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Ringen ist Kaltduschen des Geistes

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erstellt am 03.Apr.2013 | 10:28 Uhr

Neubrandenburg | Geht es nach den hohen Herren Olympias, dann haben die Ringer weltweit verloren. Die Exekutive des IOC hat Anfang Februar die klassische Sportart überraschend aus dem Programm für die Sommerspiele 2020 gestrichen. Der bereits seit der Antike bei Olympia vertretenen Sportart droht der Untergang. Doch die Ringer an der Basis wollen sich nicht kampflos auf die Matte werfen lassen. Auch in Neubrandenburg trainieren sie weiter und träumen ihren olympischen Traum.

Wer tief fällt, hat nichts mehr zu verlieren. Und aus zwei Metern Höhe hinunter geschleudert zu werden, beendet viele Gedanken, sagt man. Unterwegs verlierst du manches Vorurteil: Es ist nicht der Aufprall, der am meisten schmerzt. Es ist der andere Ringer, der sich hinterher wirft, katzenhaft rollend über dich kommt und seine Kraft, die dich felsenfest in die Matte drückt. Irgendwo sagt einer: "Drei Punkte und Sieg." Irgendwann vor einigen Augenblicken hast du noch aufrecht gestanden. Irgendwie schmerzen jetzt der Rücken, die Rippen und dein Ego.

Jakob Erdmann taucht im Sichtfeld auf, als dein 25-jähriger Gegner verschwindet. "Geht es Ihnen gut", fragt Erdmann mit russischem Akzent, seine hellen Laute sind noch heller, als spielten sie eine größere Rolle. Du nickst und greifst nach der Pranke des Trainers. Seit elf Jahren ist er in Deutschland, seit 54 Jahren auf der Welt. Er hilft dir, aufrecht aus dem inneren Kreis zu kommen, dem gelben Kreis, dahinter ein roter Ring. Außen ist eine Ringermatte himmelblau, traumblau. Wer von seinem Gegner herausgedrängt wird, verliert Punkte.

Wer mit den Schultern am Boden liegt, verliert

Momentan ist es die Sportart selbst, die an den Rand gedrückt wird durch das Führungsgremium des Internationalen Olympischen Komitees. Die Empfehlung der IOC-Spitze lautet, Ringen vom Jahr 2020 an nicht mehr im Programm der olympischen Sportarten zu führen. Das gleiche Ringen, das seit Beginn der Spiele in der Neuzeit 1896 immer dabei war und das in der Antike schon als Bindeglied aller athletischen Sportarten galt. Das IOC begründet seine Entscheidung mit niedrigen Werten, die Ringen bei einer Analyse der 26 olympischen Sommersportarten erhalten hatte. Nach 39 Kriterien wie TV-Einschaltquoten und Zuschauerzahlen, nach Ticket einnahmen und Mitgliederzahlen, nach Bekanntheit und Attraktivität für Jugendliche ist hier verurteilt worden. Doch Protest wird laut und versucht die endgültige Niederlage zu verhindern. Erst wer mit den Schultern am Boden liegt, hat verloren.

Jakob Erdmann setzt dich auf eine Bank, lächelt aus seinem runden Bärengesicht. "Das tut weh, oder?" Du nickst und bekommst etwas Zeit zum Atmen. Der Wurf hat deine Lungen bis in den kleinsten Zipfel geleert. Eine Leere, die man im Alltag nicht kennt, die sich wie eine Leere im Kopf anfühlt. Ringen ist Kaltduschen des Geistes.

Jakob Erdmann hat zehn Junioren zwischen sechs und zwölf Jahren in der Halle nebenan zum Laufen geschickt, zwanzig Runden, während erwachsene Sportler hier halb russisch, halb deutsch vom Wetter reden. Osdamirow Badruddin, der 25-jährige Tschetschene, tritt gleich gegen den Nächsten an und braucht diesmal länger, um seinen Kontrahenten mit einer Ausweichtechnik und einer schräg verklammerten Innenrolle zu besiegen. In seinem Heimatland war er der Hoffnungsträger der Junioren-Nationalmannschaft, hat auf einem Olympiastützpunkt hart trainiert. Vor zwei Jahren ist er mit seiner Familie geflohen und hofft noch immer auf politisches Asyl. Das sportliche Asyl ist ihm sicher.

