Schlacht auf dem Flickenteppich

Die Schulreformgegner haben sich am Sonntag in Hamburg im Volksentscheid gegen die Einführung sechsjähriger Primarschulen klar durchgesetzt. dpa
Die Schulreformgegner haben sich am Sonntag in Hamburg im Volksentscheid gegen die Einführung sechsjähriger Primarschulen klar durchgesetzt. dpa

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20. Juli 2010, 11:22 Uhr

Schwerin | Angefangen hat alles mit dem Pisa-Schock im Mai 2000. Die 16 deutschen Bildungsminister öffneten ihre Schultore für die internationalen Bildungsforscher der OECD aus Paris. Und weil die Länder nicht nur nationale Leistungsdaten wünschten, ließen sie auch die Leistungen von 40 000 Schülern für den ersten Bundesländervergleich überprüfen. Doch das Vergleichen ist das Ende des Glücks, heißt es beim Philosophen Sören Kierkegaard.

Angetrieben vom anschließenden Pisa-Schock haben die 16 deutschen Kultusminister eine beispiellose Serie von Umbauten in Gang gesetzt: Erstklässler werden früher eingeschult, Grundschüler quer über mehrere Altersstufen gemeinsam unterrichtet, Hauptschulen abgeschafft, das Gymnasium verkürzt, das Zentralabitur eingeführt - allerdings nie gemeinsam, sondern immer jedes Bundesland für sich. Das Ergebnis bezeichnet Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) inzwischen ganz offen als "Flickenteppich". Es müsse mehr Vergleichbarkeit auch bei den Schulabschlüssen geben. Aber Annette Schavan wertet die Ablehnung der Schulreform in Hamburg zugleich als positives Signal.

"Flickenteppich" klingt in den Ohren von Eltern wie eine Beschönigung: Kinder, die in Berlin mit fünfeinhalb Jahren eingeschult wurden, finden sich nach einem Umzug nach Schleswig-Holstein in Klassen wieder, deren Schüler im Durchschnitt ein Jahr älter sind. Gymnasiasten, die das Bundesland wechseln, müssen je nach Fach den Lehrstoff von sechs bis zwölf Monaten nacharbeiten. 16 Langzeit-Experimente am Schulsystem laufen in Deutschland nebeneinander. Und die Bundesregierung, siehe Schavan, förderte das noch, indem sie bei der Förderalismusreform I ihre Schul-Kompetenzen gegen andere Zuständigkeiten abtrat. Wogegen im Übrigen Mecklenburg-Vorpommern stimmte - das kleinste Bundesland.

Auch in MV existierten Ende der 90er mindestens fünf Schularten nebeneinander. Lediglich drastisch sinkende Schülerzahlen auf ein Drittel und die Halbierung der Zahl der Schulen zwangen die Politik zur Konzentration. Doch die Experimente gingen weiter. Unter Rot-Rot wurde das sechsjährige gemeinsame Lernen eingeführt - mit der Option auf acht Jahre. Unter Rot-Schwarz wurde die Umsetzung der Reform gestoppt. Keine Experimente, an den Schulen müsse Ruhe einkehren, war der Anspruch des CDU-Spitzenkandidaten im Wahlkampf und heutigen Regierungs-Vize Jürgen Seidel. Seither ist zumindest im System Konstanz angesagt.

Sachsen hat seit 20 Jahren keine große Strukturreform angepackt. "Systemkonstanz ist entscheidend für gute Ergebnisse", sagt auch der Präsident der Kultusministerkonferenz, Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Durch Stabilität zeichnet sich auch Thüringens Schulsystem aus. In Nordrhein-Westfalen sollen hingegen bis 2015 fast ein Drittel der Schulen Gemeinschaftsschulen werden. Ähnlich war der Ansatz in Hamburg, ähnlich ist der im Saarland mit einer fünfjährigen Grundschule. Jetzt aber wird der dortige CDU-Ministerpräsident Peter Müller mit seiner Jamaika-Koalition das Vorhaben vor sich herschieben. Bildungsreformer unter den Politikern werden nach dem Scheitern der Stadtteilschule in Hamburg noch vorsichtiger werden.

Denn natürlich hat auch Ole von Beust (CDU) in der Gesamtkonstellation von Elb-Ausbau und Schulreform sein politisches Schicksal an die Reform gebunden. "Alles hat eben seine Zeit", sagte von Beust. Eigentlich hat er den politischen Rücktrittsforderungen nur vorgegriffen. Mehr noch: "Die SPD fordert Neuwahlen aus gutem Grund", sagte SPD-Bundesvizevorsitzende Manuela Schwesig gegenüber unserer Redaktion. "Wenn die Gemeinsamkeiten zwischen den Koalitionspartnern CDU und Grüne aufgebraucht sind und die Bürger sich gegen wichtige Teile der Schulreform gestellt haben, dann kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen."

Insofern ist das Ende der Bildungsreform in Hamburg nicht nur ein schwarzer Tag für die Koalition, sondern auch für die Reform jeglicher Bildungspolitik. Neun von zehn Familien in Deutschland würden das föderale Bildungssystem lieber heute als morgen abschaffen. Im Bildungswesen stellt sich die Systemfrage. Die Hamburger Schulschlacht ist geschlagen, die Probleme bleiben.

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