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Ohnmächtige Trauer

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erstellt am 24.Jul.2011 | 08:25 Uhr

oslo | Während Suchmannschaften um die Insel Utøya noch gestern nach einer Handvoll weiterhin vermisster Jugendlicher suchte, gedachte ganz Norwegen bei einem live übertragenen Gottesdienst im Osloer Dom der Todesopfer. Überlebende, Angehörige und Osloer saßen stumm auf den bis zum letzten Platz besetzten Kirchenbänken, standen in den Gängen und auch im Regen vor dem Dom, als Norwegens König Harald V. die Anschläge als "unfassbare Tragödie" bezeichnete. "Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen und einander stützen", mahnte der beliebte Monarch.

Bevor der Ministerpräsident Jens Stoltenberg die Kirche betrat, hatte er sich vor den zahllosen Blumen verbeugt, die Trauernde rund um die Kathedrale niedergelegt hatten. "Jeder einzelne Tote ist ein unersetzlicher Verlust. Zusammen bedeuten sie eine nationale Tragödie", sagte der Regierungschef mit feuchten Augen.

Aber der von der Osloer Erzbischof Ole Christian Kvarme abgehaltene Gottesdienst sollte im Zeichen von "Trauer, aber auch Hoffnung" stehen, und den Menschen Mut machen. Stoltenberg betonte, dass Norwegen ein kleines aber starkes Land sei, dessen Volk es gewöhnt sei, in schwerer Stunde geschlossen zusammenzustehen. In der Tat hält das Land zusammen. Wir machen weiter, so gut wir es vermögen, so der Tenor von Stoltenberg, der in den letzten zwei Tagen vom grauen Berufspolitiker in die Schuhe eines richtigen Landesvaters zu wachsen scheint.

Den braucht Norwegen das derzeit eigentlich in den kollektiven Sommerferien steckt und so besonders verwundbar ist, auch. Trotz äußerlicher Ruhe, war die Angst in Oslo vor weiteren Anschlägen durch eventuelle Mittäter des inhaftierten Schützen allgegenwärtig und, wie sich gestern zeigte, auch gerechtfertigt. Die anfängliche Einzeltätertheorie bröckelt zunehmend. Sechs Personen wurden gestern von einem schwer bewaffneten Sonderkommando im Zusammenhang mit dem Anschlägen verhaftet, hieß es.

Das Regierungsviertel glich nach dem massiven Bombenanschlag und dem darauf folgenden Amoklauf des inhaftierten Schützen Anders B. zeitweise einer Geisterstadt. Militär patrouilliert durch weiträumig abgesperrte Quartiere. Flaggen waren auf Halbmast gesetzt. Das knapp 600 000 Einwohner zählende Oslo sei wieder eine sichere Stadt, betonte Polizeichef Östein Maeland unterdessen.


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