusammenarbeit mit der MHH behandelten Wissenschaftler aus Greifswald unter der Leitung des Transfusionsmediziners und Gerinnungsexperten Prof. Andreas Greinacher zwölf Patienten im Alter von 38 bis 63 Jahren mit HUS und schwersten neurologischen Ausfällen mit einer neuen Methode: Eine spezielle Blutwäsche filtert dabei gezielt die Antikörper heraus. Mit diesem neuen Therapieansatz gelang den Greifswalder Wissenschaftlern ein Fortschritt bei der Behandlung der schweren HUS-Infektionen. Greinacher erhielt dafür im vergangenen Jahr den DRK-Wissenschaftspreis.

Neue Therapie hilft HUS-Patienten

Inzwischen ist belegt, dass aus Ägypten importierte Bockshornklee-Samen für die Epidemie verantwortlich sind. Damals jedoch wurde über die Ursache von Ehec lange gerätselt. In Verdacht gerieten zunächst Salatgurken, Blattsalate und rohe Tomaten, insbesondere aus Norddeutschland. Die Kunden waren verunsichert, Gemüsebauern aus MV fanden kaum noch Abnehmer und blieben auf ihrer Ware sitzen. Den durch die Krise entstandenen Schaden bezifferten sie später auf 2,34 Millionen Euro. Einer der größten Erzeuger für Obst und Gemüse bundesweit, die Mecklenburger Ernte, musste ihre Ernte sogar einstellen. Der Verdacht stellte sich schließlich als falsch heraus und die Norddeutschen fassten wieder Vertrauen zum rohen Gemüse. Nachdem sich der Verdacht der Bockshornklee-Samen als Auslöser bestätigt hatten, verhängte die EU ein Einfuhrverbot von bestimmten Sprossen und Samen aus Ägypten. Der europaweite Stopp reichte bis ins Jahr 2012.

Die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern hat grundsätzlich keine Einwände gegen den Verzehr von Sprossengemüse. "Nur Risikogruppen wie Kleinkinder oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem sollten diese nicht roh essen", so Mitarbeiterin Sandra Reppe. Ehec-Bakterien stecken vor allem in anderen Lebensmitteln wie Fleisch und Rohmilch.

Bei Karin von Hülst waren es wahrscheinlich Sprossen im Salat, den sie regelmäßig gegessen hat - und es auch heute noch tut: "Ich esse immer noch viel Salat." Angst vor einer neuen Infektion hat sie nicht. "Ich glaube, nach dem, was mein Körper durchgemacht hat, ist er immun gegen die Bakterien."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen