zur Navigation springen

Regionale Leckereien statt Schummelfleisch

vom

svz.de von
erstellt am 16.Apr.2013 | 09:38 Uhr

Schwerin/ Potsdam | Das Frühstücksei ist mit Giftstoffen versetzt. Und statt wie gedacht Rindfleisch zu essen, kommt Pferdefleisch auf den Tisch. Was sich anhört wie aus einem Horrorfilm, ist traurige Realität geworden. Denn in den letzten Monaten sind in ganz Europa falsch deklarierte und mit Giftstoffen versetzte Lebensmittel gefunden wurden.

Auch der Nordosten blieb von den Skandalen nicht verschont. In mehreren Rindfleisch-Proben aus MV wurde Pferde-DNA nachgewiesen. In Brandenburg gelangten mit Dioxin belastete Bio-Eier in den Handel. Doch damit nicht genug: Erst letzte Woche wurde bekannt, dass der Pferdefleisch-Skandal viel größer ist als bisher angenommen. Davon sind Betriebe in beiden Bundesländern betroffen.

Verbraucher aus MV reagieren mit Empörung auf die Vorfälle. "Viele unserer Anrufer sind wütend darüber, aber auch verunsichert", weiß Simone Goetz von der Verbraucherzentrale MV in Rostock. Auch wenn sich die Lebensmittelskandale in den letzten Jahren häufen - sie würden nach wie vor Entsetzen bei den Menschen hervorrufen. "Dem Verbraucher ist es nicht egal, wenn er betrogen wird, mittlerweile sind viele beim Einkaufen misstrauisch geworden", sagt sie. In dem Wunsch, sich vor Betrug zu schützen, würden einige Menschen mittlerweile verstärkt Waren kaufen wollen, die aus der Region kommen. Das ist allerdings häufig nicht einfach, denn die Kennzeichnung der Herkunft von Lebensmitteln ist sehr lückenhaft, bemängelt Simone Goetz.

Einen allgemeinen Trend hin zu regionalen Produkten sieht sie allerdings nicht. Insbesondere junge Mütter und Studenten würden auf heimische Lebensmittel setzen. Und auf Bio. "Diese Verbrauchergruppen wollten sich aber schon immer möglichst schadstoffarm und nachhaltig ernähren, erklärt sie.

Dass Verbraucher durch die Skandale vermehrt regionale Produkte kaufen, dafür sieht auch Dr. Delia Micklich derzeit keine Anzeichen. Sie ist Geschäftsführerin vom ökologischen Anbauverband Biopark mit Sitz in Güstrow. Der Verein hatte sich 1991 in MV gegründet; mittlerweile sind in ihm mehr als 7000 Landwirtschaftsbetriebe aus ganz Deutschland organisiert. Über den Verband können die Betriebe ihre Bio-Waren vertreiben. "Wir hoffen immer darauf, dass regionale Produkte bei den Verbrauchern besser ankommen", sagt Dr. Delia Micklich. Eine Veränderung habe sie im Verband bis jetzt jedoch nicht wahrgenommen.

Ganz anders im Bioladen von Hof Medewege nahe Schwerin. Insbesondere bei Fleisch, Geflügel und Wurstwaren sei die Nachfrage in letzter Zeit stetig gestiegen. "Ich glaube der Kunde möchte genau wissen, was er bekommt", erklärt Dörte Kahmann, Geschäftsführerin des Ladens. Neben Fleisch aus Hausschlachtung gibt es im Bioladen auch heimische Obst- und Gemüsesorten, Milch, Eier und Backwaren aus eigener Produktion. "Etwa 30 Prozent unseres Sortiments sind biologische Erzeugnisse vom Hof", beschreibt Dörte Kahmann das Angebot. Neben den eigenen Produkten werden im Hofladen auch Waren von Bio-Höfen aus der Region verkauft. "Uns ist es wichtig, dass wir den Kunden Transparenz bieten. Deshalb beziehen wir regionale Produkte, denn da wissen wir, was drin ist", so die Geschäftsführerin. Und das kommt bei den Kunden gut an.

Nadine Reuter aus Schwerin ist eine von ihnen. Sie kauft regelmäßig im Hofladen ein. Besonders das Gemüsesortiment begeistert sie: "Wenn ich hier Gurken kaufe, dann schmecken die so, wie Gurken schmecken sollen." Aber nicht nur die eigenen Produkte locken die Schwerinerin nach Medewege. Auch Brotaufstriche, Schokolade und Kosmetika, die der Hofladen über den Verband Demeter bezieht, kauft sie hier gerne. "Ich bin überzeugt, dass die Produkte hier besser sind. Und die Kosmetikprodukte sind nicht an Tieren getestet", bekräftigt sie.

Auch Sabine Ganssauge aus Lübstorf setzt auf Bio und Regionales. "Ich habe vier Kinder und eine biologische Ernährung ist uns wichtig", sagt sie. Deshalb kaufe sie regelmäßig im Hofladen ein. Besonders bei Fleisch wolle sie nur noch Bio. "Ich habe schon vorher hier Fleisch gekauft, aber die Skandale bestätigen mich noch", fügt sie hinzu. Auch wenn sie für ihren Einkauf etwas mehr bezahlen muss, ist sie von den Produkten in Medewege überzeugt. "Ich vertraue den Bio-Siegeln im Supermarkt nicht", sagt sie. Um Sicherheit zu haben, würde sie deshalb lieber auf etwas anderes verzichten und dafür bei der Ernährung tiefer ins Portemonnaie greifen.

Die Rückmeldungen seiner Kunden kann auch Renè Zeitz - ebenfalls in der Geschäftsleitung vom Hofladen - bestätigen. "Gibt es in den Medien wieder neue Meldungen zu Lebensmittelskandalen, dann merken wir das sofort", sagt er. Zwischen zehn und 20 Prozent mehr Kundschaft hätten sie in dieser Zeit. Allerdings nicht langfristig. "Zwei, drei Wochen danach flacht das Ganze wieder ab", so Zeitz.

Auch im Hofladen von Gut Gallin ist immer was los. "Regionale und Bio-Produkte liegen voll im Trend", erklärt Jens Rasim, Geschäftsführer von Gut Gallin. Er glaubt aber nicht, dass nur die Lebensmittelskandale in den letzten Monaten dazu beigetragen haben. "Die Welt kann nur mit Bio überleben", ist sich der Diplom Agrar-Ingenieur sicher. Und deshalb wird in seinem Betrieb auch nur Bio produziert. Und das schon seit 20 Jahren. "In der Wendezeit ist die Biowelle rüber geschwappt", erinnert sich Jens Rasim. Seitdem verzichtet das Gut - damals noch unter anderer Führung - beim Anbau von Getreide, Gemüse und Futterpflanzen auf chemisch-synthetische Spritz- und Düngemittel. Auch die Rinder und Schweine auf dem Hof werden fast ausschließlich mit dem selbstangebauten Bio-Futter ernährt. "Und wir achten auf eine artgerechte Haltung", so Geschäftsführer Rasim. Aber nicht nur das: Um die Schlachtung für die Tiere so stressfrei wie möglich zu gestalten, setzt er auf Einzeltierschlachtung. "Das schmeckt man dann auch bei dem Fleisch und der Wurst, die wir hier verkaufen", ist Rasim überzeugt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen