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Demografische Entwicklung : Schwund in MV: Der Gemeinde-Check

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Nordosten wird es einsam: Das Land verliert Einwohner – Lüdersdorf nur 1,9 Prozent, Friedland fast 25 Prozent

svz.de von
erstellt am 16.Jul.2015 | 12:00 Uhr

Erhard Huzel ist nicht bange: Wegzug der Einwohner – „damit haben wir nicht zu tun“, meint der Bürgermeister der Gemeinde Lüdersdorf im Landkreis Nordwestmecklenburg. Im Gegenteil: Umzugswagen sieht der CDU-Politiker nur, wenn junge Familien ins Dorf kommen und in eines der neuen Häuser einziehen. „Selbst die Kinder alteingesessener Familien kehren zurück und bauen im Ort“, freut sich der Bürgermeister – Mehrgenerationenwohnen auf den Grundstücken der Eltern.

In Lüdersdorf ist die Welt noch in Ordnung: Landesweit rollt auf die Regionen in MV eine Alterungswelle zu. Lüdersdorf weist hingegen die günstige Bevölkerungsentwicklung in MV auf. Dem Ort prognostizieren Experten der Bertelsmann-Stiftung in den kommenden 15 Jahren nur einen Bevölkerungsrückgang um 1,9 Prozent – nach Rostock, Schwerin und Bad Doberan der geringste Wert landesweit.

Der Ort zieht an: Allein der Gemeindeteil Herrnburg zähle 3337 Einwohner. „So viele haben andere Gemeinden nur mit allen Ortsteilen zusammen“, meint Huzel. Die Region profitiere zwar von der Nähe zu Lübeck und Wismar und von der A 20 nach Hamburg. Doch über Jahre habe die Gemeinde ein Wohnumfeld geschaffen, das junge Leute sich für Lüdersdorf entscheiden lässt, meint der Bürgermeister. Jungvolk auf dem Lande: Seit zehn Jahren sei Lüdersdorf die jüngste Gemeinde im Land, erzählt Huzel. Das wird vorerst so bleiben: Auch 2030 sieht die Bertelsmann-Prognose in Lüdersdorf das landesweit niedrigste Durchschnittsalter – 44,9 Jahre. Gewerbegebiete mit 400 neuen Jobs, Schule, eine neue Kindertagesstätte bis 2017, neue Baugebiete: „Wir müssen nicht den Mangel verwalten sondern können gestalten“, sagt Huzel.

Kontrastprogramm im Ostteil des Landes: Aderlass in Friedland. In der Stadt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte muss Wilfried Block zusehen, wie die Stadt immer mehr Einwohner verliert. „Das lässt sich kaum aufhalten“, meint der Bürgermeister. Große Betriebe wie einst die Kartoffelstärkefabrik, die Molkerei, Zuckerfabrik, Fliesenwerk – „von der Treuhand Anfang der 90er-Jahre alles gnadenlos abgewickelt, statt privatisiert“, ärgert sich der Kommunalpolitiker noch heute – 2000 Arbeitsplätze, alle weg: „Die Treuhandpolitik fällt der Stadt noch heute auf die Füsse.“ Und auch in der Landwirtschaft in der Region sei nur noch ein Fünftel der Mitarbeiter beschäftigt wie vor 25 Jahren. Die neuen Gewerbegebiete seien zwar zu 40 Prozent ausgelastet. Den Jobverlust von einst hätten sie bei Weitem aber nicht ausgleichen können, meint Block. Düstere Aussichten: Die begrenzten Entwicklungschancen haben Friedland neben Straßburg in der Uckermark zu der Gemeinde in MV mit der ungünstigsten Bevölkerungsentwicklung gemacht. Die Stadt werde in 15 Jahren die älteste Gemeinde in MV sein, wird in der Analyse der Bertelsmann-Stiftung prognostiziert – Durchschnittsalter: 54,5 Jahre. Zudem werde die Stadt bis 2030 jeden vierten Einwohner verlieren – so viele wie nirgendwo in MV.

Aufgeben will Bürgermeister Block dennoch nicht: Seit 23 Jahren ist er im Amt. Viele neue Unternehmen mit neuen Jobs schaffen – „das ist nur noch eine Illusion“, sagt der 58-Jährige. Doch aufgeben könne man solche strukturschwachen Regionen dennoch nicht. Aus eigener Kraft werde das nicht zu halten sein – „ohne Hilfe des Bundes und des Landes wird es nicht gehen“, meint Block. Vor allem aber plädiere er für eine „gezielte Zuwanderung. Wir brauchen Menschen.“

Blocks Erfahrungen machen nahezu alle Gemeinden in MV: Die Bertelsmann-Studie geht für keine der Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern mit mehr als 5000 Einwohnern von einem Bevölkerungswachstum aus. Vielmehr wird das Land Jahr für Jahr weiter Einwohner verlieren, bis 2030 noch einmal 127 000 – etwa die doppelte Einwohnerzahl von Neubrandenburg. 

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