Sandhausen statt St. Pauli

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19. Mai 2010, 11:13 Uhr

Rostock | Die Startseite seines Internetauftritts muss der FC Hansa ändern. "Unsinkbar seit 1965" steht dort. Das ist inzwischen Prahlerei. Die Rostocker sind drittklassig, sportlich so tief gesunken wie nie. Nach Sandhausen statt St. Pauli geht es künftig. Und noch kann niemand mit Bestimmtheit sagen, ob die Kogge nicht sogar schlichtweg absaufen wird. Riesige Lecks gibt es zuhauf:

Die Mannschaft

Für die zu erwartenden Stürme in der 3. Liga sind bisher statt einer seetüchtigen Mannschaft nur ein paar Matrosen angeheuert - hauptsächlich Leichtmatrosen, legt man deren Einsatzzeiten in der abgelaufenen Saison zugrunde. Lediglich An dreas Kerner (Torwart Nr. 3), Dexter Langen, René Lange, Stephan Gusche, Marcel Schied, Enrico Neitzel sowie die von Drittliga-Konkurrent Werder Bremen II umworbenen Kevin Pannewitz und Felix Kroos besitzen Verträge für die 3. Liga.

Hingegen dürften Fin Bartels (FC St. Pauli), Mario Fillinger (1. FC Kaiserslautern oder Energie Cottbus), Kevin Schöneberg, Kevin Schlitte, Tobias Jänicke, Orestes, Martin Retov, Helgi Valur Danielsson, Andreas Dahlén und Gardar Jóhannsson (alle unbekannt) nach Lage der Dinge das sinkende Schiff verlassen. Auch Keeper Alex ander Walke, am Montag von den Fans mit Sprechchören "Außer Walke könnt ihr alle gehn!" als einziger von jeglicher Schuld am Abstieg freigesprochen, wird nicht in Rostock bleiben. Der ablösefreie Schlussmann dürfte nach seiner starken Saison problemlos sogar einen Klub in der Bundesliga finden - St. Pauli soll interessiert sein.

Realistische Hoffnungen, ein Abmustern zu verhindern, bestehen bei den beiden Rostocker Urgesteinen Kai Bülow (seit 1995 im Verein) und Tim Sebastian (mit Ausnahme der Saison 2008/09 seit 1999 im Club). Ebenso verhält es sich bei Ersatzkeeper Jörg Hahnel und Enrico Kern (wenngleich er von Regionalliga-Aufsteiger RB Leipzig umworben wird). Auch Bradley Carnell signalisierte gestern seine Bereitschaft "mitzuhelfen und den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen". Zudem dürften die Ostseestädter weiter mit Oliver Schröder sowie den Abwehrtalenten Tom Buschke und Florian Grossert zusammenarbeiten wollen.

Fazit: Vom bisherigen Kader bleibt nur ein Gerüst übrig. Um beim Abenteuer 3. Liga in idealem Fahrwasser segeln zu können, muss noch fast ein Dutzend seefester Kerle angeheuert werden.

Am Kopf fängt der Fisch an zu stinken - auf der Kogge muffelt es in der Offiziersmesse seit Jahren. Der dritte Aufsichtsratsboss, der dritte Chef eines völlig umgemodelten Vorstandes, der dritte Manager und der sechste Trainer allein seit dem Bundesliga-Abstieg 2005 - aber die Kogge sackte stetig tiefer, vom "Unfall" Bundesliga-Aufstieg 2007 einmal abgesehen.


Die Führung:

Der frühere Klubchef Eckhardt Rehberg: "Das, was wir Montag erlebt haben, ist nicht das Ergebnis von heute, sondern von gestern und vorgestern." Der Verein brauche einen Neuanfang: "Alles muss auf den Prüfstand." Rehberg, der zwischen 1997 und 2001 Hansas Vorstandschef war, monierte, dass man zu lange an Leuten festgehalten habe, die schon seit vielen Jahren im Verein waren und - bewusst oder unbewusst - notwendige Veränderungen blockiert hätten. Die kommen nun zwangsläufig. Denn während Trainer Marco Kostmann laut Aufsichtsratschef Ulrich Gienke, dessen Gremium bis 2012 gewählt ist, im Amt bleiben soll, fällt der Vorstand auseinander. Jörg Hempel hatte das Amt des Vorsitzenden ohnehin nur interimsmäßig bis zum Saisonende übernommen. Und die Verträge der Vorstände gelten nicht für die 3. Liga.

Fazit: Ein personeller Umbruch auf der Kommandobrücke der Kogge ist überfällig. Ex-Torhüter Martin Pieckenhagen, "Paule" Beinlich oder doch ganz neue Köpfe - man weiß nicht, welchen Kurs die Kogge steuern wird.


Die Finanzen:

Eine Schuldenlast von aktuell rund neun Millionen Euro, eine DKB-Arena, die - zumindest in Liga drei - ein Millionengrab darstellt, sowie ein Minus von 4,2 Millionen bei den TV-Geldern (von fünf Millionen auf 800 000) bescheren der Kogge auch finanziell arge Schlagseite. Ob es in punkto Lizenzerteilung vor diesem Hintergrund reicht, dass der bisherige 15-Millionen-Etat in etwa halbiert werden soll, werden wir Ende Mai/Anfang Juni erfahren. Sicher ist das nicht.

Andererseits kann Hansa mit dem Abstieg die Weiterzahlungen für Ex-Manager Herbert Maronn und Ex-Marketingchef Ralf Gawlack einstellen, deren Verträge nur für die erste und zweite Liga galten.

Außerdem konnte Interims-Vorstandsboss Jörg Hempel gestern teilweise beruhigen. Demnach bleibt die Deutsche Kreditbank auch in der dritten Liga der Namensgeber für das Stadion.

Zudem stünden unter anderem Veolia als Hauptgeldgeber und Windstärke 11 als Co-Sponsor weiterhin zum Verein. "Das ist ein Fundament, auf dem wir aufbauen können. Ansonsten ist es natürlich so, dass mit dem Abstieg viele Sponsorenverträge ungültig sind und neu verhandelt werden müssen", erklärte Hempel.

Fazit: Der Verein ist alles andere als auf Rosen gebettet. Aber mit den bisherigen wirtschaftlichen Partnern der Region und vor allem mit dem Land im Rettungsboot (siehe Interview unten) sollte zumindest vorerst ein finanzieller Untergang zu umschiffen sein.

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