zur Navigation springen

MV in der Bevölkerungsfalle

vom

svz.de von
erstellt am 25.Jan.2011 | 08:03 Uhr

Schwerin | Seit zwei Jahrzehnten kämpft Mecklenburg-Vorpommern gegen einen kontinuierlichen Einwohnerschwund. Waren es Anfang der 90er-Jahre die Abwanderungen, die dem Land zu schaffen machten und bis zum Vorjahr 180 000 Einwohner kosteten, so wird in Zukunft die Abwanderungsbilanz mit den Zuwanderern aus anderen Bundesländern ausgeglichen sein. Der Geburtenschere hingegen bleibt konstant negativ. 1990 brachen die Geburten von knapp 27 000 im Jahr auf ein Drittel ein. Einen zweiten Geburtenknick erwartet das Land, wenn die fehlenden Kinder der 90er in der Elterngeneration ab 2015 fehlen werden.

Doch die Bevölkerung des Landes schrumpft nicht nur, sie wird auch älter, so Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) gestern bei der Vorstellung des Strategieberichtes der Landesregierung zum demografischen Wandel. Liegt der Anteil der unter 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung heute schon bei 15 Prozent, wird er 2030 nur noch rund 14 Prozent betragen. Der Anteil der über 65-Jährigen steigt dagegen von heute 22 Prozent auf über 36 Prozent. Die Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung haben gravierende Folgen. Alle Bereiche sind betroffen: Wirtschaft, Finanzen, Bildung und Wissenschaft, Soziales, Verwaltung, Polizei und Justiz und der Sport. Zudem zeitigt die Entwicklung gravierende Folgen für die Infrastruktur im ländlichen Raum. MV befindet sich in der Bevölkerungsfalle.

Sellering spricht von einem Strategiemix: "Das ist keine Aufgabe der Landesregierung allein. Wir brauchen kluge Ideen vor Ort. Wir brauchen ehrenamtliches Engagement. Wir brauchen Unternehmen, die ihre Arbeitskräfte halten." Der Ministerpräsident nennt beispielhaft das 70 Mitarbeiter zählende Unternehmen Greifen-Fleisch. Die Firma will ältere Arbeitnehmer durch bessere Arbeitsbedingungen lange halten. "Oftmals sind es die kleinen Maßnahmen, die dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmer länger im Unternehmen tätig sein können. Wir werden es uns nicht leisten können, Menschen mit 50 Jahren freizustellen", sagt Sellering. Er fordert die Firmenchefs auf "gute Löhne zu zahlen, damit die Menschen in MV bleiben". Sellering führt aber auch das Engagement der Landesregierung für die Kita-Versorgung an, die es jungen Müttern und Vätern möglich machen soll, Familie und Beruf zu verbinden. 95 Prozent der 3- bis 6-jährigen Kinder gehen inzwischen in den Kindergarten.

Dem Bild vom Land der Alten widerspricht der Regierungschef: "Wir sind nicht das Land der Alten. Wir sind das Land der Generationen."

In ihrem Strategiebericht hat die Landesregierung Essentials festgehalten, die aus ihrer Sicht wichtig sind, u.a.:

  • Um den Fachkräftebedarf der Zukunft zu sichern, investiert die Landesregierung in die Bildung.
  • Um Studierwillige an den Hochschulort zu binden, wird das Hochschulmarketing forciert. Die Studienbedingungen werden optimiert.
  • Die Aufrechterhaltung des ÖPNV bleibt ein soziales, ökologisches Ziel und ist wirtschaftlich notwendig.
  • Formen des Schülertransports werden erdacht werden müssen, die die Schulwegzeiten erheblich reduzieren.
  • Die Verbeamtung zukünftig neuer Lehrkräfte soll geprüft werden.
  • Zur Entlastung der Landärzte ist eine stärkere Vernetzung von Ambulanzen und Kliniken durch neue Modelle wie Gesundheitshäuser und Praxisassistentinnen zu erproben. Ärzte sollen mit Stipendien gelockt werden.

Für die optimale Organisation von Schulen schließt die Landesregierung offenbar für die Zukunft auch Internate nicht mehr aus. Soziale Strukturen, Freizeithäuser bis hin zu Einkaufsstellen in den Dörfern, könnten zunehmend über das Ehrenamt organisiert werden.

MV ist für viele dieser Ideen gezwungenermaßen Vorreiter in Deutschland, weil sich hier der Wandel im Zeitraffer vollzieht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen