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Raus aus der Hölle - Rettung in Barnin

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erstellt am 29.Aug.2012 | 10:18 Uhr

Crivitz | Das Grauen beginnt rechts oben auf dem Zettel: In Aleppo schlägt ein Geschoss in eine Wohnung ein. Die vier Bewohner sind sofort tot. Abdulkarim Allousch liest weiter. Eine Demonstration eskaliert. Es gibt Tote und Verletzte. Drei Medizinstudenten wollen helfen, dabei werden sie von Sicherheitskräften geschnappt. Sie hacken ihnen die Hände ab und verbrennen sie anschließend bei lebendigem Leib. "Ein befreundeter Anwalt aus dem Nachbardorf hat Demonstranten vor Gericht vertreten", erzählt Allousch. Die Rache folgt ohne Vorwarnung: Der Mann wird auf offener Straße von Polizisten niedergestochen. Vier Stunden lang verhindern die Sicherheitskräfte, dass er Hilfe bekommt. Dann, glauben sie, ist er tot und lassen ihn liegen wie ein Stück Müll. Der Jurist überlebt mit viel Glück.

Abdulkarim Allousch sitzt in einem Wohnzimmer in Barnin bei Crivitz. Sein Notizzettel liegt vor ihm auf dem Wohnzimmertisch. Immer wieder nimmt er ihn zur Hand. Er will nichts vergessen, von den brutalen Geschichten aus seiner Heimat. Der 42-Jährige ist Syrer - und ein Kriegsflüchtling. Anfang des Jahres muss er mit seiner sechsköpfigen Familie das Land verlassen, weil Kämpfe immer weiter eskalieren. Irgendwann rücken sie bis an sein Dorf heran und plötzlich steht das Leben seiner Frau und Kinder auf dem Spiel.

Was er berichtet, lässt sich schwer nachprüfen. Aber es fügt sich ein in die täglichen Nachrichten aus Syrien.

Sie will Arabisch lernen und findet eine Heimat

Als die Familie im Februar Syrien hinter sich lässt, findet sie beim Opa von Manuela Plokarz Unterschlupf. Seit 2007 ist sie mit dem Syrer verheiratet. Als sie vor neun Jahren in das arabische Land geht, will sie eigentlich nur ihre Sprachkenntnisse verbessern. Das Magister der Arabistik frisch in der Tasche, zieht sie nach Damaskus und lernt Abdulkarim Allousch kennen. "Freunde haben uns verkuppelt", erzählt die 35-Jährige. Sie heiraten und ziehen in den Norden, wo der Rest der Familie wohnt. Tochter Zeinab (3) und Sohn Abdarahman (2) erblicken das Licht der Welt. Manuela Plokarz hat eine neue Heimat gefunden. Sie fühlt sich wohl und glaubt, dass es vorwärts geht. "Ich habe mich täuschen lassen", sagt sie heute.

Vor 15 Monaten erhebt sich die Opposition gegen Staatschef Baschar al-Assad. Im März 2011 sprühen Kinder in einer Kleinstadt im Süden des Landes Anti-Regime-Graffiti an Wände. Der Geheimdienst sperrt sie ein und foltert sie. Aus dem wütenden Protest der Eltern wird schnell ein Flächenbrand. Der arabische Frühling fegt gerade über die Region. In dieser aufgeheizten Stimmung lassen sich die Syrer nicht mehr beruhigen.

Am Anfang war das alles noch weit weg. "Einen Monat vor unserer Ausreise begannen die Demonstrationen im Nachbardorf", sagt Manuela Plokarz. Plötzlich ist der Krieg vor ihrer Haustür angekommen. Jetzt will sie nur noch weg, ihre Kinder in Sicherheit bringen. Aber dafür gibt es nur einen Weg: Raus aus Syrien, zurück nach Deutschland. Sie müssen alles zurücklassen, ihr Heim, ihre Familie, ihre Freunde. Ob sie je zurückkönnen - sie wissen es nicht.

