Nackte Wut

von
12. Mai 2010, 09:40 Uhr

Schwerin | Die beiden Angeklagten lassen während der gesamten Verhandlung die Dolmetscherin nicht aus den Augen. Die Männer hängen praktisch an ihren Lippen. Und folgen aufmerksam der Bewegung ihrer Hände. Die Frau formt sie geschwind zu eleganten Gesten. Die Dolmetscherin übersetzt in Gebärdensprache. Der 26-jährige und der 23-jährige Mann, die gestern im Schweriner Amtsgericht auf der Anklagebank saßen, sind beide gehörlos. Es war wohl Wut auf einen Hörenden, die sie vor den Kadi brachte.

Die Dolmetscherin greift mit der rechten Hand an die Gurgel - die Gebärde für "Nötigung", Freiheitsberaubung lautet ein zweiter Vorwurf. Was der Staatsanwalt in der Anklage vorträgt, klingt wie eine makabre Bestrafungs-Aktion. Im Oktober 2008 verfrachteten sie demnach ihr Opfer Tilo* in ein Auto, fuhren mit ihm aus Schwerin heraus, verpassten ihm zwei Faustschläge und setzten ihn hinter Medewege aus - völlig nackt, am späten Herbstabend. Er könne sich seine Kleidung bei ihnen zu Hause wieder abholen, riefen sie ihm noch zu, ehe sie verschwanden. Doch die Sachen holte wenig später die Polizei. Der junge Mann hatte zu seinem Glück einen mitleidigen Passanten getroffen, der ihm sein Handy für einen Notruf lieh.

Nein, es sollte keine Bestrafung sei, sagen die beiden nun vor Gericht. Aber einen "Denkzettel" hätten sie dem Tilo* schon verpassen wollen. Früher sei Tilo sein Kumpel gewesen, sagt Manuel*. Er habe ihm sogar Gebärden beigebracht. Doch dann habe Tilo dauernd Lügengeschichten über Gehörlose verbreitet. "Er hat uns herabgewürdigt", sagt Mischa*, der Mitangeklagte, ohne konkret zu werden. "Er spricht undeutlich", erklärt die Dolmetscherin. Mischa ist in Kasachstan geboren. Manuel hilft hin und wieder beim Übersetzen.

Jedenfalls hatten sie Tilo am Tatabend zu fünft aufgesucht. Dabei stießen sie auf Hörende, wie sie sagen, die auch irgendetwas gegen Tilo hatten. Einer von denen sei es gewesen, der Tilo einen Faustschlag versetzt habe, noch bevor der zu ihnen ins Auto stieg. Ob Tilo das freiwillig tat, will der Richter wissen. Beide Angeklagte nicken. Sie hätten ihn jedenfalls nicht geschlagen. Tilo habe sich von allein ausgezogen, die Sachen ordentlich zusammengelegt und ihnen übergeben. "Hatte er Angst?", fragt der Richter. Das könnten sie nicht sagen, meinen die beiden. "Wir haben ihm den Vorschlag gemacht, sich auszuziehen und er war damit einverstanden", lautet ihre Erklärung.

Das will der Richter von Tilo lieber selbst hören. Doch der erschien gestern im Zeugenstand. Er wird nun noch einmal geladen. Der Prozess wird am 20. Mai fortgesetzt.

*Namen geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen