zur Navigation springen

Schreie in der Finsternis

vom

svz.de von
erstellt am 16.Jan.2012 | 08:16 Uhr

Neubrandenburg | Einen Schnupfen und einen ordentlichen Husten hat er wohl mit an Bord genommen. Ulrich Güldner, der sich zu seinem 75. Geburtstag eine Reise auf der "Costa Concordia" geschenkt hat, kann die Fahrt nichts so recht genießen. Er geht in Barcelona und in Rom nicht von Bord, um sich zu schonen. Am 10. Januar wird er zu seinem Ehrentag zum Kapitän des Kreuzfahrtschiffes, Francesco Schettino, geladen, wo ein käufliches Erinnerungsbild entsteht. "Und wenn Sie mich heute fragen, ich würde mit dem ’was ganz anderes machen als ein Foto", sagt der Neuenkirchener Rentner, der die Havarie vor der toskanischen Küste überlebt hat.

Dieser Freitag der 13., zwei Tage nach seinem Geburtstag, soll sein zweiter Feiertag im Jahr werden. Denn wenige Stunden vor dem Ausschiffen, beim letzten Bankett, begann der Albtraum für 4200 Reisende und für Ulrich Güldner. "Es muss so fünf oder zehn Minuten vor zehn gewesen sein. Wir warteten gerade auf den zweiten Gang", erinnert sich der ehemalige Bauingenieur. Dann gab es einen Knall und eine Erschütterung, so stark, dass nichts mehr auf den festlich gedeckten Tischen blieb. Rechts und links flogen Dinge umher und das Rattern begann. "Dann war alles ruhig. Diese Ruhe, diese Ruhe", erzählt der Rentner in gefasstem Ton. Nur in seinen Augen spiegelt sich ein Teil des Schreckens dieser Nacht. Nach der Stille kehrte das Rattern zurück und mit ihm die nächste Erschütterung. "Es folgte ein Moment der totalen Finsternis. Das müssen Sie sich vorstellen, als würden Sie sich die Augen mit den Händen zuhalten. Wirklich absolute und völlige Finsternis." Menschen fingen an zu schreien, vor allem Frauen- und Kinderstimmen waren zu hören. Fremdsprachen klirrten dabei durcheinander wie das Geschirr am Boden. Die Panik wurde erst sichtbar, als vier Minuten später die Notbeleuchtung anging und die Passagiere zu ihren Quartieren eilten. "Obwohl noch niemand aufgefordert hatte, Schwimmwesten anzulegen, hatte die Crew schon welche an", sagt Güldner. Die Durchsage, dass niemand sich Sorgen machen müsse, dass alles im Griff sei, dass nur ein Generator ausgefallen sei, hatte ihn kalt gelassen. In seinen Augen glitzert der Schock, als er Tage später seine Gedanken aufsagt: "Ich glaubte diesen Durchsagen nicht, weil ein ausgefallener Generator nicht dafür sorgt, dass ein Schiff in Schieflage gerät." Und seit dem zweiten Rattern wurde der Boden mehr und mehr zu einer gefährlichen Schräge.

Vom Restaurant auf dem dritten Deck fuhr Güldner mit seiner Frau ins neunte Deck, wo ihr Quartier war. Dabei verloren sie seinen Bruder und dessen Frau aus den Augen. Der Neuenkirchener tastete sich durch die mit Schreien gefüllte Dunkelheit zu seiner Kabine, in der die gepackten Koffer bereits in den verdrehten Ecken lagen. Am Sonnabend hatten sie von Bord gehen wollen, deshalb vor dem großen Abendessen schon alles eingepackt. Die Koffer waren jedoch nicht zu kriegen, da auch in der Kabine völlige Finsternis auf den durcheinander geschüttelten Habseligkeiten lag. "Der erste Knall war eine knappe dreiviertel Stunde her." Seine Frau schnappte sich den Tresorinhalt. Er griff nach Tabletten. Beide zogen sich noch Jacken und Schwimmwesten über und liefen hinunter zum dritten Deck, wo die Rettungsboote waren.

Hier zeigte sich, wie überfordert die Crew mit der Situation an Bord war. Die Neuenkirchener wurden von back- zu steuerbord und zurück geschickt. Irgendwann waren alle Boote auf der einen Seite weg und die beiden Güldners noch an Bord. "Erst jetzt merkten wir, dass ein kleiner Hafen ganz in der Nähe sein muss, weil die Boote zurückkommen konnten. Trotzdem sind viele gesprungen, vielleicht hunderte, weil sie Angst hatten", erzählt der Rentner. Er habe zu diesem Zeitpunkt weder Furcht noch Panik gespürt. Alles sei merkwürdig harmonisch und gesittet zugegangen unter den Passagieren. Als das Ehepaar auf ein Rettungsboot kam, stand das Wasser schon bis zum dritten Deck, und das Schiff hatte solche Schräglage, dass freies Bewegen nicht mehr möglich war. "Die Crew musste uns stützen, mit dem Rücken an der Reling und vorgestreckten Armen, so als würde man Bausteine auf dem Bau weitergeben", beschreibt Güldner. Die Crew sei schlecht vorbereitet, aber hundertprozentig engagiert gewesen, fasst er zusammen.

Über die kleine Insel Giglio und die italienische Stadt Savona kam das Ehepaar dann per Bus nach Mecklenburg zurück. Nach dem schrecklichen Knall während des Abendessens vergingen so insgesamt vierzig Stunden, bis mit der Heimat auch die Ruhe ins Leben zurückkam. Nur für den in Woldegk geborenen Ulrich Güldner ist die Kreuzfahrt noch nicht zu Ende. Er kann nachts nicht schlafen, träumt von Bussen, Schiffen und dass seine Frau verschwindet. Deshalb wird er heute ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und eines steht für den 75-Jährigen felsenfest: "Ich setze in diesem Jahr keinen Fuß mehr auf ein Schiff, vielleicht auch nie wieder."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen