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Leben in einer schwarz-weißen Welt

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erstellt am 09.Nov.2011 | 10:53 Uhr

Schwerin | Heute ist ein guter Tag, sagt Silke N..* Doch das ist nicht jeden Tag so, denn Silke N. leidet seit vielen Jahren unter Depressionen. "Wenn ich depressiv bin, ist alles schwarz-weiß", sagt sie.

Vor sieben Jahren wagte sie den Schritt in eine Klinik. Mit Unterstützung ihrer Freunde. "Sie haben mir damals geholfen und gesagt: ,Du musst in eine Klinik." Zweieinhalb Jahre verbrachte die heute 34-Jährige in der Klinik. Dort wurde sie nicht nur medikamentös behandelt, sondern auch thera peutisch. Erschwerend hinzu kommt, dass Silke N. nicht nur unter Depressionen leidet, sondern auch an Schizophrenie. "Ich hatte Wahnvorstellungen. Stimmen im Kopf, die mir gesagt haben, dass ich mich umbringen soll." Das hat sie auch versucht - zweimal. Einmal hat sie sich die Pulsadern aufgeschnitten, das andere Mal sich eine Tüte über den Kopf gezogen und unter die Bettdecke gelegt. "Heute schäme ich mich dafür." Die 34-Jährige sagt, dass es auch unerlässlich ist, eine Depression zu behandelt. Denn sie kann lebensbedrohlich werden.

Findet Halt in einer Selbsthilfegruppe

Früher, so erzählt sie, war sie ein sehr aktiver Mensch. Ständig unterwegs und hat immer viel gearbeitet. Heute ist es anders. Wenn es ihr schlecht geht, muss sie sich zwingen, doch rauszugehen, sich mit Freunden zu treffen, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten. "Jeder Mensch braucht Freunde", sagt sie. Als die Depression anfing, fühlte sie sich ausgebrannt. Heute reden viele von "Burnout". Wie sie zu diesem Begriff steht? "Ich gehöre zu denjenigen, die sagen, dass es eine Modediagnose ist. Es ist an sich eine Depression, nur mit einem anderen Gesicht."

In einer Selbsthilfegruppe spricht sie auch mit anderen Betroffenen. Auch Angehörige kommen zu den Sitzungen. "Wenn sie lernen zu verstehen, wie sich der kranke Angehörige fühlt, sind sie schon sehr dankbar", sagt Silke N. Zwischen zehn und zwölf Personen sitzen in dieser Gruppe. "Wir machen an sich nicht viel. Jeder erzählt davon, wie seine Woche war. Und dann ist die Stunde auch schon fast vorbei."

Sich der Vergangenheit stellen, war wichtig

Silke N. erzählt viel von ihren Freunden, auch davon, wie sehr sie ihr Halt geben. Weniger berichtet sie von der eigenen Familie. Diese lebt weiter weg. Ihre beiden Schwestern wussten anfangs nicht damit umzugehen, dass sie krank ist. Auch die Mutter hatte ihre Probleme damit. "Sie hat sich Vorwürfe gemacht, ob sie etwas falsch gemacht hätte." Bis heute weiß ihre Mutter nichts von den beiden Selbstmordversuchen ihrer Tochter. Über ihre Krankheit reden, kann die 34-Jährige heute dank diverser Therapien leichter. Als bei ihr Schizophrenie diagnostiziert wurde, musste sich Silke N. ihrer Vergangenheit stellen. Das war nicht einfach - aber für ihr heutiges Leben unerlässlich. Die Schizophrenie hat etwas mit dem Transmitterstoffwechsel im Gehirn zu tun. Doch auch Stresssituationen können diese psychische Erkrankung auslösen. So auch bei Silke N. - sie hat sich an etwas aus ihrer Vergangenheit erinnert. Wie ein Geistesblitz kam es auf sie zu. Ein Buchtitel ließ sie während ihres Studiums inne halten. "Ich habe es viele Jahre vergessen, sogar verdrängt. Erst während meines Studiums erinnerte ich mich wieder daran." Im Alter zwischen vier und acht Jahren wurde Silke sexuell missbraucht. "Von einem Bekannten meiner Mutter." Ausein andergesetzt hat sie sich erst wieder mit dem Täter während ihrer Traumatherapie. "Frühkindliche Ereignisse werden hier wieder aufgerollt, verarbeitet, in Päckchen verpackt und wieder weggestellt, damit sie kein Unheil mehr anrichten können." In einer Verhaltenstherapie hat sie gelernt, wieder mit dem Alltag klarzukommen. Deshalb könne sie jetzt mittlerweile wieder arbeiten - aber nur halbtags.

Ohne Medikamente geht es nicht

Probleme, sich ihrem Leiden zu stellen, hatte sie keine. "Mütterlicherseits gibt es bereits in meiner Familie Depressionen." Nur geredet wird darüber nicht. Es ist eine andere Generation. Eine Depression wird häufig noch in der Gesellschaft als Schwäche angesehen. Doch genau das ist verkehrt, weiß Silke N.. Sie ist froh ihren Therapeuten zu haben. Denn die Therapien haben ihr geholfen. Dennoch hat sie Rückfälle. "Einmal im Jahr gehe ich in eine Klinik. Für sechs Wochen bin ich dann weg." Viel Kraft schöpft die 34-Jährige aus ihrem Sport. Ohne den gehe es nicht. Sie versucht auch abzunehmen, aber durch die Medikamente funktioniert es nur schleppend. "Wenn ich gar keine Lust auf Sport habe, gehe ich trotzdem hin und danach fühle ich mich richtig gut." Sport ist wichtig, sagen ihr auch immer wieder die Ärzte und Therapeuten. Erst kürzlich war sie auf einem Patientenkongress, um sich noch mehr über das Thema Depression zu informieren. "1200 Menschen waren dort. Darunter Betroffene wie Angehörige." Silke N. wünscht sich, dass die Depression nicht mehr als Schwäche angesehen, sondern ernst genommen wird.

Vor allem Frauen gehen offener mit Depressionen um. "Männer haben viel mehr Probleme damit, zu sagen, ,ich habe eine Depression." Silke N. glaubt, dass es vor allem daran liegt, dass eine Depression so viele weibliche Züge besitzt. "Betroffene sind traurig, können nicht mehr zupacken, sind antriebslos." All das seien Wesenszüge, die einem Mann nicht entsprächen, so die 34-Jährige.

Hoffnung auf eine Zukunft zu Zweit

Doch auch darüber wird in der Selbsthilfegruppe gesprochen. Und auch über Selbstmord. "Wenn das Thema jemand anspricht, sind wir immer sehr betroffen" , sagt Silke N..

Eine wirklich schlimme Zeit, an die sich Silke N. nur ungern erinnert, ist die Zeit in der geschlossen psychiatrischen Abteilung. "Ich hab es immer als sehr starken Eingriff und schlimm empfunden, angeschnallt zu werden. Auf dieser Station leben die Patienten irgendwie in einer anderen Welt." Und alle Türen sind verschlossen. Doch geholfen hat es ihr sowie die Antidepressiva, die sie jeden Tag nehmen muss. "Diese Medikamente sind wichtig. Sie helfen einem, wieder denken und Freude empfinden zu können."

Silke N. schaut positiv in die Zukunft. Sie hofft, dass sie in ihrem Alltag weiterhin gut klarkommt und arbeiten kann. Doch ihr größter Wunsch ist es, einen Partner zu finden, mit dem sie ihr Leben teilen kann. (* Name und Alter wurden von der Redaktion geändert)

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