Sankt-Florians-Prinzip in Dettmannsdorf

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21. März 2013, 11:11 Uhr

Güstrow | Der Streit um das künftige Asylbewerberheim im Waldweg in Güstrow-Dettmannsdorf hat in diesen Tagen die Bundespolitik erreicht. "Tolles Statement von Pastor Ortmann aus Güstrow zur Aufnahme von Menschen, die flüchten müssen," schreibt der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik, Markus Löning (FDP) auf seiner Facebook-Seite. Darunter ein Internet-Link zur Schweriner Volkszeitung.

Matthias Ortmann hatte in der Zeitung daran erinnert, dass Eltern und Großeltern von vielen heutigen Güstrowern 1945 selbst als Flüchtlinge in die Stadt kamen. Der Pastor, zu dessen Gemeindegebiet der Stadtteil Dettmannsdorf gehört, mahnte, im aktuellen Streit um das Flüchtlingsheim nicht die eigene Geschichte zu vergessen.

Der Konflikt wird am Wochenende seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen. Die rechtsextreme NPD hat für Sonnabend einen Aufmarsch unter dem Titel "Einmal Deutschland und zurück!" organisiert. Auf einschlägigen Internetseiten hatten bis gestern etwa 150 braune Kameraden ihr Kommen zugesagt, um ein "Zeichen gegen die volksfeindliche Asyl-und Ausländerpolitik der etablierten Bonzen zu setzen", wird im Aufruf gehetzt.

Der Landkreis Rostock hat die ausländerfeindliche Veranstaltung nicht verboten, sondern Auflagen erteilt. So muss der Aufmarsch eine vorgeschriebene Wegstrecke einhalten. Das Mitbringen und Verwenden von Fahnen und Transparenten wurde von der Ordnungsbehörde eingeschränkt, hieß es gestern auf Nachfrage. Gewerkschaften, Parteien und Verbände haben zu friedlichen Gegendemonstrationen, Mahnwachen und Friedensfesten aufgerufen. Im örtlichen Präventionsrat wurde gestern Abend gemeinsam mit der Stadt über ein Sicherheitskonzept beraten.

Der Streit um das Asylbewerberheim lässt Güstrow seit Monaten keine Ruhe. Das ehemalige Bahninternat wird für insgesamt 700 000 Euro von einem privaten Investor umgebaut. "Das Mietverhältnis mit dem Landkreis beginnt nach Abschluss der Sanierungsarbeiten voraussichtlich im April 2013", teilte das Innenministerium auf Anfrage mit. Etwa 120 Asylbewerber sollen in der Gemeinschaftsunterkunft vorübergehend eine Unterkunft finden.

Dagegen gibt es Protest. Im Herbst vergangenen Jahres hatten Unbekannte sogar Buttersäure in den Eingang geworfen. In einem Flugblatt, das mit "Die Dettmannsdorfer - Bewohner" unterzeichnet ist und in Güstrow verbreitet wurde, sind 18 vermeintliche Gründe gegen das Heim aufgeführt. Ziemlich skurril heißt es dort: "Die Asylbewerber haben ganz andere Gewohnheiten (z.B zur Nacht fangen sie an, mobil zu werden, sie kochen, hören laut Musik und stören die nächtliche Ruhe)."

Eine Unterschriftensammlung gegen das geplante Heim wurde vom Geschäftsführer der benachbarten Kita "Känguru", Steffen Sanewski, unterstützt. Man habe nichts gegen Ausländer, nur bitte kein Heim in der Nähe der Kita. In einer Petition an den kürzlich verstorbenen Landrat Thomas Leuchert schrieb der Geschäftsführer: "Hierbei distanzieren wir uns ausdrücklich von jeglichem rechten Gedankengut."

In dem Internet-Blog, in dem die Petition veröffentlicht ist, wird Sanewski gefragt, wie er den Kindern erklären will, dass er gegen ein Ausländerwohnheim in der Nähe ist. "Sind das wirklich die Werte, die Kindern in Kitas vermittelt werden sollten? Angst vor Asylbewerbern?" Eine Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung lehnt der Geschäftsführer ab.

54 Unterschriften kamen bei der Aktion zusammen, davon 38 aus dem Altkreis Güstrow. Das seien 0,03 Prozent der Einwohner, heißt es kurz im Blog.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt durch internationale Konflike wieder an. Stellten 2009 in Mecklenburg-Vorpommern noch 583 Bewerber einen Asylantrag, so waren es im vergangenen Jahr 1231. Damit werden allerdings noch nicht frühere Antragszahlen erreicht. So baten 2003 noch 1493 Ausländer um Asyl. Danach gingen die Zahlen bis 2009 zurück, Heime wurden geschlossen.

Doch der Trend hat sich gedreht. Insgesamt halten sich derzeit 1720 Asylbewerber im Verfahren und 880 ehemalige Asylbewerber mit Duldung im Land auf. "In mehreren Kommunen werden Möglichkeiten der Schaffung von zusätzlichen Unterkunftskapazitäten geprüft", teilt das Innenministerium mit. Die Güstrower Stadtverwaltung unterstützt die Entscheidung des Landkreises über das Asylbewerberheim. "Es ist politisch gewollt, Menschen zu helfen", sagt Bürgermeister Arne Schuldt. Er spricht von guten Erfahrungen im Umfeld von Asylbewerberheimen. "Seit Anfang der 1990er-Jahre hat es kaum Probleme gegeben."

Sascha Zimmermann, FDP-Fraktionsvorsitzender im Güstrower Stadtrat verweist zudem auf die sehr geringe Ausländerquote im Landkreis sowie im ganzen Land. Lediglich zwei Prozent der Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern sind Migranten.

Von den Stadtvertretern gibt es allerdings auch Kritik. Zimmermann hatte von der Entscheidung des Landkreises für das Asylbewerberheim erst durch die Zeitung erfahren. Als "Kommunikationsdesaster" bezeichnet er die Informationspolitik der Kreisverwaltung zum Flüchtlingsheim. Die Verwaltung hätte rechtzeitig mit den Bewohnern in Güstrow-Dettmannsdorf reden müssen. Es sei versäumt worden, frühzeitig Missverständnisse auszuräumen und Befürchtungen abzubauen.

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