zur Navigation springen

Untersuchung zu Jugendwerkhöfen und Spezialheimen in der DDR : Mit Repressalien auf Linie getrimmt

vom

Heidemarie Puls war 13 Jahre alt, als sie beim Versuch, aus dem Durchgangskinderheim Demmin zur Oma zu fliehen, grün und blau geprügelt wurde.

svz.de von
erstellt am 14.Apr.2011 | 08:52 Uhr

Schwerin | Heidemarie Puls war 13 Jahre alt, als sie beim Versuch, aus dem Durchgangskinderheim Demmin zur Oma zu fliehen, grün und blau geprügelt wurde. "Mein Körper ähnelte einer Landkarte, wie ich sie aus dem Atlas kannte, den wir im Erdkundeunterricht benutzten", erinnert sich die Mecklenburgerin an das Erlebnis aus dem Jahr 1971. Nach Missbrauch durch den Stiefvater und Vernachlässigung durch die Mutter, erlebte sie ihre Kindheit und Jugend in Heimen der staatlichen DDR-Jugendhilfe. Auf der Suche nach Geborgenheit, die sie in den Heimen nicht fand, und aus Angst vor den Zwangsmaßnahmen versuchte das Mädchen mehrfach zu fliehen und landete schließlich im "Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau" - der schlimmsten Einrichtung für so genannte Schwererziehbare.

So wie Heidemarie Puls ging es Tausenden. "Nach vorsichtigen Schätzungen haben ungefähr 120 000 Kinder und Jugendliche die Spezialkinderheime, Sonderheime und Jugendwerkhöfe in der DDR durchlebt und zum großen Teil durchlitten", sagte die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, Marita Pagels-Heineking. Am Mittwochabend stellte sie gemeinsam mit dem Autor Christian Sachse die erste umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung zu den Heimen in der DDR vor.

"Der letzte Schliff. Jugendhilfe in der DDR im Dienst der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen (1945-1989)", heißt das Buch, das zum größten Teil auf historischen Dokumenten aus den Archiven des Ministeriums für Volksbildung und des Staatssicherheitsdienstes beruht und durch Gespräche mit Zeitzeugen ergänzt wird. Sachse beschreibt die Strukturen, die personellen und materiellen Ausstattungen, die Kapazitäten sowie die pädagogischen Ansätze und Methode in den Heimen und Jugendwerkhöfen.

"Die immer noch weit verbreitete Annahme, in die Einrichtungen seien vorwiegend kriminelle Kinder und Jugendliche eingewiesen worden, führt bis heute zu Stigmatisierungen", schätzt die Landesbeauftragte ein. Es seien aber auch Punker, Schulschwänzer, hyperaktive oder lernbehinderte Kinder und Jugendliche eingewiesen worden, die durch Umerziehung passend gemacht werden sollten.

Das Bundesverfassungsgericht entschied im Mai 2009, dass auch frühere DDR-Heimkinder und Insassen von Jugendwerkhöfen entschädigt werden können - allerdings nur, wenn die Einweisung politische Motive hatte oder die Unterbringung unverhältnismäßig war.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen