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Plötzlich und unerwartet...

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erstellt am 11.Feb.2013 | 08:36 Uhr

Rom | Der Himmel hängt grau an diesem Tag über dem Petersplatz. Dem Tag, der Rom, den Vatikan, die Welt in ein Gefühlschaos stürzt. Drei Worte waren gestern immer wieder auf dem Petersplatz zu hören. "Ma é vero?" - stimmt es wirklich? Tritt der Papst zurück?

Die Nachricht vom Rückzug Benedikts hatte sich verbreitet. Manche dachten zunächst an einen Witz, so unwirklich wirkte die Meldung. Schließlich war in der Kirchengeschichte nur ein einziger Papst zurückgetreten: Coelestin V. im Jahr 1294. 719 Jahre später legt nun auch der 85 Jahre alte deutsche Papst sein Amt nieder.

Benedikt selbst hatte die Nachricht am Vormittag in einem Konsistorium den Kardinälen bekannt gegeben. Die hatten sich versammelt zur Heiligsprechung der Märtyrer von Otranto. Als das letzte Gebet gesprochen war, verlas Benedikt XVI. eine Erklärung auf Lateinisch. Zwar haben die meisten Kardinäle Grundkenntnisse im Lateinischen, doch dass ihnen der Inhalt der Rede sofort klar wurde, ist zu bezweifeln. Auch Vatikansprecher Federico Lombardi berichtete später von verdutzten und fragenden Gesichtern.

Es war ein Schlusspunkt, den sich ein großer Dramaturg nicht besser hätte einfallen lassen können. Der Papst tritt zurück - und keiner versteht ihn. Hier, in diesem denkwürdigen Moment, gipfelte das Unvermögen der katholischen Kirche, sich mitzuteilen. Jedenfalls waren die Kommunikation und ihr Misslingen ein nicht zu übersehender Fixpunkt dieses Pontifikats. "Wir sind Papst", hatte die Bild-Zeitung vor acht Jahren jubiliert, als am 19. April 2005 der Deutsche aus Marktl am Inn von den Kardinälen auf den Stuhl Petri gewählt wurde. Die Medienwelt sprach von einer Sensation und erkor einen alten Mann, der die Kirche gedanklich und theologisch festigen wollte, zum Popstar. Die Gleichung funktionierte nicht.

Auch jetzt wundern sich viele noch einmal. "Papa Ratzi", wie ihn die Italiener halb zärtlich, halb verächtlich nennen, hat mit 85 Jahren seinen Job gekündigt. "Papa Schock", titelte das italienische Fernsehen gestern. Auch den Kardinaldekan Angelo Sodano, der Joseph Ratzinger 2005 in der Sixtinischen Kapelle fragte, ob er die Wahl zum Papst annehme, erwischte die Botschaft auf dem falschen Fuß. "Wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel", habe er die Nachricht empfunden. Ein "Gefühl der Verlorenheit" herrsche nun vor, sagt der Vorsitzende des Kardinalskollegiums.

Doch im Nachhinein fügen sich die Teile des Puzzles. Lange Reisen vermied Benedikt schon seit einiger Zeit, Flüge und öffentliche Auftritte wurden mit Rücksicht auf das vorgerückte Alter des Papstes bis ins Detail geplant, besonders anstrengende Auftritte vermieden. Auch das Arthrose-Leiden, vor allem im rechten Knie, war schon länger kein Geheimnis mehr. Doch genügen 85 Lebensjahre, schlechte Augen und ein schmerzendes Knie als überzeugende Begründung für einen derartigen epochalen Schritt? "Das Alter drückt. Mein Bruder wünscht sich mehr Ruhe", sagte Georg Ratzinger, der Bruder des Papstes gestern. Er sei in die Entscheidung eingeweiht gewesen. Die Entscheidung für einen Rückzug fiel angeblich schon vor Monaten , nach einer langen Reise nach Mexiko und Kuba. Außerdem ließ Benedikt immer wieder verlauten, wie sehr ihn die Affären der Kirche, der Missbrauchsskandal und der Vatileaks-Skandal, getroffen hätten. In der Kurie war von einem deprimierten und amtsmüden Papst die Rede. Er wusste offenbar nicht mehr, auf wen er sich verlassen konnte. Am 28. Februar um 20 Uhr beginnt die Sedisvakanz, die Zeit, in der der Stuhl Petri unbesetzt ist. Benedikt wird sich in ein Kloster zurückziehen und dort das Leben eines einfachen Vatikanbürgers führen.

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