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Pendeln mit Hindernissen

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erstellt am 28.Feb.2013 | 09:51 Uhr

Rostock/Berlin | "Mit der Bahn habe ich schon so einiges erlebt", sagt Sabine Jessa und macht es sich im Sitz des Regionalexpress 37362 auf dem Weg von Schwerin nach Berlin gemütlich. Ein schwarzer Koffer, eine große Reisetasche und mehrere Tüten sind um sie verteilt. Auf ihrem Schoß liegt ein Buch. "Davon braucht man genug, um die Zeit zu überbrücken", weiß sie und macht sich ans Lesen. Was draußen passiert, interessiert sie nicht weiter. Viel zu oft hat sie dies alles schon gesehen. Die 56-Jährige ist bereits seit eineinhalb Stunden unterwegs, vier hat sie noch vor sich.

Eineinhalb Stunden zuvor ist Sabine Jessa in Rostock in den RE 4304 nach Schwerin eingesteigen. 7 Uhr, noch sieben Minuten bis zur Abfahrt. Im Wagen 3 riecht es nach frischem Kaffee, Zeitungen und Bäckertüten rascheln um die Wette. Die, die schon sitzen, haben es sich gemütlich gemacht. Dicke Winterjacken hängen an den Fenstern, ein Mann hat seine Schuhe ausgezogen und sich lang gemacht. Als sich kurz danach der Zug in Bewegung setzt, holen die ersten Reisenden ihre Kopfhörer heraus. Augen werden zugemacht. Es geht nach Hamburg mit Zwischenstopp in Schwerin. Eigentlich will die 56-jährige Arbeitsrechtlerin genau in die andere Richtung - über Berlin nach Cottbus. Doch die Bauarbeiten auf der direkten Strecke Rostock-Berlin zwingen jeden Reisenden seit Monaten, einen Umweg in Kauf zu nehmen.

Und die Behinderungen scheinen vorerst kein Ende zu nehmen. Vor wenigen Tagen erklärte die Deutsche Bahn, dass auf der wichtigen Verkehrsachse große Streckenabschnitte weiterhin gesperrt bleiben - voraussichtlich bis Mitte Juni. Die Gründe: unvorhersehbare Probleme. Bereits seit 2005 wird die insgesamt 196 Kilometer lange Strecke umfassend saniert. Seit September 2012 ist die Strecke wegen dreier Bauabschnitte voll gesperrt. Wie geplant zum 26. April wird nur der Abschnitt Waren-Lalendorf/ Ost fertig. Ab dem 27. April soll zudem der Verkehr zwischen Rostock und Neustrelitz wieder rollen. Auf den zum Teil voll gesperrten Strecken fahren derzeit nur Ersatzbusse, die mitunter eine Stunde länger für die Strecke brauchen als die Züge. Für Pendler wie Jessa bedeutet dies weiterhin, mehr Zeit einzuplanen. Regelmäßig ist sie zwischen Cottbus und Rostock im Einsatz.

110 Minuten Verspätung sind keine Seltenheit

Gegen 8.03 Uhr rollt der Regional Express in Schwerin ein. Für Sabine Jessa und alle anderen, die nicht weiter in Richtung Hamburg wollen, heißt es nun zum ersten Mal umsteigen. Mit ihren vielen Taschen und Tüten schleppt sie sich auf den Bahnsteig, in nur zehn Minuten soll die Reise weitergehen. "Der Nachteil von diesen Regionalzügen ist ja immer, dass man nicht weiß, wohin man mit seinem Gepäck soll", sagt sie. Vor allem montags und freitags seien die Züge überfüllt. Doch diesmal, es ist Dienstag, hat sie Glück: Sie ergattert einen Viererplatz.

Nur wenige Mitreisende sitzen in ihrem Abteil. Es ist ruhig. Niemand telefoniert laut, keine Musik schallt aus den Kopfhörern anderer. Sabine Jessa weiß das zu schätzen. Sie ist eine geduldige Zugreisende. "Für lange Strecken ist die Bahn eine gute Alternative", sagt sie. Nur manchmal, da ärgere sie sich schon. So wie im vergangenen November. "Da wollte ich mit einem Intercity nach Hamburg reisen. Der Zug hatte 110 Minuten Verspätung." Sich nicht verlassen zu können, sagt sie, sei das Schlimmste. Oder wenn sie lange Teile der Strecke stehen muss, weil nicht genügend Sitzplätze vorhanden sind. "Das ist für mich unverständlich, eigentlich müsste die Bahn sich auf so etwas doch einstellen können."

