Schon im Leben Abschied nehmen

Der Blick wandert nach innen: An der sichtbaren Selbstbetrachtung sind viele Demenzerkrankte zu erkennen.Matthias Lanin
Der Blick wandert nach innen: An der sichtbaren Selbstbetrachtung sind viele Demenzerkrankte zu erkennen.Matthias Lanin

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21. September 2012, 09:29 Uhr

Neubrandenburg | Sechs Seelen warten in der Bibliothek. Manchmal sehen sie zu ihren Körpern herüber, zu den sechs Frauen, die am runden Tisch sitzen. Sechs Frauen, die ihr Gedächtnis trainieren, damit die Seelen in der Nähe bleiben, damit die innere Kluft namens Demenz langsamer wächst. Überall im Neubrandenburger Pflegeheim hängen Sprichworte, die auf drei Punkte enden, die unvollendet sind. Eine ständige Gedächtnisübung en passant.

"Es ist noch kein Meister ..." Vor den alten Büchern, gefüllt mit fremden Gedanken und fremden Erlebnissen, sitzt Gisela*, die ihr Leben lang als Sekretärin gearbeitet hat. Sie hat beim Roten Kreuz tausende Wörter getippt, war Chefsekretärin. Und heute? "Kann ich das nicht mehr", sagt sie und lächelt scheu. Dann werden ihre dunklen Augen wieder stumpf, ihr Blick wandert nach innen. An dieser sichtbaren Selbstbetrachtung lassen sich Demenzkranke manchmal erkennen. Gisela zupft an ihrer Bluse. Sie weiß, sie wird betrachtet. Sie hat sich extra hübsch gemacht und kann dem Besuch nicht folgen. Ihre Seele wandert und berührt sie nur, wenn sie gebraucht wird.

Christa* hingegen hat seltener Kontakt mit ihrem Selbst. Sie wird beim Gedächtnistraining von der Therapeutin ausgespart. Ihr Innenblick ist leichter zu erkennen. Sie war Hausfrau, zwischendurch einige Jahre in der Landwirtschaft und hat in Adolfs Namen bei Offizieren geputzt. Das spiele hier keine Rolle, sagt sie, und dann weiß sie nicht mehr, was keine Rolle spielt. Sie hat ein Leben lang hart gearbeitet, hat sich gut um ihren Mann gekümmert, der schon weg ist. "Wie man in den Wald hinein ruft, ..." Einmal in der Woche kommt ihr Enkel zu Besuch. Christa fragt ihn jedesmal, wer er ist. An guten Tagen verwechselt sie ihn mit ihrem Mann. Doch meist, wenn ihre Seele draußen vorm Fenster auf der Bank sitzt, sagt sie gar nichts. Motivation und Sozialverhalten von Dementen sind verändert. Körper interessieren sich nicht füreinander, wenn sie verfallen.

Jede Etage im Pflegeheim hat eine andere Farbe. Die Orientierung leidet bei Dementen. Komm, Gisela, wir machen mal blau, scherzt eine Pflegerin. Gisela, 82, ist die einzige in der Frauenrunde, die noch ohne Gehwagen, Rol lator oder Rollstuhl zum eigenen Zimmer kommt. 72 Menschen wohnen hier auf vier Stockwerken. Einige Paare leben im umgebauten Plattenbau nach 66 Ehejahren gemeinsam unter ihrer vorletzten Anschrift. Demenz zwingt einen, im Leben schon Abschied zu nehmen.

"Wer zuletzt kommt, den …" In der Bibliothek bekommen die Frauen große Plastebecher mit Wasser oder Saft. Die Entscheidung, was sie selbst wollen, fällt ihnen schwer. Dann trinken sie artig aus. Anna* war Köchin für täglich 80 Gäste. Sie ist 84 Jahre alt und wird manchmal etwas grantig, wenn sie überfordert wird, wenn wieder alle etwas gleichzeitig von ihr wollen, sie den Anschluss verliert. Sie ärgert sich über ihre Unfähigkeit und steht damit in der emotional schwersten Phase der Demenz, auf der zweiten der insgesamt dreistufigen Demenz, so wie die anderen auch.

Gisela, für die es nur vor den Besuchen oder nach den Besuchen gibt. Christa, die jetzt gern Kaffee und Kuchen möchte und die hört, dass sie doch schon ein Schoko-Croissant gegessen hat. Sie widerspricht, wird von ihrer Seele berührt und dann ganz still. "Eine Hand wäscht …" Nebenan liegt Barbara* im Snoezel-Zimmer. Der Raum ist körperwarm, abgedunkelt, von ruhiger Musik durchdrungen. Eine Therapeutin liest eine Geschichte vom Strandspaziergang vor. Mit jeder eingebildeten Welle, die ans Ufer des Lebens streicht, strömen mehr Erinnerungen in den kranken Körper, der seit Jahren gegen Multiple Sklerose kämpft, der davon dement geworden ist.

Alzheimer ist nicht die einzige Ursache für Demenz, aber die häufigste hinter den Namensschildern auf den Fluren des Heims. Im Snoezel-Raum wird die Seele der erst 52-Jährigen magnetisch zum Körper gezogen. Sie kann Kontakt aufnehmen und sich selbst im kranken Körper wieder spüren. Welle für Welle für 20 Minuten. Durch längere Sitzungen gewöhnt sie sich an die Eindrücke und der Magnet verliert an Kraft. Leise zieht eine lyrische Erinnerungsübung über den Flur, ein Tucholsky-Gedicht, das eine Therapeutin vorträgt: "Deine Hände, heiß warn se un kalt. Nu sind se alt. Nu bist du bald am Ende. Da stehn wa nu hier und denn komm wir bei dir und streicheln deine Hände."

*Namen geändert

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