Energiewende : Raus aus der Nische

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Eine Woche haben wir in einer Serie debattiert: Für und wider erneuerbare Energien in MV. Es gab Zustimmung, Ablehnung. Und doch ist die Erneuerbare-Energien-Branche eine der wenigen im Land, die für Arbeit und gute Löhne sorgt.

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04. März 2015, 11:50 Uhr

Hunderte Firmen mit satten Umsätzen, tausende neue Jobs mit gutem Verdienst: Eine Zukunftsbranche kommt aus der Nische. Ungeachtet des wachsenden Widerstandes gegen den Aufbau neuer Öko-Kraftwerke haben Anlagenhersteller und Dienstleister die erneuerbaren Energien in MV zu einem der wichtigsten Wirtschaftsbereiche an der Küste entwickelt – und zu den bestimmenden Tourismus- und Ernährungsbranchen aufgeholt oder gar gleichgezogen.

Die Branche gewinnt an Gewicht: Inzwischen arbeiten allein bei Anlagenherstellern, Zulieferern und Dienstleistern im Land fast ebenso viele Beschäftigte wie in der Ernährungswirtschaft – 13 700 Frauen und Männer, zwei Drittel in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten, geht aus einer gestern in Schwerin vorgestellten Studie des HIE-RO Instituts an der Uni Rostock im Auftrag der SPD-Landtagsfraktion hervor.

Wind- und Solarenergie, Strom aus Biogas: Die Geschäfte florieren. Die rund 580 Unternehmen der Branche erwirtschafteten im Jahr rund 3,7 Milliarden Euro – ohne die millionenschweren Offshore-Geschäfte der Nordic-Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund einzurechnen. Der Bereich habe mittlerweile die gleiche Bedeutung für MV wie die Ernährungswirtschaft, erklärte Jochen Schulte, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion – und fast wie der Tourismus, der rund fünf Milliarden Euro umsetze. Das füllt auch die Lohntüten der Beschäftigten: In der Branche würde mit Bruttojahreslöhnen von 30 000 bis 35 000 Euro überdurchschnittlich viel gezahlt, geht aus der Studie hervor. Zum Vergleich: Der Landesschnitt liegt bei 24 600 Euro.

Ein Jobmotor und bedeutender Wirtschaftszweig in MV, meint SPD-Landtagsfraktionschef Norbert Nieszery. Mit der Branche sei es erstmals aus eigener Kraft gelungen, wirtschaftliche Kapazitäten aufzubauen, die nachhaltig seien – in kurzer Zeit mit hochqualifizierten und gut bezahlten Jobs.

Mit der 56 000 Euro teuren und aus Fraktionsgeldern bezahlten Studie haben Nieszery und sein Parteifreund Schulte ihrem Parteifreund Energieminister Christian Pegel (SPD) den Job abgenommen. Pegels Amtsvorgänger Volker Schlotmann hatte damit allerdings schon schlechte Erfahrungen gemacht. Den Ex-Minister und jetzigen Windparkentwickler hatten Nieszery und Schulte auflaufen lassen und auf einer Fraktionsklausur mit einem Rechtsgutachten zur Bürgerbeteiligung an Windparks überrascht, ohne Absprache und Wissen von Schlotmann – ein Affront. Monate später war Schlotmann seinen Job los. Alles abgestimmt, ließ Nieszery gestern keine Zweifel aufkommen. „Da gibt es keinen Dissens“, fügte Schulte hinzu.

Doch vor allem in den Dörfern des Landes zählen die Argumente pro Windkraft immer weniger: Neue Windmühlen vor der Küste, neue Eignungsgebiete im Landesinnern – der Protest nimmt zu. Die wachsenden Akzeptanzprobleme seien die „zentrale Herausforderung für die Weiterentwicklung des Landes als Standort für Erneuerbare Energien-Anlagen“. Jahrelang sind die Erträge aus dem Land abgeflossen, die Belastungen durch neue Anlagen aber geblieben: „Ein Versäumnis“, gestand Nieszery. Ein Beteiligungsgesetz soll es richten, noch in diesem Frühjahr. Protest hin oder her, für Nieszery steht auch fest: „Zu einer funktionierenden Gesellschaft gehört auch, dass einige wenige Opfer bringen müssen, damit ein nationales Projekt gelingen kann.“  

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