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Unterrichtszeiten in MV : Rügen: Wenn früh um fünf der Wecker klingelt

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Westen Rügens setzen sich Eltern gegen einen auf 7.15 Uhr vorverlegten Schulbeginn zur Wehr / Regionale Schule mit Grundschule Gingst kein Einzelfall

svz.de von
erstellt am 16.Dez.2014 | 12:39 Uhr

„Mami, ich will nicht in die Schule!“ Fast alle Eltern hören diesen Satz irgendwann. Denn „Null Bock“ auf Schule oder Angst vor einer anstehenden Leistungskotrolle kennt so gut wie jedes Kind. Im Westen der Insel Rügen gibt es für die Schulunlust vieler Mädchen und Jungen allerdings eine ganz andere Erklärung: Bereits im Mai war der Unterrichtsbeginn an der Regionalen Schule mit Grundschule in Gingst von 8.30 Uhr auf 7.15 Uhr vorverlegt worden – weil die Verkehrsgesellschaft Vorpommern Rügen ihren Fahrplan entsprechend geändert hatte. Die Busse würden, so hieß es, später am Tag für die Touristenbeförderung gebraucht.

Das Gros der Kinder, die diese Schule besuchen – nach Elternangaben sind 80 Prozent Fahrschüler – muss sich nun morgens bereits vor 6 Uhr aus dem Bett quälen, bei einigen klingelt der Wecker sogar schon um 5 Uhr. Besorgte Mütter und Väter wollen das nicht hinnehmen, in einer Elterninitiative tragen sie Argumente gegen den frühen Schulbeginn zusammen. Dass Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) unlängst eine Verschiebung des Schulbeginns in Mecklenburg-Vorpommern auf 8 oder 8.15 Uhr verlangt hat, gibt den engagierten Eltern neuen Auftrieb.

Dr. Norbert Schwarzer aus Ummanz ist einer von ihnen. Schon seit 1999, damals als Hochschullehrer in Chemnitz, beschäftigt er sich mit Fragen der Chronobiologie. „Kinder, die nur um eine Stunde von ihrem Biorhythmus, ihrer inneren Uhr, abweichen müssen, haben um 50 Prozent geringere Chancen, einmal einen Hochschulabschluss zu erreichen“, zitiert Schwarzer Ergebnisse internationaler Studien. „Auch die Risiken für Fettleibigkeit, Diabetes Typ II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch für Lernschwäche steigen, wenn Kinder aufstehen müssen, bevor sie ausgeschlafen haben“, betont der Naturwissenschaftler. Nachweislich steigen außerdem Unfallrisiken und das Aggressionspotenzial – jeder wisse doch selbst, wie unleidlich er wird, wenn man ihn aus dem Schlaf reißt. Welche Folgekosten durch all das verursacht werden, mache sich offenbar niemand bewusst. Definitiv lägen diese Kosten weit über denen „für zwei oder drei zusätzliche Busse, die später am Tag eingesetzt werden“.

Norbert Schwarzer und seine Ehefrau Peggy Heuer-Schwarzer haben vier Kinder, zwei davon, sechs und acht Jahre alt, gehen bereits in die Schule. „Sie haben genau genommen noch Glück: Weil wir sehr abgelegen wohnen, fahren sie mit dem Schultaxi. Das holt sie zwischen 6.30 und 6.40 Uhr ab, das heißt, sie stehen um halb sechs auf. Buskinder müssen eine halbe Stunde früher los – und entsprechend auch eine halbe Stunde früher aufstehen.“ Das aber grenze an Körperverletzungt, ist sich das Ehepaar mit anderen Mitgliedern der Elterninitiative einig.

Im Regelfall soll die Schule in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 7.30 und 8.30 Uhr beginnen. „Einen früheren Unterrichtsbeginn kann das zuständige Schulamt aus wichtigem Grund in Ausnahmefällen und im Einvernehmen mit den Schulträgern und dem Träger der Schülerbeförderung genehmigen“, so der Sprecher des Bildungsministeriums, Henning Lipski. Nach seinen Angaben beginnt an sieben von 492 öffentlichen allgemein bildenden Schulen im Land der Unterricht zwischen 7.00 und 7.20 Uhr. „Bei allen liegt eine Genehmigung des jeweiligen Staatlichen Schulamtes vor“, so Lipski. Spitzenreiter ist das Sportgymnasium Neubrandenburg, wo der Unterricht bereits um 7 Uhr anfängt – um die Sportstätten für das Frühtraining nutzen zu können, heißt es zur Begründung. In weiteren neun Schulen im Land fängt der Unterricht um 7.25 Uhr an – auch hier mit Ausnahmegenehmigungen durch die Schulämter.

Die Gingster Elterninitiative geht davon aus, dass nicht die Interessen der Schülerinnen und Schüler, sondern rein wirtschaftliche und verkehrstechnische Überlegungen den Ausschlag für den frühen Unterrichtsbeginn geben. Das häufig benutzte Gegenargument, dass bei einem späteren Schulbeginn die Freizeit am Nachmittag gekürzt würde, mögen die engagierten Eltern nicht gelten lassen. Denn zumindest Kinder, deren Eltern berufstätig sind, gingen sowieso nach der Schule in den Hort, viele würden erst nach 16 Uhr abgeholt. Müssten diese Kinder allerdings schon um 6 Uhr das Elternhaus verlassen, um zur Schule zu fahren, sei ihr „Arbeitstag“ länger als der vieler Erwachsener. Am Nachmittag seien sie dann oft zu müde für anspruchsvolle Freizeitaktivitäten. Und da die Kinder und Jugendlichen wegen des frühen Schulbeginns auch schon früh ins Bett gehen müssten, hielte sich das gesamte Familienleben in Grenzen.

Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) hat auf einen Brief der Rügener Eltern, in dem sie Chancengleichheit für ihre Kinder fordern, bislang nicht geantwortet. Dafür hat die Linken-Bildungsexpertin Simone Oldenburg der Initiative Unterstützung zugesagt. „Kinder, die man schon um sechs in den Bus setzt, liegen doch um halb neun mit dem Kopf auf der Bank“, weiß die langjährige Lehrerin. An erster Stelle – vor wirtschaftlichen Überlegungen – müsse das Wohl der Kinder stehen, fordert sie.

Die Rügener Elterninitiative hat bereits mehrere hundert Unterzeichner für eine Petition gegen den frühen Schulbeginn gewonnen. Damit es noch mehr werden, setzt sie auf Information. „Die Arroganz der Entscheidungsträger nährt sich aus der Unkenntnis der Eltern“, ist Norbert Schwarzer überzeugt. Viele würden weder die rechtlichen Grundlagen noch die Auswirkungen des frühen Schulbeginns aus Körper und Psyche ihrer Kinder kennen. Das will die Elterninitiative durch Aufklärung ändern.

 

Hier  beginnt die Schule vor  7.30  Uhr:

Sportgymnasium Neubrandenburg (7:00 Uhr)
Gymnasium Anklam (7:10 Uhr)
Regionale Schule mit Grundschule Gingst (7:15 Uhr)
Grundschule Dargun & Regionale Schule Dargun  (7:15 Uhr)
Regionale Schule mit Grundschule  „Prof.Dr.h.c.Dr.h.c. Hans Lembke“  Kirchdorf/Poel (7:15 Uhr)
Grundschule „W. Busch“ Cambs  (7:20 Uhr)
Regionale Schule „Walter Husemann“ Goldberg (7:20 Uhr)
Förderzentrum Anklam (7:25 Uhr)
Grundschule Dummerstorf (7:25 Uhr)
Grundschule Rövershagen (7:25 Uhr)
Regionale Schule „Schule am Mühlenberg“ Cambs (7:25 Uhr)
Regionale Schule  „Schule am Klüschenberg“ Plau (7:25 Uhr)
Gymnasiales Schulzentrum „Fritz Reuter“ Dömitz (7:25 Uhr)
Regionale Schule mit Grundschule „Fritz Reuter-Schule“ Zarrentin (7:25 Uhr)
Grundschule Bobitz (7:25 Uhr)
Regionale Schule mit Grundschule „Werner Lindemann“ Lübstorf (7:25 Uhr)

 

 

 

 

 

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