Lebensglück auf zwei Rädern

<strong>Ob satte Minusgrade oder Regen</strong> - Arne Weinert fährt fast immer mit dem Rad zur Arbeit. 'Man muss nur die richtige Ausrüstung haben. Dann geht alles.'<foto>R. Klawitter</foto>
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Ob satte Minusgrade oder Regen - Arne Weinert fährt fast immer mit dem Rad zur Arbeit. "Man muss nur die richtige Ausrüstung haben. Dann geht alles."R. Klawitter

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17. Januar 2013, 07:51 Uhr

Schwerin | Eiskratzen, Kfz-Versicherungstarife vergleichen, sich über steigende Benzinpreise ärgern - für Arne Weinert ist all das kein Thema. War es noch nie. Der Schweriner hat kein Auto, nicht einmal eine Fahrerlaubnis. Stattdessen stehen im Keller seiner Familie "so um die zehn Fahrräder". Denn auch seine Frau hat kein Auto und keine Fahrerlaubnis. "Es hat sich irgendwie nie ergeben", sagt der 52-Jährige ohne die geringste Spur von Bedauern.

Es ist 8.30 Uhr. Grau hängt der Himmel über Schwerin. Das Thermometer zeigt minus 4 Grad Celsius, an den Straßenrändern lümmeln sich kleine Schneewälle. Arne Weinert schleppt sein Fahrrad die Kellertreppe hoch, setzt Mütze und Fahrradhelm auf und streift die Handschuhe über. Der freiberufliche Grafiker fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Fast jeden. Nach zwei Stürzen in den vergangenen Jahren lässt er das Rad zumindest bei Glatteis stehen. "Stürzen ist nicht so schön - weder für mich noch für das Fahrrad", sagt er und steigt auf.

Links und rechts säumen Autos die Richard-Wagner-Straße, dazwischen eine löchrige Piste, die gerade bei schlechtem Wetter zur Fahrradfahrerfalle werden kann. Also bleibt Weinert erst einmal auf dem Fußweg. An der Wittenburger Straße wechselt er auf die Fahrbahn. "So komme ich schneller über die Kreuzung, weil die Ampel doch sehr autofahrerfreundlich geschaltet ist", erklärt er. Gut einen Kilometer später hat er den Ostorfer See erreicht und radelt gemütlich am Ufer entlang. "Ich muss nicht mit verkniffenem Gesicht im Stau stehen, keinen Parkplatz suchen und keine Zeit fürs Fitnessstudio einplanen", listet der Schweriner die Vorteile seiner Art der Fortbewegung auf. "Und bei schönem Wetter mache ich oft einen Umweg am Schloss vorbei und am Faulen See entlang und genieße einfach die Natur."

Nordlichter fahren mehr Fahrrad als andere Deutsche

Doch dann wird auch er ausgebremst. Genau dort, wo der Bordstein abgesenkt und der Schnee weggeschoben ist, damit Radfahrer die Straße queren können, steht ein Kleinbus. Weinert steigt ab und schiebt, nicht ohne den Fahrer auf seinen Fehler hinzuweisen. Gedankenlosigkeit und Unverständnis begegnen dem Schweriner oft im Straßenverkehr und nerven ihn mehr als fehlende Radwege. Doch als er sich noch einmal umdreht, sieht er, dass der Kleinbus ein paar Meter weitergefahren ist. "Das ist doch schön", stellt er zufrieden fest, "aber selbstverständlich ist es nicht." Das Verständnis füreinander nehme nach seinem Eindruck ab.

Doch Arne Weinert ist nicht allein. Mecklenburger und Vorpommern steigen für rund 14 Prozent aller Wege aufs Fahrrad. "Damit liegt das Land deutlich über dem Bundesdurchschnitt", sagt Thomas Möller, Landeschef des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Deutschland. Der beträgt zehn Prozent und soll - so das im "Nationalen Radverkehrsplan 2020" formulierte Ziel der Bundesregierung - auf 15 Prozent steigen. Unmöglich scheint das nicht. Immerhin führen rund 40 Prozent aller Privatfahrten mit Auto oder Motorrad über Strecken, die fünf Kilometer oder kürzer sind. In vielen Städten, auch in Mecklenburg-Vorpommern, wird das Fahrrad deshalb schon jetzt deutlich häufiger genutzt als im ländlichen Raum. So stieg in Rostock laut Radverkehrsplan der Anteil des Radverkehrs innerhalb von zehn Jahren von 9 auf 20 Prozent. "Und Greifswald kann man mit über 40 Prozent wohl als heimliche Fahrradhauptstadt Deutschlands bezeichnen", so Möller.

