Mord verjährt nicht

So berichtete die Schweriner Volkszeitung im  Sommer 1991 über den vermeintlichen Doppelmord. Foto: red
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So berichtete die Schweriner Volkszeitung im Sommer 1991 über den vermeintlichen Doppelmord. Foto: red

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07. Januar 2013, 11:15 Uhr

Das Verbrechen lässt die Beamten des Fachkommissiariats FK1 der Schweriner Kriminalpolizei nicht los. „Man kennt die Angehörigen des Opfers, weiß vom Leid“, sagt Sachbearbeiter Jens Schmidt. Der Fund der Leiche von Antje Mundstock im Sommer 1991 in Zippendorf am Schweriner See bewegte zudem viele Menschen. Die 19-Jährige war bereits die zweite junge Frau, die innerhalb weniger Tagen ermordet wurde. Die Angst vor einem durchgeknallten Serienkiller ging in Schwerin um. Die Polizei warnte über Lautsprecher, Frauen sollten nachts nicht mehr allein auf die Straße gehen.

Heute stehen 20 Meter Akten zu dem Fall in den Regalen des Fachkommissariats. Keiner der Beamten kann sagen, wie oft die Ordner in den letzten Jahren aus dem Archiv geholt und der Fall wieder aufgerollt wurde. „Immer wenn Kapazitäten frei sind, nehmen wir uns die Altfälle vor“, sagt Joachim Arlom, Leiter der Kriminalpolizeiinspektion, „denn Mord verjährt nicht“.

Nichts bleibe unversucht, die Tat auch Jahre später aufzuklären. In diesen Tagen gibt es wieder neue Hoffnung. In der ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY … ungelöst“ wurde im Dezember der Mordfall Antje Mundstock nachgestellt. 5,49 Millionen Menschen sahen die Sendung.

In der Nacht vom 12. zum 13. Juli 1991 war die 19-jährige Verkäuferin ermordet worden. An jenem Freitagnachmittag war Antje zusammen mit ihrem Freund nach Crivitz gefahren. In dem 5000-Einwohner-Städtchen bei Schwerin hatte sie in einer Baumschule Gärtnerin gelernt. Weil sie in ihrem Beruf keinen Job fand, arbeitete sie in der Schweriner Weststadt bei Aldi an der Kasse. Ihr Freund wohnte in Crivitz.

Auf der Fahrt dorthin kam es im Auto zu einem Streit um Belanglosigkeiten. In Crivitz angekommen trennten sich deshalb die Wege des Pärchens. Sie ging trotzig zu einer Freundin, die etwas außerhalb der Kleinstadt wohnte. Dennoch wollten sich beide am späten Abend mit der Clique auf der Disko im Kulturhaus treffen. Nach 23 Uhr war der Einlass kostenlos.

Um 22.20 Uhr ging Antje von der Wohnung der Freundin allein los. Auf dem Weg zur Disko fällt sie einem Pärchen auf, das hinter ihr geht und ebenfalls zu Fuß in Richtung Kulturhaus unterwegs ist. An einer Straßenbiegung verlieren die jungen Leute die 19-Jährige aus den Augen. Als sie wenige Minuten später ebenfalls um die Ecke auf die Durchgangsstraße biegen, ist Antje verschwunden.

„Wir glauben deshalb, dass die junge Frau zu einer ihr bekannten Person ins Auto gestiegen ist“, so der Fahnder Schmidt. Dies sei für ihn die einzige plausible Erklärung für das plötzliche Verschwinden. Im Kulturhaus warten die Freunde vergebens.

Am nächsten Tag machen Spaziergänger im Schweriner Stadtteil Zippendorf einen schrecklichen Fund. Die Leiche von Antje Mundstock liegt halbbekleidet in Zippendorf am Ufer des Schweriner Sees in der Nähe eines Stegs. Um das tote Mädchen vor den Blicken der Neugierigen hinter den Absperrbändern zu schützen, holte ein Polizist eine alte verstaubte Wolldecke aus dem Streifenwagen und warf sie über die Leiche. Ein fataler Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Denn danach befanden sich Tausende fremde Faserspuren auf dem Körper des Mädchens. Den Kriminaltechnikern war es nun nahezu unmöglich, Fasern zu finden, die zum Täter geführt hätten, beklagte damals ein Ermittler. Diese Fahndungsmethode schied damit aus.

Ins Visier der Ermittler geriet der 37-jährige Reinhard J. aus der Nähe von Crivitz, der 1979 und 1980 zwei junge Frauen aus dem Umland von Schwerin ermordet und deren Leichen im Crivitzer Kulturhaus versteckt hatte. Der 1980 zu einer lebenslangen Haftstrafe Verurteilte war ausgerechnet an dem Wochenende auf Hafturlaub, als Antje Mundstock ermordet wurde. Beweise für seine Täterschaft fand die Polizei trotz fieberhafter Suche nicht.

Für den ersten Mord zwölf Tage zuvor schied er als Täter ohnehin aus, weil er zu diesem Zeitpunkt in seiner Haftzelle saß. In der Nacht zum 30. Juni 1991, war die 17-jährige Claudia Lade unter ähnlichen Umständen getötet worden. Die Studentin der Pädagogischen Fachschule hatte die Diskothek „Offline“ auf dem Großen Dreesch gegen 1.30 Uhr in Richtung Straßenbahnhaltestelle verlassen. Vermutlich wurde Claudia in ein Auto gezogen. Dabei ist ihr ein Ohrring abgerissen, der später an der Straße gefunden wurde. Zeugen für diese gewaltsame Entführung gibt es nicht. Ihre Leiche entdeckten Spaziergänger in Raben Steinfeld ebenfalls am Ufer des Schweriner Sees in der Nähe einer Badestelle.

Viele gingen von einem Doppelmord und einem Serientäter aus, „der sich ein drittes oder viertes Opfer suchen könnte“, wie der damals ermittelnde Staatsanwalt Ullrich Knye auf einer Pressekonferenz befürchtete. Beide Opfer waren blond, etwa gleichaltrig, über 1,70 Meter groß, trugen Kreolen-Ohrringe und wurden gewürgt. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen blauen Trabant, der angeblich an beiden Tatorten gesehen wurde. Im Mordfall Claudia Lade hatte der unbekannte Fahrer in der Nähe der Disko mehrere Mädchen angesprochen und nach dem Weg gefragt. Allein die Suche nach diesem Fahrzeug füllt heute zwei Aktenordner. Gefunden wurde der Trabi, der ein P im Kennzeichen gehabt haben soll, allerdings nie.

Bereits damals kamen Ermittlern Zweifel an der Doppelmord-These. So hatten Gerichtsmediziner beispielsweise auf unterschiedliche Würgemale am Hals der Frauen hingewiesen.

Heute sind sich die Ermittler sicher, dass zwei Täter die Mädchen getötet haben. Auch Profiler, die die Morde 2005 in einer operativen Fallanalyse untersucht haben, kamen zu diesem Ergebnis.

Den neuen Versuch über die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ hatte die Mutter von Antje angeschoben, die der Schweriner Kripo ihr Einverständnis zur Veröffentlichung gab, erzählt Jens Schmidt. Die Ermittler hoffen, dass sich nach der Ausstrahlung Zeugen melden, weil sie durch neue Details Zusammenhänge erkennen, oder weil sie damals nicht ausgesagt hatten. Außerdem bestehe die Möglichkeit, dass sich der Mörder jemandem anvertraut hat.


Die Ausstrahlung brachte zahlreiche Hinweise, „die jetzt von uns abgearbeitet werden“, berichtet Jens Schmidt. Einige Anrufe betreffen den Bekanntenkreis von Antje Mundstock. Ob eine „heiße Spur“ darunter ist, die nach 21 Jahren zum Unbekannten führt, müssen die nächsten Tage zeigen.

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