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"Raufen ist doch besser als Schachspielen"

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erstellt am 28.Aug.2012 | 10:03 Uhr

Schwerin | "Wenn du den ersten Kampf versaust, bist du weg", sagt Ramona Brussig aus Schwerin und rückt ihren Judogi zurecht. So heißt der Anzug im Judo. Bei Ramona Brussig wird er auf der schmalen Hüfte mit einem schwarzen Gürtel zusammen gehalten. Dieser besagte erste Kampf sei mental so wichtig. Und um den dreht sich gerade alles. Denn der Countdown läuft: Übermorgen muss Ramona auf der Matte stehen. Sie vertritt die deutsche Mannschaft. Im Excel Center in London. Zu den Paralympischen Spielen.

Am Mattenrand wird ihre größte Stütze, ihre Seelenverwandte mitfiebern - Zwillingsschwester Carmen, die sich ebenfalls wieder für die Paralympics qualifiziert hat.

Während Ramona in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm antritt, kämpft Carmen in der Klasse bis 48 Kilogramm. Von einer Konkurrenz untereinander hätten sich die beiden aber schnell verabschiedet, wie Ramona Brussig sagt. Durch die unterschiedlichen Gewichtskategorien käme es schließlich nicht dazu. Würde es doch einmal so weit kommen, "dann würden wir uns absprechen, wer gewinnt", meint Carmen und lächelt.

Seit Kindesbeinen extrem kurzsichtig

Sie ist gerade 15 Minuten älter als Ramona. Und seit dieser Geburt vor 35 Jahren leben die beiden Frauen mit einer Sehbehinderung. Mit einer Sehfähigkeit von zehn Prozent sind sie extrem kurzsichtig. "Als Kind denkt man nicht drüber nach", sagt Ramona. "Es war eben nur ein bisschen blöd, in der ersten und zweiten Schulbankreihe sitzen zu müssen", fügt sie hinzu. Aber ansonsten gehörte und gehört dieses Handicap zu ihnen. Und hat sie auch zu dem gemacht, was sie heute im Sport sind.

Carmen und Ramona Brussig zählen zur Weltspitze. Bei den Paralympics in Athen 2004 hat Ramona Gold gewonnen - eine ganz besondere Premiere. Denn 2004 war Judo für Frauen zum ersten Mal paralympisch. In nur elf Sekunden bezwang Ramona Bussig vor acht Jahren im Finale ihre Gegnerin. Bei den Paralympics in Peking 2008 sollte ihr das ihre Zwillingsschwester Carmen nachmachen. Im kleinen Finale - Kampf um Bronze - triumphierte sie - ebenfalls in elf Sekunden. Ramona gewann damals Silber.

Auch Fallen will gelernt sein

Entsprechend groß sind die Hoffnungen auf die Spiele in London. "Der Druck wächst", sagt Ramona, die das gar nicht so gut findet, vorher schon die Medaillen zu verteilen. "Klar, Medaillen sind für uns beide drin. Aber wir sind doch keine Maschinen", betont sie und will damit die hohen Erwartungen ein wenig dämpfen. Kämpfen mit Herz und Verstand wollen sie aber, keine Frage. Das war schon immer so. In Kinderjahren spielten sie noch Schach, so wie es Vater und Opa schon vorführten. Aber letztlich entschieden sie sich für den Judo-Sport. "Raufen ist einfach besser", so Ramona. Sie schätzt die Athletik, die Vielseitigkeit und Schnelligkeit dieser Sportart. "Na, und Fallen muss man zwischendurch auch mal können", fügt sie hinzu. Außer montags haben die Zwillingsschwestern zweimal täglich Training. Haben sie wohl schon mal geschwänzt? "Nee, wir sind Streber" - darin sie sich beide einig.

Der Perfektionismus liegt ihnen im Blut. So setzt Carmen auf ihre Zuverlässigkeit und Zielstrebigkeit. Oft wird ihr eine redescheue Art bescheinigt, die sie selbst etwas nervt, wie sie gesteht. Ramona hingegen empfindet sich selbst manchmal als zu ehrgeizig. Trainiert hätten sie beide gut in den vergangenen Monaten. Auf ihre Rivalinnen trafen sie bereits im April in Japan und im Mai in Miami (USA).

Im Kampf geht es um echtes Feingefühl

Seitdem sind sie aber zu Hause, in der Landeshauptstadt, beim PSV Schwerin. Carmen ist extra hier geblieben, denn normalerweise arbeitet sie in einer Bäckerei in der Schweiz. Konditorin haben beide Schwestern gelernt. Ramona hat aber umgeschult und ist seitdem beim Landessportbund Mecklenburg-Vorpommern angestellt, als Sport- und Fitnesskauffrau.

Aber trotz der sonstigen Entfernung von rund 1000 Kilometern halten die Schwestern ständig Kontakt. "Wir telefonieren drei- oder viermal am Tag", sagt Carmen, die ihre Zeit in Schwerin im Vorfeld der Paralympics richtig genossen hat.

Nun stehen aber alle Zeichen auf London. Dabei können die Schwestern aus ihrer gut 25-jährigen Judo-Erfahrung schöpfen. Vorbehalte anderer, wie man denn kämpfen könne, obwohl man nichts sieht, wischen sie beiseite. "Vor dem Kampf werden die Gegnerinnen gegenübergestellt und wir beginnen mit einem Griff, damit man die Nähe zum Gegenüber hat", erklärt Carmen. Und dann laufe alles nach Gefühl, nach echtem Feingefühl. Sie merkten, wie die Kontrahentin sich bewegt und reagieren darauf. Sehen brauchen sie dafür nicht. Wenn sie die Rivalin "lesen" können und hoch konzentriert sind, dann bringen sie alles mit für den Sieg im ersten, wichtigen Duell. Und dann nimmt die Medaillen-Mission so richtig Fahrt auf.

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