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Asyl : Momos Retter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Wolgaster Kirchgemeinde St. Petri hat dem jungen Mann aus Mali Asyl gewährt – wohl wissend, dass sie damit außerhalb des Gesetzes handeln

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2014 | 11:50 Uhr

Nein, er schläft nicht auf einer der Kirchenbänke. Und er muss auch nicht versuchen, es sich im Schlafsack auf dem Kirchenfußboden bequem zu machen. Doch wo genau sein Schützling seine Tage und Nächte verbringt, möchte Pastor Jürgen Hanke nicht erzählen. Denn in Wolgast und Umgebung schmecke es längst nicht jedem, dass die Kirchgemeinde St. Petri einem jungen Mann aus Mali Kirchenasyl gewährt. „Der Ausländerhass ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Hanke – auch mit Blick auf diejenigen, die sich unlängst im Kreistag Vorpommern-Greifswald gegen das Kirchenasyl ausgesprochen hatten. Das sei eine bedenkliche Entwicklung, eine, die nicht gut für die Gesellschaft sei.

Dennoch – oder gerade deshalb: Mohamed Camara, den alle nur Momo nennen, findet seit Mitte August in der Kirchgemeinde der Stadt am Peenestrom Unterschlupf. In Sachsen-Anhalt, wo er beinahe zwei Jahre lang in Flüchtlingsunterkünften gelebt hatte, war zuvor ein Asylantrag des 25-Jährigen abgelehnt worden. Ihm drohte die Abschiebung in die Niederlande, über die er nach Deutschland eingereist war, und von dort aus die Abschiebung in sein westafrikanisches Heimatland.

Momo ist kein klassischer Flüchtling. Weder drohten ihm in seiner Heimat Repressalien aufgrund seiner politischen Einstellung oder seiner Religion, noch waren es wirtschaftliche Zwänge, die ihn aus Afrika weg und in eine ungewisse Zukunft trieben. Der junge Mann wollte nach einem Jurastudium in seiner Heimat einen europäischen Abschluss in Verwaltungsrecht erwerben. Danach, das stand und steht für ihn immer noch fest, wollte er als Anwalt in seiner Heimat arbeiten. Die Eltern – der Vater als Schulleiter besser situiert als viele seiner Landsleute – unterstützten ihn dabei und zahlten 6000 Euro an einen Holländer, der Momo nicht nur ein Visum , sondern auch eine Studiengenehmigung in Amsterdam besorgte. Erst nach einiger Zeit fiel an der Universität auf, dass Momos Studiennummer einem anderen Studenten gehörten. Die niederländischen Behörden wurden hellhörig, prüften auch das Visum des Afrikaners: Es war nicht auf seinen, sondern auf einen anderen Namen ausgestellt worden. Und der Vermittler, den die Familie über das Internet kennengelernt hatte, war verschwunden…

Freunde an der Uni rieten Momo, einen Asylantrag zu stellen. Und deutsche Freunde glaubten zu wissen, dass das in ihrer Heimat einfacher sei. So landete der junge Mann aus Mali zuerst in Bremen und schließlich in Sachsen-Anhalt.

Deutsch brachte er sich selbst bei – und übersetzte schon bald für Landsleute. In Schulen sprach er über das Leben in Westafrika. Für sein Projekt „Afrikanische Metropolen“ wurde Momo im Mai beim „freistil-Jugendwettbewerb“ der Deutschen Jugend in Europa ausgezeichnet – gegen 700 Mitbewerber hatte er sich in der Kategorie „Gesellschaft und politisches Leben“ durchgesetzt. Die Laudatio hielt der in Senegal geborene SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby aus Halle. Doch um bleiben zu dürfen, reichte das alles nicht aus.

Freunde hätten Momo nach Wolgast vermittelt, nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war, erzählt Jürgen Hanke. Zwar wäre der Afrikaner lieber in der Nähe von Magdeburg geblieben, denn dort lebt auch die Frau, die er liebt und mit der er ein gemeinsames Leben plant. Aber gleich mehrere Kirchgemeinden hätten ihn zurückgewiesen – die meisten, weil sie schon anderen Flüchtlingen Asyl gewährten.

Auch im Bereich der Nordkirche ist Momo kein Einzelfall. In 56 Fällen gewähren Gemeinden derzeit Einzelpersonen oder Familien Kirchenasyl. In Wolgast ist der Afrikaner der erste Flüchtling ohne legalen Aufenthaltsstatus, den die Kirchgemeinde aufgenommen hat. Bereits im Mai hatte der Gemeinderat dazu einen Grundsatzbeschluss gefasst – „vorbeugend für den Fall der Fälle“, erklärt Pastor Hanke. „Denn wenn erst mal jemand vor unserer Tür steht, dann können wir nicht noch vier Wochen lang diskutieren.“

Nur wenige Gemeindemitglieder wissen, wo genau Momo im Moment wohnt. „Es ist eine abgeschlossene kleine Wohnung mit eigener Küche, in der er auch allein kocht“, verrät der Pastor. An die frische Luft aber käme Momo nur sehr selten. Über ein Handy und das Internet hält er Kontakt zur Familie und zu seinen Freunden. Manchmal bekäme er auch Besuch – „er ist ja kein Gefangener“, sagt Jürgen Hanke. Mitglieder der jungen Gemeinde hätten ihm eine Festplatte voll Action-Filme geladen, andere Sportgeräte gestiftet. Zweimal in der Woche würde Momo notieren, was er an Lebensmitteln braucht. Die Einkäufe würden, wie Momos übrige Lebenshaltungskosten, aus der Gemeindekasse und aus Spenden bezahlt.

„Wir wissen, dass wir außerhalb des Gesetzes handeln“, gibt der Pastor unumwunden zu. Aber dieses Gesetz reiche einfach nicht mehr, um menschlich mit Menschen umzugehen. Viele in der Stadt würden sich dem Thema erst langsam annähern, hat der Pastor beobachtet. Mancher würde ihm verstohlen zuflüstern: „Das habt ihr gut gemacht.“ Andere würden es offen sagen. Und noch andere steckten ihm Geld oder Geschenke für Momo zu.

Allerdings sei er auch schon am Telefon beschimpft worden, erzählt der Pastor, es sei verabscheuungswürdig, Wirtschaftsflüchtlinge aufzunehmen, habe man ihm gesagt. „Gerade jetzt zum Wendejubiläum sollte man sich aber vor Augen führen: Auch das waren nicht alles politisch Verfolgte in der DDR, viele waren Wirtschaftsflüchtlinge, die sich einfach ein besseres Leben erhofften“, mahnt Hanke. Heute würden aus eben diesem Grund viele Menschen versuchen, nach Europa zu kommen – wer wolle darüber richten?

Und sei es nicht für viele Deutsche ganz normal, dass sie einen Ausbildungsabschnitt im Ausland absolvierten – warum, so Hanke, soll das nicht auch für junge leute legitim sein, die nicht hier geborten wurden? „Die Menschen sind da sehr kurz im Gedächtnis: Was für sie selbst galt, darf aber nicht für andere gelten.“

Für Momo hat ein Freundeskreis aus Sachsen-Anhalt eine Petition an das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration gerichtet. Auch seine neuen Wolgaster Freunde unterstützen sie. „Wir wollen für Momo erreichen, dass er eine Ermessensduldung bekommt“, so Pastor Hanke. Bis dahin aber bleibt sein Aufenthaltsort geheim.

HINTERGRUND


Kirchenasyl: Zahl verdoppelt
Die Zahl der Kirchenasyle in Deutschland ist in diesem Jahr stark angestiegen. Im September seien 245 Flüchtlinge in 136 Fällen von Kirchenasyl betreut worden, teilte die ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“  in Frankfurt mit. Dazu kämen rund 50 bereits beendete Kirchenasyle. Im vergangenen Jahr gab es den Angaben zufolge 79 Fälle mit 162 betreuten Menschen. „Wir retten nicht die Welt, aber ein paar Menschenleben“, sagte die Vorsitzende Fanny Dethloff. Rund 80 Prozent der Fälle von Kirchenasyl endeten positiv. Dabei reiche die Spanne von der Anerkennung eines Abschiebehindernisses bis zum dauerhaften Bleiberecht.  In der Regel bleiben die Menschen den Angaben zufolge etwa zwei Jahre im Kirchenasyl.

Das erste Kirchenasyl gab es 1983 in Berlin. Vorausgegangen war der Suizid eines Kurden, dessen Asylantrag abgelehnt worden war. Die Bundesarbeitsgemeinschaft wurde 1993 gegründet. Ziele waren der Austausch von Erfahrungen und die Verständigung auf ein einheitliches Vorgehen. So wird beispielsweise jedes Kirchenasyl den Behörden gemeldet.  epd

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