Konfliktnationen gemeinsam auf der Matte

Die Neubrandenburger Halle diente einst einer Grundschule als Sporthalle, von außen mit Graffiti-Schmierereien übersät, duckt sie sich in den Schatten der Plattenbauten des Reitbahnviertels. Zweimal in der Woche treten hier die Konfliktnationen Osteuropas gegeneinander an, die Scherben der ehemaligen Sowjetunion - Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan, Aserbaidschan, Russland selbst, und Tschetschenien.

"Man kann einen Sport wie Ringen nicht einfach aus dem Programm streichen", sagt Erdmann. Er gestikuliert mit den muskelbepackten Armen. "Wer denkt sich so etwas aus, schon die Griechen..." Der Trainer dreht sich um, weil er im Seitenblick gesehen hat, dass zwei seiner Schüler Pause machen. Pausen sind hier Chefsache: "Sagt mal, was ist mit euch los? Hey Philipp! Komm hoch! Du musst immer arbeiten, arbeiten!" brüllt er. "Ringen ist ein richtiger Männersport. Es ist hart und es tut weh", erklärt er. Und was weh tut, scheint heute nicht mehr in die Welt zu passen. Was sich nicht biegt, lässt sich nicht vermarkten. "Das Geld steckt dahinter, schon richtig", sagt Erdmann weiter. Dann zieht er die Augenbrauen und seine Stimme hoch. "Die wollen Squash! Squash! Herkules mit Federball! Wirklich?"

Der Kasache, der neben seiner Erfahrung im Freistilringen auch Sambomeister ist und einen schwarzen Judogürtel sein eigen nennt, glaubt nicht, dass das Ringen als olympische Sportart vorbei ist. "Die ersten Olympiasieger haben ihre Medaillen schon zurückgegeben, aus Protest. Es gibt auch Hungerstreik", erzählt Erdmann.

Iran, USA und Russland haben sich gemeinsam stark gemacht und gefordert, Ringen olympisch bleiben zu lassen. Der Protest über die Empfehlung nimmt internationale Ausmaße an und der Neubrandenburger Trainer schimpft: "Was haben die gemacht? Die haben doch keine Ahnung, wie wertvoll dieser Sport ist. Entscheiden da vielleicht Männer, die nur was vom Kartenspielen wissen", fragt er und winkt wütend ab.

Die Kinder kommen zur Matte herüber. Sie sind gelaufen, gesprintet, gesprungen und dehnen sich nun. Im Kreis springen sie übereinander, winden sich unter anderen hindurch und üben das Abrollen immer und immer wieder. In der Mitte humpelt ein kasachischer Zweimeterfels, der seine künstliche Hüfte nur vergisst, wenn seine Leidenschaft durchkommt. "Eric, du musst hier unten durchfassen und dann ziehen! Abspringen musst du! Jetzt! Du hast doch kein Schiss!"

Das ist nicht nur hart, das macht auch hart

Am Rand der Matte sitzen Fanny Falk und Marta Pankow, die beide zwei Söhne hier haben. "Mein Mann ist auch Ringer. Da ist jeder Muskel trainiert, das können Sie ruhig glauben", sagt Marta und zwinkert. Sie fährt zu jedem Turnier mit und hat bis jetzt noch keine Verletzung gesehen, "denn Ringen ist nicht nur hart, das macht auch hart."

"Es hat schon mit Schmerzen zu tun", sagt Jakob Erdmann, der tagsüber seine alte Mutter pflegt und sich abends bei der Arbeiterwohlfahrt um Immigranten kümmert. Beim ersten Training warnt Erdmann die Anfänger, dass sie die Ringertricks nicht bei Jungs in der Schule anwenden sollen. "Euer Körper wird hier eine Waffe. Nicht immer zu viel denken, machen", sagt er.

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