"Problem geht vor Unterricht"

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11. Juni 2012, 08:17 Uhr

Schwerin | Der Tag beginnt mit einer Rückschau. Wie war das Wochenende? Fußball natürlich. Paddeln auf dem See. Sonntag gechillt. Reihum beantwortet ein Dutzend Schülerinnen und Schüler die Frage. Mit ihrer Lehrerin Sabine Schickel sitzen sie an runden Tischen im Produktiven Lernen der Regionalschule "Werner von Siemens" in Schwerin. Zu guter Letzt muss sie raus mit der Sprache. "Gab’s denn auch ein Bierchen auf den Sieg der deutschen Mannschaft?" Sabine Schickel lacht: "Da ist mir Sekt schon lieber." Und angestoßen hat sie tatsächlich - auf den Abschluss als Projektberaterin für Produktives Lernen. Am gleichnamigen Institut in Berlin hat sie die Prüfung bestanden. Gut zwei Jahre Ausbildung nebenbei.

Nebenbei - das ist so ein Wort, das Sabine Schickel aus Schwerin, Jahrgang 1966, oft gebraucht. Zunächst studierte sie in Güstrow Germanistik und Slawistik und kehrte als Diplomlehrerin nach Schwerin zurück. Auf Wende und Babypause folgte ein Sozialkunde-Studium, dann eines in Religion. Nebenbei. Später ist es eine Fortbildung in Sozialmanagement. Und schon immer spielt sie nebenbei Theater - in Projekten mit Schülern und selbst bei den Amateuren des Staatstheaters. "Ich möchte vorne stehen und beweisen, dass es ein lebenslanges Lernen gibt."

Mit dieser Lust, Neues auszuprobieren, hat sich Sabine Schickel vor vier Jahren ins Produktive Lernen gestürzt. "Das ist die Zukunft des Lehrens und Lernens." Gerade hatte sie an der Siemens-Schule eine 10. Klasse verabschiedet, da begann auch schon die Fortbildung zur Beratungslehrerin im Produktiven Lernen. Nebenbei unterrichtete sie die ersten Schüler - solche, die an ihren Schulen anecken, denen dort kaum einer den Schulabschluss zutraut. "Wir haben Förderschüler hier und genauso welche vom Gymnasium", sagt sie. Und: "Wir kriegen sie hin."

Was so lax dahin gesagt ist, zeigt sich sowohl in der Statistik als auch bei einem Schulbesuch. Sehen so schwierige Schüler aus? "Na Baby!" Sabine Schickel knufft einem der größten Jungs in die Seite. Wenn er früher an seiner alten Schule die Tür zum Klassenraum aufgemacht hat, holten die anderen Kinder ihre Brot-Büchsen raus. Das Muskelpaket nahm sich, worauf es gerade Appetit hatte. "Ich konnte solche Geschichten gar nicht glauben", sagt Sabine Schickel. Der junge Mann murmelt ein "Man kann sich ändern" und wird fast ein bisschen rot dabei.

Seine Lehrerin spricht von einer Lobkultur. "Viele kommen ganz klein zu uns, mit der Ansage: Das ist deine letzte Chance." Die Beratungslehrer halten eine Lektion für sie bereit: "Du bist ein toller Typ, man muss dich einfach mögen." Denn: Nur wer sich etwas zutraut, kann lernen und anderen fair begegnen. Die Lehrer verstehen sich als Begleiter, als feste Ansprechpartner für alle Probleme. "Ein Problem geht immer vor Unterricht", sagt Sabine Schickel. "Und wenn möglich, werden die Probleme gemeinsam gelöst."

Maximal 20 Mädchen und Jungen zwischen 14 und 18 gehören zu einer Lerngruppe mit zwei Pädagogen, neben dem Unterricht arbeiten und lernen sie in der Praxis. "Bei uns sitzt jeder in der ersten Reihe", sagt die Lehrerin. Das Schulgesetz in MV, so erklärt sie, ermöglicht eine flexible Schulausgangsphase. Gemeint ist ein Zeitraum von zwei bis vier Jahren, in denen Schülerinnen und Schüler den bestmöglichen Abschluss erlangen können. "Darum beneiden uns manch andere Bundesländer." In diesem Sommer führen Sabine Schickel und ihre drei Kollegen acht Schüler zur Mittleren Reife und drei zur Berufsreife. Ein Schulabbrecher ist nicht dabei, dabei galten beim Einstieg ins Produktive Lernen fast alle als mögliche Kandidaten. Viele von ihnen finden durch die praktische Arbeit gleich noch eine Lehrstelle. "Einer hat sogar drei Zusagen bekommen, nun muss er sich entscheiden."

Mit ihrer neuesten Qualifikation als Projektberaterin wird Sabine Schickel eine Botschafterin für das Produktive Lernen im Land. An 27 Standorten gibt es das Angebot schon, weitere Schulen übernehmen bereits Teile davon, zum Beispiel mit Praxisunterricht in Klasse 7. Sabine Schickel will helfen, die Idee weiter voranzubringen.

"Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht gern herfahre", sagt sie über ihre Schüler und Kollegen. Im Regelschulsystem war das keineswegs immer so: "Ich kann hart arbeiten, aber ich arbeite gern frei." Ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn hat sie darum gedroht: "Mach, was du willst. Aber, wenn du Lehrer wirst, dann enterb’ ich dich." Klingt, als sei es ernst gemeint. "Schule hat noch immer genügend Zwänge, die nicht nottun", schätzt sie ein. "Auch darf alles kein Geld kosten." Und mit der Wertschätzung des Berufs sei es ebenfalls nicht mehr weit her. Meistens jedenfalls. Die Schickel-Schüler immerhin haben mal zu Papier gebracht, was sie von ihrer Lehrerin halten. Ein Loblied, ganz nebenbei.

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