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Racki zacki, die Zumbis kommen

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erstellt am 02.Apr.2013 | 10:45 Uhr

Wer Zumba für "ein bisschen Barfußtanzen" hält, kann schnell kalte Füße bekommen. Ein wenig mehr bei jeder der Fragen, die der Anfängerin gestellt werden: "Wo sind deine Turnschuhe?" "Und das Handtuch?" "Die Wasserflasche?" Merke: Diese drei Ausrüstungsgegenstände sind unentbehrlich beim Zumba, einem der jüngeren Trends in der Fitness-Szene. Allenthalben werben Schilder, Banner und Faltblätter für Zumba-Kurse. Landauf landab füllen Zumba-Dance-Partys Turnhallen und Säle. Grund genug, es einmal auszuprobieren.

Im Frauen-Fitness-Center El Vita in Schwerin stehen an diesem Abend zwei Dutzend gut vorbereiteter Frauen verschiedener Alters- und Gewichtsklassen parat, als Zumba-Trainerin Giszmo Rotschenk aufs Podest hüpft. Wie passt so viel Energie in eine Frau von 1,52 Meter Größe? Sie bewegt sich wie im Zeitraffer zu einer Musik, die klingt, als würde sie im Schnell-Modus abgespult: lateinamerikanische Rhythmen und Gassenhauer aus der Sparte Gute-Laune-Musik. Die Gruppe vis-a-vis macht es Giszmo nach, so gut es geht, Tendenz steigend. Nach wenigen Minuten ist klar, wozu Handtuch und Wasserflasche nötig sind. Die Anfängerin macht Pause. Im gemeinsamen Schwung der Gruppe fühlt sie sich wie ein Bremsklotz, der gegen den Strom arbeitet.

Zumba ist ein Fitness-Konzept, das in den 1990er-Jahren in Kolumbien entwickelt wurde. Die Entstehungslegende berichtet, wie der Tänzer und Choreograf Alberto "Beto" Perez eines Tages zum Training kam und feststellen musste, dass ihm die passende Musik fehlte. Zufällig hatte er einige seiner Lieblingssongs im Gepäck. Aus der Not heraus soll er sie aufgelegt und losgetanzt haben - und hatte Zumba erfunden, was so viel bedeutet wie "Sich schnell bewegen" und Elemente von Aerobic und Tanz vereint. Seit der Begriff ein weltweit registriertes Warenzeichen ist, läuft die Marketingmaschine heiß. Die Zumba-Corporation wacht über Zumba-Trainer-Lizenzen, Zumba-Musik, Zumba-Standards, Zumba-Klamotten.

Zunächst überrollte die Zumba-Welle die Vereinigten Staaten, vor gut sechs Jahren brach sie über Europa und Deutschland herein und gelangte über die großen Städte aufs platte Land. Dort können Fitness-Zentren und Sportvereine die Nachfrage kaum bewältigen. Im El Vita wurde die Zahl der Zumba-Kurse binnen eines Jahres verdreifacht. Im Güstrower Studio "fanatic dance" hat der Boom Ende 2011 begonnen. Gründerin Anja Lambert bietet derzeit fünf Kurse pro Woche an, für summa summarum 200 Teilnehmer, überwiegend Frauen. "Es gibt eine Warteliste und ständig neue Anfragen", sagt sie. Ihre Erklärung für das Zumba-Fieber: "Ein Zumba-Kurs ist wie eine Party. Dass es anstrengend ist und in Tanz und Fitness auch noch Kräftigungsübungen stecken, das merkt man erst hinterher."

Zurück beim Training in Schwerin: Giszmo gewährt ihren "Zumbis" zwischen zwei Songs einige Sekunden Pause. Stillstand duldet sie dabei nicht. "Bewegt Euch! Trinkt was!" Mit der charmanten Melodie der gebürtigen Wienerin setzt sie hinzu: "Friert wer?" Ha, ha! Die Spiegelwand im Saal ist schon beschlagen. "Weiter geht’s racki zacki", die Trainerin wählt einen neuen Song und wirbelt weiter: Becken kreisen, Knie federn, Arme fliegen. Nach links, nach rechts, im Bogen vorwärts und zurück, immer mal anders, dabei stets wiederzuerkennen. Ganz nebenbei werden noch die Gesichtsmuskeln trainiert: Lächeln! Mal sagt es die Trainerin an, mal erinnert ihr Handzeichen die Frauen an das Gute-Laune-Gebot. Durchaus möglich, dass die eine oder andere am nächsten Tag ein Ziehen zwischen Kinn und Ohren spürt - zusätzlich zum Muskelkater unterhalb der Halskrause.

Neben Zumba stehen im El Vita Zumba Toning und Zumba Gold im Programm. Toning wird mit leichten Hanteln praktiziert und verstärkt den Muskelaufbau. Gold klingt wie ein Lasso für die Generation 55plus. "Ist es auf keinen Fall", beteuert Giszmo Rotschenk. "Da sind auch viele jüngere Frauen dabei, die es etwas langsamer mögen." Ihr Traum wäre es, einen Zumba-Kurs für Rollstuhlfahrer aufzulegen. Kein Stillstand - das hat sich die Trainerin auch selbst verordnet. Seit 20 Jahren ist sie in der Fitnessbranche unterwegs. Sie hat schon einige Trends kommen und gehen sehen und etwas Zeit gebraucht, sich mit dem Zumba-Rummel anzufreunden. Mittlerweile traut sie ihm schon eine längere Haltbarkeit zu. "Das ist die Geheimformel: Kopf abschalten, bewegen, Spaß haben, schwitzen." Zudem könne sich jede(r) auf die Bewegungen einschwingen, sagt sie wie zum Trost an die schwer geforderte Anfängerin. "Das gilt für alle." Angeblich sogar für diejenigen, "wo ich anfangs gar nicht hingucken kann aus Angst, sie könnten selbst mich aus dem Takt bringen". Betont der Profi.

Rund 1000 Kalorien werden in zwei Zumba-Stunden verbrannt, heißt es von Fans der Ertüchtigung. Giszmo Rotschenk legt sich nur ungern auf diese Zählerei fest. "Ein Riesenschnitzel mit Knödel", könnte sie aber wohl verdrücken, gesteht sie und wischt sich nach den letzten Dehn übungen am Ende der Stunde den Schweiß vom Gesicht. Ausnahmslos alle Zumbis tragen ein Lächeln aus dem Saal. Das Ganze muss tatsächlich mehr Spaß als Anstrengung sein.

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