Nacht der langen Messer

Neues Führungsduo: Katja Kipping und Bernd Riexinger dpa
Neues Führungsduo: Katja Kipping und Bernd Riexinger dpa

svz.de von
03. Juni 2012, 07:31 Uhr

Göttingen Bernd Riexinger atmet tief durch. Jetzt drücken sie ihn, herzen ihn und stimmen im Übermut die „Internationale“ an. „Das letzte Gefecht“ ist zu Ende. „Ihr habt den Krieg verloren“, schallt es den Reformern aus dem Osten von den West-Linken entgegen. Samstagabend, 22.53 Uhr: Lafontaine-Mann Riexinger – bisher ein Polit-Nobody – schlägt Dietmar Bartsch mit knapper Mehrheit und wird an der Seite von Katja Kipping neuer Chef der Linkspartei. Lafontaines Imperium schlägt zurück, eine bittere Niederlage für den Reformerflügel.

Das neue Führungsduo im Blitzlichtgewitter: Katja Kipping, die 34 Jahre alte Hoffungsträgerin mit den rot gefärbten Haaren, Anhängerin eines bedingungslosen Grundeinkommens, daneben Riexinger, der bedächtige Mann vom Gewerkschaftsflügel, Schwabe und Lafontaine-Freund. Zwei, die sich bisher höchstens vom Sehen kannten – plötzlich zusammen an der Parteispitze. Schaffen sie den Neuanfang? Oder gehen die Grabenkämpfe weiter? Kaum ist die Entscheidung gefallen, geht Bartsch auf Riexinger zu, gratuliert seinem Kontrahenten. Er, der bis zuletzt an seiner Kandidatur festhielt und Lafontaine damit zum Verzicht brachte, gibt jetzt den fairen Verlierer. Ein Trostpflaster für die Gemäßigten um Bartsch: Matthias Höhn vom Reformerflügel wird mit mehr als 80 Prozent zum Bundesgeschäftsführer gewählt – einem der besten Ergebnisse des Parteitags.

Die Nacht der langen Messer in Göttingen beginnt mit einem Rückzieher. Sahra Wagenknecht, Lafontaines Lebensgefährtin und Frontfrau der Parteilinken, tritt ans Mikrophon. Viele hätten sie gebeten, zu kandidieren. Aber sie wolle die Polarisierung „nicht auf die Spitze“ treiben. Freundlicher Applaus. Tatsächlich haben Lafontaines Truppen da schon die Mehrheit für Riexinger organisiert.
Gregor Gysi fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Seine Rede, eine Abrechnung mit Lafontaines Kurs. „Ich bin es leid“, giftet Gysi. Er habe immer versucht zu vermitteln. Aber in der Bundestagsfraktion herrsche „Hass“. Das Verhalten der westlichen Landesverbände erinnere „ihn an die Arroganz der alten Bundesländer bei der Wiedervereinigung“. In der Vorsitzendenfrage habe er viele Vorschläge gemacht, die allesamt nicht an Dietmar Bartsch gescheitert seien – also: an Lafontaine. Entweder es gelinge jetzt, die Streitigkeiten zu beenden, oder es sei „besser, sich zu trennen“, so Gysis Botschaft.

Lafontaine kontert. „Dummes Gerede“ sei der Vorwurf der Regierungsunwilligkeit. „Es gibt keinen Grund, das Wort Spaltung in den Mund zunehmen“, attackiert er Gysi. Man habe eine gemeinsame Basis. „Wir haben die deutsche Politik verändert. Und es gibt keinen Grund, dies nicht wieder zu versuchen, indem man zusammensteht.” Tosender Applaus von seinen Anhängern.

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