Um noch mehr Menschen aus dem Auto zu locken, muss das Radfahren für den Einzelnen komfortabler und vor allem sicherer werden. Im Jahr 2011 starben in MV bei Verkehrsunfällen 13 Radfahrer, 1520 wurden verletzt. Doch nur an einem Viertel der Landesstraßen gibt es einen separaten Radweg. Immerhin steigt ihr Anteil - wenn auch nur langsam. Rund 4,4 Millionen Euro hat das Land 2011 für 26 Kilometer Radwege an Landesstraßen ausgegeben. 2012 waren es 5,8 Millionen Euro und in diesem Jahr sollen es nach Angaben des Schweriner Infrastrukturministeriums 5 Millionen werden. "Der Bau eines Radweges kommt in der Regel erst ab einer täglichen Verkehrsbelastung von durchschnittlich mindestens 2500 Fahrzeugen in Betracht", erklärt Sprecher Steffen Wehner. Mit einer Radverkehrs-Karte im Internet, landeseinheitlicher Wegweisung und sichereren Radverkehrsführungen außerorts wolle das Land die Bedingungen für die Nutzung des Rades in Alltag, Freizeit und Tourismus verbessern. Geplant sei, bis Anfang 2015 diese Rahmenbedingungen zu verändern und zu verbessern.

Studie: Mehr Radler in der Stadt - weniger Unfälle

Der Bau neuer Radwege ist für Thomas Möller nicht das Allheilmittel, um den Radverkehr zu stärken. "Es gibt viele Straßen, auf denen man ohne Radweg gut klarkommt", sagt er. "In Tempo-30-Zonen brauche ich keinen. Doch diese Chance wird in kleinen Städten zu wenig genutzt." Der ADFC unterstützt deshalb die europäische Bürgerinitiative "30 km/h - macht die Straßen lebenswert!". Sie setze sich dafür ein, dass 30 km/h innerorts die Regelgeschwindigkeit wird und 50 km/h die Ausnahme, so Möller. "Das wäre ein Riesenfortschritt für Radfahrer, der wenig kostet."

Neben sicheren Abstellmöglichkeiten für Fahrräder wäre - vor allem in ländlichen Regionen - die bessere Verknüpfung des Radverkehrs mit Bussen und Bahnen eine weitere Möglichkeit, das Radfahren attraktiver und komfortabler zu machen. Aber da hat es in MV gerade einen herben Rückschlag gegeben. Bis Ende 2012 konnten Pendler mit einer Jahreskarte ihr Fahrrad in den Zügen der Deutschen Bahn kostenlos mitnehmen. Diese Regelung ist ausgelaufen. "Das ist ein absolutes Manko. Ich befürchte, dass viele wieder aufs Auto umgestiegen sind", sagt der ADFC-Landeschef, hat aber einen Tipp parat: "Wir empfehlen ein Faltrad. Das geht als Handgepäck durch."

Für ihre Sicherheit können auch die Radfahrer selbst etwas tun - und das nicht nur, indem sie die Verkehrsregeln einhalten. Sie müssen nur losfahren. Laut einer Studie des amerikanischen World Watch Institutes passieren weniger Radunfälle, je mehr Radler in einer Stadt unterwegs sind.

Fahrradfahren ist nicht nur für die Gesundheit und die Umwelt gut, sondern auch fürs Portmonee - und es spart, zumindest in der Stadt, in vielen Fällen Zeit. Das hatte im vergangenen Jahr der "Schweriner Versuch" der Hochschule Wismar gezeigt, bei dem Pendler mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit gelangten. Ob Zeit und Komfort, Umwelt und Gesundheit oder Kosten - Fahrrad und Pedelec, das Pendant mit elektrischer Unterstützung, lagen in jeder Kategorie vorn.

Das deckt sich mit Arne Weinerts Erfahrungen. "Mit dem Fahrrad bin ich von Tür zu Tür rund 20 Minuten unterwegs. Nehme ich die Straßenbahn, sind es rund 30 Minuten", erklärt der 52-Jährige. "In einem Auto wäre ich ein bisschen schneller." Aber nur, wenn nicht morgens und abends Eis gekratzt werden muss.

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