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Harald Ringstorff wird 75 : Pragmatischer Vorsänger

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ex-Ministerpräsident Harald Ringstorff wird heute 75 Jahre alt / Vor sechs Jahren verließ er die politische Bühne an der Spitze des Landes

svz.de von
erstellt am 25.Sep.2014 | 08:00 Uhr

Das Café Prag im Herzen Schwerins ist nur einen Steinwurf entfernt vom repräsentativen Sitz des Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern in der Schlossstraße. Harald Ringstorff hat sich in dem Kaffeehaus ein Wasser bestellt. In der Straße der Staatskanzlei werde er immer wieder erkannt. „Guck mal, das ist doch der Ringstorff!“ Der SPD-Politiker und Ministerpräsident a.D. schmunzelt schmal. Kein Zucken fährt in den kurz gehaltenen grauweißen Bart. Ringstorff ist ein Meister der sparsamen Geste und des spröden Humors.

Von seinen Jahren in der nahen Staatskanzlei, zehn an der Zahl, spricht er mit dem gnädigen Abstand eines halben Jahrzehnts. Es sei schon eine intensive Zeit gewesen, „mit Arbeitstagen, wie sie sich viele Leute nur schwer vorstellen können“. Im vollgepackten Terminplan eines Regierungschefs müsse man „wie eine Maschine funktionieren“. Und befreit fügt er hinzu: „Manchmal wäre es mir schon lieber gewesen, die Angel zu nehmen und zu sehen, was der Hecht macht.“

Doch der bodenständige Ringstorff hätte es nicht auf den Stuhl des Ministerpräsidenten seines Heimatlandes geschafft, wenn ihn die Beschwernisse des Amtes geschreckt hätten. In der alles umkrempelnden Wendezeit 1989/90 hatte es den Chemiker mit Doktortitel in die Politik gespült, gehörte er in der Bezirksstadt Rostock zu den Mitbegründern der Sozialdemokratischen Partei (SDP) der DDR, die seit 1990 auch im Osten SPD heißt. „Wenn Sie gestalten wollen, müssen Sie in der Vorsängerposition sein.“ In der Politik eilte ihm schnell der Ruf des Pragmatikers voraus. Aber auch der Vorwurf, er handele aus purer Machtbesessenheit. Besonders laut erhob sich diese Kritik, auch in Reihen der Landes-SPD, als er nach der gewonnenen Landtagswahl 1998 als erster designierter Ministerpräsident eines Bundeslandes eine rot-rote Koalition schmiedete. „Mit der Haltung, mit denen reden wir nicht, begibt sich jede demokratische Partei freiwillig in babylonische Gefangenschaft“, sucht Ringstorff den biblischen Vergleich, um das taktische Kalkül von einst zu begründen. Schon 1994 war Ringstorff bereit, mit der Nachfolgepartei der SED, der damaligen PDS, Sondierungsgespräche über eine mögliche Koalitionsbildung zu führen. Doch der Bundesvorsitzende der SPD, Rudolf Scharping, pfiff den vorpreschenden Norddeutschen zurück.

Vier Jahre später im Geleit der „Schmuddelkinder“ von der PDS in die Schweriner Staatskanzlei einzuziehen, war nicht allein machtpolitisch motiviert. Den gelernten DDR-Bürger Ringstorff trieben auch enttäuschende Nachwende-Erfahrungen um. Es sei in den ersten Jahren „zum Teil sehr ungerecht“ zugegangen. „Mich hat die Verlogenheit empört, mit der Wendehälse jegliche Schuld von DDR-Unrecht allein der ehemaligen SED anlasteten.“ Er hatte zunächst auch dagegen votiert, im Umbruch scharenweise ehemaligen SED-Mitgliedern eine neue politische Heimat in der Sozialdemokratie zu geben. Doch auf viele der einstigen Blockparteikader aus der CDU und den anderen DDR-Parteien war er noch weniger gut zu sprechen. „In der Siegerfraktion im Landtag saßen plötzlich auch Leute, die zum Beispiel gemeinsam die SED-Parteischule besucht oder zur Gegendemo auf dem Alten Garten aufgerufen hatten.“ Auf der anderen Seite habe er „im Endstadium der DDR durchaus integre SED-Mitglieder kennengelernt, die den wirtschaftlichen Niedergang des Landes längst erkannt hatten und besorgt nach einem Ausweg suchten“. Die PDS in die Regierungsverantwortung genommen zu haben, das war für den langjährigen Frontmann der SPD in Mecklenburg-Vorpommern auch „ein Schritt zu einer gewissen Aussöhnung“.

Harald Ringstorff lässt sich einen Kaffee bringen. Er wirkt stoisch gelassen.

Einmal den Bock umgestoßen, setzte der Regierungschef alles daran zu zeigen, dass auch mit den Linken eine konstruktive Politik für das Land gestaltet werden kann. Die Koalition habe in den acht Jahren gemeinsamer Regierungsarbeit bewiesen, „dass Rot-Rot mit Geld umgehen kann“. Es sei unter anderem gelungen, das Land auf einen nachhaltigen Kurs solider Staatsfinanzen zu führen. Die Arbeitslosigkeit sank, und die Wirtschaft scherte sich wenig um die Verteufelung der PDS.

Harald Ringstorff, der am 25. September 75 wird, nippt noch mal an der Kaffeetasse. Ein weiterer Termin drängt in der Schlossstraße. In der Physiotherapie „Pures Leben“.



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