Nach wenigen Minuten holt Jessa ihr Buch aus ihrer Tasche. Zwei Drittel sind bereits gelesen. Am Ende ihrer Reise wird sie am Schluss angekommen sein. Sollte es ihr auf den vier Stunden, die noch vor ihr liegen, dennoch langweilig werden, hätte sie auch noch Arbeit im Gepäck. Eigentlich könne sie bei so einer langen Fahr ganz gut abschalten. Dass die Reise von Rostock nach Berlin nun knapp vier als die üblichen zweieinhalb Stunden dauert, nimmt sie gelassen. "Für mich ist das Zugfahren noch immer eine gute Alternative zum Auto."

Nie pünktlich zur Arbeit

Doch damit gehört sie zu den Ausnahmen. Immer mehr Menschen suchen Alternativen zur Bahn. So wie die 26-jährige Kathleen Fangerow aus Rostock. Sie hat die Nase voll von langen Fahrtzeiten, Verspätungen oder gleich kompletten Ausfällen. Die Juristin arbeitet seit Oktober für einige Stunden in Berlin. "Ich habe alles ausprobiert mit der Bahn, aber nichts hat wirklich gut funktioniert", sagt sie. Nun ist sie auf das Auto umgestiegen und nimmt regelmäßig andere Pendler mit.

Als Kathleen Fangerow im Oktober eine Referendariatsstelle in Berlin findet, ist für sie klar, dass sie pendeln wird. Ein Umzug kam für sie nicht infrage. "Hier in Rostock habe ich Freund und Pferd." Also beschließt sie, mit der Bahn zu reisen, übernachtet zwischendurch sogar bei ihrer Mutter in Neuruppin, um die Fahrtzeiten zu verkürzen. "Aber selbst das hat nicht geklappt. Immer wieder kam ich zu spät, weil Züge Verspätungen hatten oder gar nicht erst fuhren", erzählt sie. Selbst wenn sie den ersten Zug gegen 5 Uhr nahm, schaffte sie es nicht, pünktlich um 8.30 Uhr am Alex anderplatz zu sein. Und auf der Rückfahrt das Gleiche: Verspätungen von bis zu zwei Stunden seien keine Seltenheit auf der Strecke Berlin-Rostock.

Von einer Freundin hört Fangerow von der Mitfahrgelegenheit, einem Internetportal, auf dem Auto-Pendler ihre Reise gegen einen kleinen Obolus anbieten. "Zuerst war ich skeptisch", sagt sie. Im November probiert sie dann das erste Mal eine Fahrt aus. Und bis auf eine waren alle pünktlich am vereinbarten Abfahrtsort. Schon bald beschließt sie, selbst zu fahren und andere mitzunehmen.

"Ich kann mich noch gut an meine erste Fahrt Mitte Dezember erinnern", so die Juristin. Hin- und hergerissen sei sie gewesen, wusste nicht, ob sie sich mit den Mitfahrern unterhalten oder sich doch lieber auf die Strecke konzentrieren sollte. Nach nur kurzer Zeit wird die zweistündige Fahrt nach Berlin zur Routine. Die Gespräche mit den Mitfahrern nehmen zu. "Ich finde es ganz nett und schön, einer hat immer irgendwas zu erzählen", sagt sie. Und wenn es nur die eigenen Erfahrungen mit der Bahn seien, über die sich ausgetauscht wird. Dennoch: Die Verantwortung für Fangerow steigt mit jedem Mitfahrer. "Deswegen nehme ich auch nie mehr als drei Leute mit", sagt sie, obwohl ein Vierter noch Platz hätte. "Ich bin kein Transporter. Und wenn mir am Telefon jemand komisch vorkommt, lehne ich ihn ab und verzichte auf das Geld."

2014: Rostock-Berlin in zwei Stunden

Dass die Nachfrage an Mitfahrten mit dem Ende der Bauarbeiten auf der Bahnstrecke Rostock-Berlin abnehmen wird, glaubt Fangerow nicht. Dafür hätte sich das System zu gut etabliert. "Zu oft sind schon Züge ausgefallen oder fuhren mit Verspätung, egal ob gebaut wurde oder nicht." Auch sie startet morgens gegen 7 Uhr am Hauptbahnhof und ist pünktlich, kurz nach 9 Uhr, im Zentrum Berlins. Zu dieser Zeit hat Sabine Jessa eine Stunde Zugfahrt bis nach Berlin vor sich.

Insgesamt investiert die Deutsche Bahn 850 Millionen Euro in den Ausbau der wichtigsten Verkehrsachse von der Hauptstadt in den Ostseeraum. Ab 2014 sollen Fernverkehrszüge zwischen Rostock und Berlin nur noch zwei Stunden brauchen. Dann will sich auch Fangerow es sich nicht nehmen lassen, es noch einmal mit der Bahn zu probieren. "Falls es nicht klappt, nehme ich halt wieder mein Auto."

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