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Rückkehr zum Sonnenblumenhaus

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erstellt am 24.Aug.2012 | 07:21 Uhr

Berlin/Rostock | Souverän steht Phuong Kollath auf dem Podium in einer Berliner Jugendbegegnungsstätte. "Wie ticken die Vietnamesen?", heißt der Vortrag, den die 49-jährige interkulturelle Trainerin vorbereitet hat. Im Publikum sitzen Kita-Erzieherinnen, die mehr vom kulturellen Hintergrund ihrer vietnamesischen Kinder erfahren wollen. Phuong Kollath, die in Hanoi geboren wurde und 1981 als Vertragsarbeiterin nach Rostock kam, ist studierte Pädagogin und arbeitet freiberuflich als interkulturelle Trainerin und Dolmetscherin. Sie macht Fortbildungen für Kita-Erzieherinnen, Lehrer, Polizisten, Unternehmer und Mitarbeiter von Ausländerbehörden. Sie hat eine Power-Point-Präsentation vorbereitet und spricht über das Leben in traditionellen Großfamilien. Über Hierarchien in Familien, wo die Jüngeren sich den Älteren bedingungslos unterordnen müssen. Das hat viel mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun. Mit einer Vergangenheit, mit der sie in den letzten Jahren der DDR gebrochen zu haben glaubte.

Als Phuong 1981 in die DDR kam, war sie 18 Jahre alt und hatte gerade Abitur gemacht. Sie kam nach Rostock und wohnte zusammen mit Landsleuten in jenem Sonnenblumenhaus, das vor 20 Jahren traurige Berühmtheit erlangte. Phuong war ein neugieriges und wissbegieriges Mädchen, das gegen ihren Willen einen Arbeitsplatz als Herdhilfe in der Rostocker Hafenkantine zugewiesen bekam. Die Entsendung von Vertragsarbeitern aus Vietnam in die DDR geschah via Staatsvertrag, um personelle Engpässe in der Produktion zu stopfen. Auf individuelle Wünsche kam es dabei nicht an. Auch nur in wenigen Ausnahmen auf eine Ausbildung der Vertragsarbeiter, so wie der DDR-Bevölkerung das verkauft wurde.

Unter den Vertragsarbeitern galt Phuong als eine, die aus der Reihe tanzte. "Ich wurde immer aufgefordert, mich einzureihen." Während die anderen Vietnamesinnen nach Feierabend im Wohnheim gemeinsam strickten und nähten, ging Kollath mit deutschen Köchinnen in die Disco und lernte an der Volkshochschule Deutsch. "Ich genoss die Freiheit außerhalb der Kontrolle meiner strengen Mutter", erinnert sie sich. "Bei den deutschen Kolleginnen war ich beliebt. Die schätzten mein freches Mundwerk und meinen unabhängigen Geist, für den ich von meinen Landsleuten kritisiert wurde."

Hitlergruß am Imbisswagen

Nach vier Jahren fuhr Phuong Kollath in den Urlaub nach Vietnam. Dort merkte sie, wie sehr das Leben in Europa sie verändert hatte. Sie konnte sich nicht mehr in eine traditionelle Großfamilie einordnen, in der Jüngere den Älteren zu gehorchen hatten, in der junge Frauen demutsvoll die Hausarbeit übernahmen. "Ich wollte in der DDR bleiben."

Da bot sich eine einfache Lösung an: Sie und ihr deutscher Freund wollten heiraten. "Aber die vietnamesische Botschaft erlaubte das nur unter zwei Bedingungen: Erstens sollte ich 8000 Mark an den vietnamesischen Staat zahlen. Zweitens sollten meine Eltern ihre schriftliche Einwilligung geben." In der folgenden Wochen wechselten die Briefe zwischen Rostock und Hanoi. "Meine Eltern sahen es als Schande für die Familie, wenn die Tochter ungehorsam ist und einen Ausländer heiratet. Sie forderten von mir, zurückzukehren und meiner Vorbildfunktion gegenüber meinen jüngeren Schwestern nachzukommen." Phuongs Flehen, ihrem Wunsch zu entsprechen, erreichte das Gegenteil. Die Eltern mobilisierten Onkel und Tanten, die der Nichte im Falle ihrer Ungehorsamkeit das Verstoßen aus dem Familienverband androhten.

Phuong blieb ungehorsam. "Ich sah nur eine Lösung: ein Kind." Würde das in der DDR geboren werden, hätte es die DDR-Staatsangehörigkeit, und sie selbst könne ohne Heirat bleiben. Doch der Staatsvertrag sah für schwangere Vietnamesinnen die Wahl zwischen Abtreibung und vorzeitiger Ausreise vor. Denn die Vertragsarbeiterinnen waren als Arbeitskräfte angeworben worden. Liebe oder Integration waren nicht eingeplant. Und falls ihr Kind in Vietnam zur Welt gekommen wäre, hätte es kein Recht auf die DDR-Staatsangehörigkeit gehabt.

Phuong hielt also die Schwangerschaft geheim, bis sie im siebenten Monat und damit nicht mehr transportfähig war. Der Preis war hoch: Sie musste bis dahin vier Schichten arbeiten. Die Frau sagt: "Ich habe mit der Gesundheit meiner Tochter gespielt. Noch einmal würde ich das nicht tun." Aber sie hat auch Solidarität erfahren: Die deutschen Kolleginnen in der Küche waren eingeweiht und schleppten für sie die schweren Töpfe, wann immer das möglich war. Und der Gynäkologe meldete die Schwangerschaft nicht dem Betrieb, was er hätte tun müssen. Anfang 1988 bekam Phuong eine gesunde Tochter. Eineinhalb Jahre später erlaubten ihr die Eltern, zu denen sie länger als ein Jahr lang aus Wut den Kontakt eingestellt hatte, die Hochzeit. Das war wenige Wochen vor dem Mauerfall.

Als im August 1992 das Sonnenblumenhaus brannte, wohnte Phuong Kollath als eine der wenigen Rostocker Vietnamesen nicht mehr da rin. "Mir blieb die lebensgefährliche Flucht über das Dach erspart", resümiert sie in der Erinnerung. 115 ihrer Landsleute, darunter schwangere Frauen und Babys, hatten sich so vor Flammen und rechtem Mob in Sicherheit gebracht, von Feuerwehr und Polizei im Stich gelassen. Phuong, damals Mutter eines Kleinkindes, hatte zwei Jobs und damit keine Zeit zum Zeitunglesen. Tagsüber kochte sie in der Küche eines Kindergartens. Abends half sie im Imbiss ihres Mannes. "Meine Kollegin im Kindergarten war mit einem Polizisten verheiratet. Sie schimpfte auf die blöden Ausländer, wegen denen ihr Mann nicht in den Urlaub fahren durfte," sagt sie. Das waren Worte, die sie verletzten. Noch mehr verletzten sie die glatzköpfigen Männer, die am Imbiss ihres Mannes damit prahlten, "Zigeuner und Fidschis" gejagt zu haben. Und die in Phuongs Richtung den Hitlergruß zeigten.

Als sie zwischen Kinderbetreuung und Jobs die Zeit fand, über die Bahnbrücke zum Sonnenblumenhaus zu laufen, stand sie vor einem menschenleeren, verkohlten Haus. Türen waren eingetreten, Fenster zersplittert. Es stank nach Ruß und Qualm. Die Bilder und den Geruch kannte die junge Frau aus dem Krieg. "Ich hätte niemals gedacht, dass Deutsche dazu fähig wären", sagt sie.

Der Liebe wegen nach Berlin

Das Pogrom bedeutete einen Einschnitt im Leben der Vietnamesin. In der DDR hatte sie aus Ärger über ihre Mutter wie auch über Landsleute, die die unverheiratete Mutter als "Nutte" beschimpften, die vietnamesische Kultur abgelegt. Sie wollte Deutsche werden. "Doch jetzt fühlte ich mich von der deutschen Gesellschaft abgelehnt. Hatten nicht viele Rostocker den Rechten Beifall geklatscht? "Ich war in einer Lebenskrise, wollte mein asiatisches Gesicht verstecken, mich unsichtbar machen."

Ihre Rettung war ein neuer Job. Phuong Kollath, die in Vietnam Abitur gemacht hatte und für die Reise in die DDR ihren Wunsch, Medizin zu studieren, begrub, akzeptierte ihr Schicksal als Köchin nicht und bewarb sich im Verein "Dien Hong". Den hatten ihre Landsleute gemeinsam mit deutschen und einem irischen Rostocker nach dem Pogrom gegründet. "Hier wurde ich so geschätzt, wie ich bin: von meiner vietnamesischen Herkunftskultur, aber auch von meiner Integrationsleistung her." 16 Jahre lang leitete sie dort die deutsch-vietnamesische Begegnungsstätte. Sie wurde zum Gesicht des Vereins "Dien Hong". Und trotz Job und Mutterrolle fand sie Zeit, sich ihren Lebenstraum zu erfüllen: Sie studierte Pädagogik an der Rostocker Universität. Phuong Kollath streicht sich wieder die langen Haare aus dem Gesicht und sagt: "Hier wurde ich zu der, die ich heute bin."

Heute ist sie Diplom-Pädagogin und Dolmetscherin. Sie gehört seit 2006 dem Integrationsgipfel bei Angela Merkel an. Die einstige Herdhilfe sitzt als einzige Vietnamesin an runden Tischen mehrerer Bundesministerien, wenn es um Fragen der Integration geht. Seit einem Jahr lebt sie in Berlin, ihrer neuen Liebe wegen. Die Tochter studiert in Rostock.

An diesem Wochenende wird Phuong Kollath in Rostock sein. Sie wird als Zeitzeugin auf der Ehrentribüne sitzen, neben Bundespräsident Joachim Gauck. Als eine von nur drei Landsleuten. 115 Vietnamesen hatten vor 20 Jahren gemeinsam mit zwölf Deutschen um ihr Leben gekämpft und diesen Kampf nur durch Zufall gewonnen. 35 von ihnen leben noch heute in Rostock. Die Hansestadt hätte sie gern alle auf der Ehrentribüne gehabt. Aber die meisten wollen nicht. "Es ist ihnen ungemein peinlich, so im Mittelpunkt zu stehen. Sie wollen sich lieber unsichtbar machen, wie ich einst", sagt Phuong Kollath. Ihr selbst ist es wichtig, sich zu zeigen, sich als Deutschvietnamesin in die deutsche Gesellschaft einzubringen. "Mit meinem asiatischen Gesicht, meiner Lebensleistung und meinem frechen Mundwerk."

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