Aspekte der Armut : MV reich an armen Menschen

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Jeder Fünfte von Armut gefährdet / Forderung nach sozialem Arbeitsmarkt

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17. September 2015, 21:00 Uhr

„Mecklenburg-Vorpommern ist arm an Menschen, aber reich an armen Menschen“, konstatierte Dr. Wolfgang Weiß von der Universität Greifswald gestern in Schwerin bei der Vorstellung eines Forschungsberichtes über „Aspekte der Armut in Mecklenburg-Vorpommern“, den die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Auftrag gegeben hatte. Gemessen am Bundesdurchschnitt weist demnach MV nach Bremen die höchste Armutsgefährdungsquote in Deutschland auf: Während 2014 im Bundesdurchschnitt 15 Prozent der Einwohner als armutsgefährdet galten – also weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hatten –, waren es hierzulande 21 Prozent. Besonders betroffen sind gering Qualifizierte, Familien mit mehr als zwei Kindern und Alleinerziehende.

Prof. Ulf Groth von der Hochschule Neubrandenburg zufolge gibt es im Land allerdings eine spezielle Topographie der Armut: „Während die Armutsgefährdungsquote im Westen des Landes rückläufig ist, steigt sie im Osten an.“ Groth warnte dabei zugleich vor einer hohen Dunkelziffer: Mindestens 30 000 Haushalte im Land würden ihnen zustehende Sozialleistungen nicht in Anspruch nehmen – aus Unkenntnis, immer häufiger aber auch, weil die entsprechenden Ämter für sie nicht mehr erreichbar seien. Eine unabhängige Sozialrechtsberatung könne hier für Abhilfe sorgen, so die Autoren der Studie.

Sie warnen zudem: „Wir müssen uns auf eine Welle der Altersarmut einstellen, die auf das Land zukommt.“ Schon jetzt sei die durchschnittliche Höhe der Altersrenten hierzulande gegenüber dem Jahr 2012 um 15 Prozent zurückgegangen. Ein Grund: Viele der von den Wissenschaftlern Befragten seien bereits seit der Wende arbeitslos oder nur noch befristet beschäftigt gewesen. Bei ihnen geselle sich zur monetären auch eine Chancenarmut, so die Autoren des Forschungsberichts. Gerade für diese Menschen müsste ein sozialer Arbeitsmarkt geschaffen werden, fordern sie. AWO-Landesvorsitzender Rudolf Borchert, der für die SPD im Landtag sitzt, sieht hier die Landesregierung in der Pflicht. Die aber halte sich „dezent zurück und verweist nur auf den Bund und die Arbeitsagentur“. Auch Grüne und Linke forderten, die Arbeitsmarktpolitik endlich neu zu justieren.

Auch in anderer Hinsicht kritisierte Borchert seine Genossen: Für die auch von den Autoren des Forschungsberichtes geforderte qualifizierte Armuts- und Sozialberichterstattung im Land seien im Doppelhaushalt 2016/17 erneut keine Mittel eingestellt.

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