Neue Welle von Terror und Gewalt?

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12. Oktober 2011, 08:04 Uhr

2. April 1968: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein legen in den Frankfurter Kaufhäusern Schneider und Kaufhof Brandbomben. Die Anschläge seien ein Protest gegen den „Völkermord in Vietnam“, hieß es in Bekennerschreiben. Es ist die Geburtsstunde der Baader-Meinhof-Bande und der Terrororganisation Rote Armee Fraktion, die jahrelang die Ermittlungsbehörden und das ganze Land in Atem hielten und bis zu ihrer Auflösung 1988 für mindestens 34 Morde, etliche Banküberfälle und Sprengstoffanschläge verantwortlich waren.

Oktober 2011: Eine Serie von Brandanschlägen, von denen einige rechtzeitig vereitelt werden können, auf Gleisanlagen der Deutschen Bahn. Die Täter erklären in Bekennerschreiben, dass sich die Anschläge gegen den zehn Jahre andauernden Bundeswehreinsatz in Afghanistan richte.

Droht eine neue Welle von Terror und Gewalt? Am Mittwoch hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernommen. Politiker und Polizeigewerkschaft ziehen bereits Parallelen zu den Anfängen der Roten Armee Fraktion (RAF). „Der Weg von Brandanschlägen zu gezielten Mordanschlägen ist nicht weit“, warnte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Der Linksextremismus eskaliere zum Linksterrorismus. Es handele sich um eine weitere Verschärfung im Rahmen einer ganzen Kette von linksextremistischen Anschlägen. Schünemann hatte bereits im Juni Alarm geschlagen und auf einen enormen Anstieg der linksextremistischen Gewalt verwiesen, die im ersten Quartal 2011 um 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen seien.

„Wir erleben eine Renaissance der Rote Armee Fraktion“, erklärte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Ähnlich der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses: „Auch der RAF-Terror der 70er-Jahre begann mit Anschlägen, bei denen die Täter behaupteten, es handele sich um Gewalt gegen Sachen und nicht gegen Menschen “, sieht CDU-Mann Wolfgang Bosbach, eine Gefahr. Wer jetzt die Bahn attackiere, bringe Tausende Menschen in Gefahr.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) spricht von „verbrecherischen terroristischen Anschlägen“ in einer neuen Dimension. Das Bundesinnenministerium dagegen sieht noch keine Hinweise für einen neuen Links-Terrorismus. Es gebe bisher keine Hinweise, dass sich aus linksextremistischen Strukturen linksterroristische Gruppen gebildet hätten, so ein Sprecher.

Wirre Chaoten oder eine neue Generation von Terroristen? In Großstädten wie in Berlin und Hamburg hatte es in den vergangenen Monaten beinahe jede Nacht Brandanschläge auf Autos gegeben. 2010 registrierte der Verfassungsschutz bundesweit 944 Gewalttaten mit vermutlich linksextremistischem Hintergrund registriert. Es gebe eine „qualitative Veränderung der Gewalt“. Die Anschläge von linksextremistischen Tätern würden zum Teil eine „signifikant erhöhte Aggressivität und Risikobereitschaft“ aufweisen, so die Ermittler. Die Zahl der gewaltbereiten Personen aus dem linksextremistischen Spektrum schätzt der Verfassungsschutz auf rund 6600.

Und die Bahn selbst? Nach der Entdeckung weiterer Brandsätze in Berlin erwägt die Deutsche Bahn, neues Personal zum Schutz ihrer Anlagen einzustellen. Der Konzern prüft, die Sicherheitskräfte weiter aufzustocken, sagte der Sicherheitsbeauftragte Gerd Neubeck. Er wies darauf hin, dass die Bahn das Personal bereits nach dem Anschlag am Berliner Ostkreuz im Mai um 500 erhöht habe. „Das zeigt, dass wir nicht auf das Geld achten, sondern das Nötige in die Sicherheit investieren.“

Der Sicherheitsbeauftragte schloss nicht aus, dass in den nächsten Tagen weitere Brandsätze gefunden werden. „Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir die Strecken rund um Berlin in Kreisen, die wir immer erweitern, absuchen. Dabei ist es natürlich denkbar, dass man auf weitere Brandsätze stößt“, sagte Neubeck.

Der Experte versicherte, die Fahrgäste müssten sich trotzdem keine Sorgen machen: „Unsere Technik ist so angelegt, dass beim Entzünden eines solchen Brandsatzes den Fahrgästen nichts geschehen kann. Die Technik führt dazu, dass der Verkehr stillsteht.

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