Auslands-Korrespondent : Nicht nur trockene Politik

Detlef Drewes ist EU-Korrespondent in Brüssel.
Detlef Drewes ist EU-Korrespondent in Brüssel.

Detlef Drewes berichtet fast täglich in unserer Zeitung über die Lage in Europa. Für ihn ist sein Job eine Berufung.

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18. November 2014, 12:00 Uhr

„Ich nenne Ihnen ein Beispiel.“ Detlef Drewes schiebt das Bierglas vor sich zur Seite, um mehr Platz zu haben. Wir sitzen in einem gemütlichen Restaurant. Eine Straße weiter befindet sich die Europäische Kommission und noch etwas weiter das Glasgebäude des Europäischen Parlaments. „Wenn ich da mit Besuchergruppen vorbeikomme, stellt immer jemand die Frage, was das denn kostet. Ich sage ihm dann: 1,7 Milliarden Euro im Jahr“, erzählt Drewes. „1,7 Milliarden Euro?“, wiederhole ich. „Das ist sehr viel Geld.“ „Ja“, stimmt mir Drewes zu und lächelt. Dann beugt er sich vor: „Früher haben die gleichen Leute das 100-fache für Atombomben ausgegeben und heute sitzen die dort zusammen und diskutieren über Weichmacher in Nuckeln. Das ist doch großartig!“ Wenn es jemand schafft, dass einem bei Erzählungen über die EU Gänsehaut kommt, dann ist es Detlef Drewes. Er ist EU-Korrespondent in Brüssel. Fast täglich berichtete er in unserer Zeitung über die drei EU-Institutionen, der Nato und den nachgeordneten Behörden.

In seinem Anzug könnte man ihn leicht für einen der Abgeordneten in Brüssel halten. Seit zehn Jahren lebt er bereits dort. Bevor er nach Brüssel ging, war Drewes Politik- und Wirtschaftschef der Augsburger Allgemeinen. Doch das Thema EU reizte ihn und die Herausforderung, die komplexe Politik regional herunterzubrechen. In Belgien machte sich Drewes als Redakteur selbstständig. Er übernahm das Büro des damaligen EU-Korrespondenten, der in Rente ging. „Seitdem habe ich den strengsten Chef der Welt“, meint Drewes. Pressekonferenzen, Interviewtermine, Besprechungen, Tagungen, Verkündigungen, Ausschüsse, Entscheidungen – in Brüssel gibt es immer etwas zu tun. Über 16 Regionalzeitungen in Deutschland drucken seine Berichte.

Doch was fasziniert ihn an der EU? „Hier kommen 28 total verschiedene Menschen aus 28 kulturell verschiedenen und 28 komplett unterschiedlich gewachsenen politischen Systemen zusammen“, erklärt Drewes. „Sie versuchen sich über Flüchtlingspolitik oder Energieeinsparungen zu einigen. Es ist doch normal, dass 28 Menschen nicht sofort gleicher Meinung sind. Es ist eher ein Wunder, dass es überhaupt zu einer Einigung kommt.“

Für den 58-Jährigen ist sein Job eine Berufung. Jeden Morgen steht er um 5 Uhr auf. Dann geht er joggen. „Dabei schreibe ich ganze Leitartikel im Kopf.“ Bis 9 Uhr liest er Zeitung – etwa 25 Stück sind es, viele davon sind nicht auf deutsch. Danach telefoniert er mit seinen Büros in London und Paris. Anschließend schickt er E-Mails an die Redaktionen mit den Themen, über die er berichten will. Wenn in Deutschland die Redaktionssitzungen beginnen, ist Drewes bereits auf ersten Terminen. Täglich sind es fünf bis sechs: mit Beamten, Lobbyisten, Abgeordneten, Regierungschefs.

Die Zeit zwischen 13 und 18 Uhr hält er fürs Schreiben frei. Seine Artikel sollen möglichst nah am Verbraucher sein und für jeden verständlich. Am Abend folgen weitere Termine. Gerade bei großen Entscheidungen der Kommission oder des Parlaments kann das schon einmal die halbe Nacht dauern. „Das kann ich nur leisten, weil meine Familie nicht hier ist“, meint Drewes. Da seine Frau in Köln lebt, sehen die beiden sich nur am Wochenende.

Gab es schon Momente, in denen Drewes an dem System der EU gezweifelt hat? Adipositas bei Kleinkindern oder das Rauchverbot in Bushaltestellen – warum Themen wie diese von der EU geklärt werden müssten, kann er nicht nachvollziehen. Doch wer für den Austritt Deutschlands aus der EU ist, dem sagt er Folgendes: „Wenn man einem Menschen einen Ast gibt, kann der den leicht zerbrechen. Gibt man ihm 28 Stöcker und er soll sie auf einmal zerbrechen, wird er daran scheitern.“ Drewes macht mit seinen Händen eine Bewegung, als ob er ein Holzbündel zerbricht. „So ist das auch mit der EU. Nur als Gemeinschaft haben wir gegen China oder die USA eine Chance, um auf dem Weltmarkt mitzuentscheiden.“

2009 wäre die EU fast zerbrochen. Damals, während der Weltwirtschaftskrise, ging es um den Rettungsschirm für europäische Banken. „Die Lage war so viel riskanter, als es nach außen gezeigt wurde. Ich dachte: Das schaffen wir nicht. Das zerreißt die EU.“ Die ganze Nacht wurde beraten „und gegen 5.30 Uhr kam Angela Merkel raus und meinte: ‚Wir haben uns geeinigt.‘ Damals dachte ich, wir können es schaffen.“ Von diesen Erfahrungen berichtet Drewes. Er schildert die emotionale Lage Europas und nicht nur trockene Politik. Die Straßen vor dem Restaurant sind inzwischen leerer geworden. Drewes verabschiedet sich. Er hat noch weitere Termine am Abend. Aber darüber können wir bald in der Zeitung lesen.

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