Doch so einfach ist das nicht. Die älteren Söhne Anas (8) und Mohamad (9) stammen aus der früheren Ehe von Allousch. Er hat zwar das Sorgerecht für die beiden, doch die leibliche Mutter muss der Ausreise zustimmen. Also besorgt der Vater die Papiere. "Dabei sind ihm die Kugeln schon um die Ohren geflogen", sagt Manuela Plokarz. Sie stockt, wischt sich Tränen aus den Augen.

Endlich haben sie alle Papiere zusammen, und die Deutsche Botschaft kann die Visa ausstellen. Aber dann gerät ihre Ausreise in g efahr. Auch in der Hauptstadt Damaskus wird mittlerweile gekämpft. Das Auswärtige Amt zieht seine Mitarbeiter ab und die Botschaft schließt - aber die Familie hat die Papiere noch nicht. Wenn sie jetzt gehen, müssen Anas und Mohamad zurückbleiben. Aber dann die erlösende Nachricht: "Über den Notdienst haben wir am 25. Januar die Visa bekommen", sagt die junge Frau. So schnell es geht, packen sie ihre Sachen und gehen.

Allousch erzählt die Horrorgeschichten aus seinem Land gefasst. Seine Stimme klingt nicht nach Trauer oder Hass. Nüchtern berichtet er vom Leben unter dem Assad-Regime. Von der Unterdrückung und der Willkür des Sicherheitsapparates, mit der die Syrer sich arrangiert haben. Bloß kein falsches Wort, bloß wegducken, dann konnte man durchkommen. "Man konnte über alles reden", sagt er. "Außer über den Präsidenten und die Geheimdienste". Die Syrer hätten die Repressalien in Kauf genommen, um ein ruhiges Leben zu führen. "Niemand hat gewagt, das Wort Revolution in den Mund zu nehmen", sagt er. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Revolution nach Syrien kommt."

Die Kinder freuen sich, die Schule ist besser

Auch Allousch hat sich arrangiert. Der studierte Betriebswirt leitet eine Außenstelle der staatlichen Rentenversicherungsanstalt in der Provinzhauptstadt Idlib. Mohamad und Anas sollen ihr Abitur machen. Sie sind die Besten ihrer Klasse.

Daran sollen sie nun in Deutschland anknüpfen. In der Grundschule in Crivitz büffeln sie Vokabeln und Grammatik. Als sie im Februar eingeschult wurden, werden beide eine Klasse zurückgestuft. "Sie sollten so viel Zeit wie möglich haben, um die Sprache zu lernen", sagt Manuela Plokarz. Die beiden bekommen Förderunterricht, damit sie schnell den Anschluss schaffen. Zu Hause geht das Üben weiter, denn Opa spricht kein Arabisch. Mathe findet er toll, erzählt Mohamad schüchtern. Der Neunjährige freut sich, dass die Schule endlich wieder losgegangen ist. Hier sei alles viel besser ausgestattet. Es gebe sogar einen richtigen Sportplatz. "Die Lehrer meinen, dass sie es auf das Gymnasium schaffen könnten", sagt der Vater stolz.

Die Kinder hätten sich schnell an die neue Situation gewöhnt, sagt Manuela Plokarz. Aber es sei schon anders. In Syrien konnten sie mit ihren über 60 Cousins und Cousinen spielen. "Es war immer jemand da." In Barnin ist deutlich weniger los. Allousch macht zurzeit einen Integrationskurs in Schwerin. Er will schnell Deutsch lernen und eine Arbeit finden. Seine Frau hat sich zur Übersetzerin vereidigen lassen. Wenn Zeinab und Abdarahman in die Kita gehen, will auch sie sich einen Job suchen.

Seine Mutter schafft die Flucht nicht mehr

Doch bevor das Leben in MV für Allousch losgehen konnte, kehrt er noch einmal nach Syrien zurück. Mit Hilfe von Verwandten gelingt ihm im Juli die illegale Einreise über die Grenze. Er will seine Mutter besuchen. Sie lebt noch in dem Dorf und schafft die Flucht ins sichere Nachbarland nicht. "Alle die konnten, sind geflohen", sagt er. "Die anderen müssen es aussitzen." Aus Angst von der Armee versteckte er sich in dieser Zeit in den Olivenhainen eines Verwandten. "Es ist erst vorbei, wenn Assad weg ist", sagt er. Aber dann, sagt Allousch, will die Familie zurück.

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