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"Mediensucht betrifft nicht nur die Jüngeren"

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erstellt am 01.Feb.2013 | 10:33 Uhr

Wie viel Handy- und Computernutzung ist eigentlich normal, und wann fängt die Sucht an? Ein Gespräch mit Berater Andreas Dencker vom Sucht- und Drogenberatungsverbund Müritz.

Herr Dencker, einen Tag ohne moderne Medien auszuhalten, war wirklich schwer für mich. Bin ich schon süchtig?

Dencker: Wenn man das Suchtkonzept auf die Mediennutzung überträgt, sind mehrere Symptome entscheidend. Eine Sucht fängt da an, wo schwerwiegende Entzugserscheinungen den Alltag so beeinflussen, dass man diesen gar nicht mehr bewältigen kann. Sie konnten Ihren Alltag bestimmt meistern. Als Süchtiger spielt dagegen der Verlust der Kontrolle eine Rolle, wenn man der Sucht nachgeht. Es funktioniert etwa nach dem Motto: Ich bestimme nicht die Medien, die Medien bestimmen mich. Das lässt sich sehr gut im Alltag beobachten, wenn Menschen ihre Mobiltelefone in der Hand anstarren und dabei alles um sich herum gar nicht mehr wahrnehmen.

Welche körperlichen Anzeichen lassen auf eine Sucht schließen?

Wenn Entzugserscheinungen auftreten. Das kann eine gewisse Frustration sein, die mit einer körperlichen Anspannung einhergeht. Manche sind auch besonders gereizt, haben vielleicht einen erhöhten Blutdruck.

Kommen viele Klienten, die als mediensüchtig eingestuft werden können, zu Ihnen?

Es ist kein Massenphänomen in der Region. Zur Zeit berate ich zwei junge Erwachsene und einen Klienten, der Ende 50 ist. Mediensucht ist also eine Sache, die nicht nur Jüngere betrifft. Eine Studie der Humboldt-Uni Berlin zeigt, dass es etwa 650000 Internetsüchtige in Deutschland gibt, weitere 1,5 Millionen Nutzer gelten als gefährdet. Doch viele Konsumenten haben kein Bewusstsein für das Problem.

Wann wird es denn zum Problem?

Wenn andere Dinge, die früher im Leben wichtig waren, vernachlässigt werden. Die Leute ziehen sich zurück, vernachlässigen das Essen, die Körperpflege, soziale Kontakte. Viele Süchtige erleben die reale Welt als langweilig.

Ab wann gilt man denn als medien- beziehungsweise internetsüchtig?

Manche sagen, ab 35 Stunden Internetnutzung in der Woche sei man süchtig, doch das kann nicht allgemein gelten. Nur das Verhalten lässt auf eine Sucht schließen.

Warum geht von modernen Medien ein Suchtpotenzial aus?

Weil sie etwas bieten, dass für manche im realen Leben nicht erlebbar ist. Süchtige können ihre Bedürfnisse sehr leicht erfüllen, eignen sich im Internet Wissen an, spielen, kaufen ein oder gehen auf Partnersuche.

Wer ist stark gefährdet?

Menschen mit sozialen Ängsten sind besonders gefährdet. Aber auch Kinder und Jugendliche gelten als Risikogruppen und besonders Gestresste. Ich kann das gut nachvollziehen, dass manche einfach mal von der realen Welt abschalten wollen.

Wie therapieren Sie?

Es ist wichtig, Alternativen zu entwickeln, wie Sport, Hobbys und Kontakte mit anderen Menschen. Im therapeutischen Kontext müssen natürlich auch Hintergrundprobleme, wie mögliche Depressionen oder Ängste, mitbehandelt werden.

Was raten Sie Eltern, die um Hilfe bitten, weil das Kind zu viel Zeit vor dem Computer verbringt?

Bei einer handfesten Sucht rate ich Eltern, den Computer und das Internet nicht einfach abzuklemmen. Das könnte Agressionen und suzidale Gedanken hervorrufen. Besser ist es, früh das Gespräch zu suchen und für die Mediennutzung eigene Regeln aufzustellen.

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