Rollende Steine setzen kein Moos an

Die Rolling Stones gelten als lebende Musiklegenden: Charlie Watts, Keith Richards, Mick Jagger und Ron Wood (v.l.). dpa
Die Rolling Stones gelten als lebende Musiklegenden: Charlie Watts, Keith Richards, Mick Jagger und Ron Wood (v.l.). dpa

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12. Juli 2012, 09:29 Uhr

Zum Tugendkatalog eines Journalisten gehört ironischerweise auch die Fähigkeit zu schweigen. Das 50-jährige Bühnenjubiläum der Rolling Stones bietet die Möglichkeit, diese Tugend unter Beweis zu stellen. Denn die Band um Mick Jagger und Keith Richards ist so bekannt, so vertraut, dass detailverliebte Nacherzählungen all der Drogenexzesse, Affärengerüchte, all der - Stichwort Brian Jones, Stichwort Altamont - Tragödien, all der Vaterschaftsklagen oder auch nur die Beantwortung der musikgeschichtlichen Frage, ob "Exile On Main Street" oder "Some Girls" das beste Album der Stones ist; die Band ist jedenfalls so bekannt, dass die Beschäftigung mit all diesen Aspekten und Facetten einem gelangweilten Geschlurfe ans abgefrühstückte Rolling-Stones-Buffet gleichkäme.

Nein, das Erzählenswerte zum 50-jährigen Bühnenjubiläum ist die Geschichte, wie sich die Herren Jagger, Richards und Wood, die allesamt stramm auf die 70 zugehen, aus einer strukturellen Defensive befreien. "Nichts macht so alt wie der ständige Versuch, jung zu bleiben", hat Robert Mitchum einmal gesagt. Neil Young verengt die Alters-Thematik auf das Musikgeschäft: "Rock ’n Roll lässt einem praktisch keine Möglichkeit, in Ehren alt zu werden." Wenn man sich aktuelle Konzertmitschnitte von Billy Joel (63), dem frittierten Pudel Elton John (65) oder Paul McCartney (70, mit gefärbten Haaren und Hush-Puppy-Gesicht) ansieht, möchte man Youngs Alters-These zustimmen.

Der Druck auf Stars im Spätherbst der Karriere erhöht sich zusätzlich, wenn man sich das "Hope I die before I get old"-Mantra von The Who vor Augen hält oder sich an die "Live fast, die young"-Ahnengalerie des Musikgeschäfts erinnert. An Jimi Hendrix, Janis Joplin, Brian Jones; an Jim Morrison, John Lennon und Bon Scott; an Kurt Cobain, Michael Hutchence und Amy Winehouse; an Michael Jackson oder zuletzt Whitney Houston.

Die Rolling Stones haben dieser vielleicht eine Spur zu griffigen "Hope I die before I get old"-Philosophie einiges entgegenzusetzen. Die Erkenntnis nämlich, dass sich nominelles Alter relativiert, wenn innendrin noch ein Feuer lodert. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich liegen zwischen den konfirmandenhaften Bandfotos des Jahres 1962 und aktuellen Stones-Bildern Welten. Natürlich hat ein halbes Jahrhundert "Sex and drugs and rock ’n roll" Spuren hinterlassen.

Unübersehbare Spuren. Aber so wie die Gruppe die Koexistenz von Verführbarkeit und Sucht und gleichzeitig Verantwortungsbewusstsein und Vernunft verkörpert, so verkörpert sie eben auch die Koexistenz von Alterungsprozessen und scheinbar unerschöpflichen Energievorräten. Der innere Rock ’n Roller treibt die Band an. Selbst nach 50 Jahren noch.

Finanzielle Not ist es jedenfalls nicht, die den Stones immer wieder Beine macht, sie auf Tour gehen lässt: Das Privatvermögen von Keith Richards und Mick Jagger wird auf jeweils eine halbe Milliarde Dollar geschätzt. "Konstanz ist im Musikbusiness ein knapper Rohstoff", sagt der englische Kulturjournalist Paul Sexton. "Und die Rolling Stones stehen für Konstanz."

In der Tat. Weil sie immer weitermachen. Eine Art First-Class-Existenz in der zweiten Reihe. Denn dass sie neue Trends setzen, dass sie die Jugend des 21. Jahrhunderts erreichen können, werden die ohnehin zur Selbstironie neigenden Superstars aus London nicht behaupten. Sie dürften auch die Veränderungen an und in sich spüren. Aber sie altern ja tröstlicherweise gemeinsam, im Kollektiv. Und vor allem scheint "I can’t get no satisfaction" zu ihrem Lebensmotto geworden zu sein, das sie immer wieder pusht. Rollende Steine setzen eben kein Moos an.

"Kluge Menschen verstehen es, den Abschied von der Jugend auf mehrere Jahrzehnte zu verteilen", hat die französische Schauspielerin Francoise Rosay einmal gesagt. Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts sind kluge Menschen. Und für ihren Weg, aktiv zu altern, gilt: zur Nachahmung empfohlen.

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