Leben im Hochsilo

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05. Juli 2010, 08:13 Uhr

Klein Kussewitz | Schon von Weitem ist der hoch aufragende gelbbraune Bau zu sehen. "Was ist denn das?", fragen sich Fremde, die Klein Kussewitz wenige Kilometer östlich von Rostock durchfahren. Denn das ungewöhnliche Wohnhaus war keineswegs als solches geplant: Das Gebäude war einmal ein Futtersilo."Früher war hier Rübenschnitt drin", erzählt Hausherr Andreas Krüger. Oben in 16 Metern Höhe wurde der Rübenschnitt eingefüllt, es entstand die Silage, die später verfüttert wurde. Unten war ein Ablauf für die entstehende Flüssigkeit, die ins Freie geleitet wurde. "Das muss fürchterlich gestunken haben", erzählt der 43-Jährige, der seit knapp neun Jahren mit seiner Frau und den drei Mädchen im Alter von vier bis zwölf Jahren dort lebt.

1928 wurde das Silo gebaut, nach Krügers Recherchen 1970 zum letzten Mal mit Rüben gefüllt. Danach stand das denkmalgeschützte Objekt ungenutzt herum und verfiel. Nach der Wende war nicht abzusehen, dass aus dem heute rund 750 Einwohner zählenden Klein Kussewitz ein schmuckes Örtchen im Speckgürtel von Rostock würde.

"Ich wollte immer in einem Haus wohnen, in dem ich den ganzen Tag über Sonnenschein bekomme. Deswegen musste es ein Turm sein", berichtet der Bauingenieur von der Suche nach einer Bleibe für sich und seine wachsende Familie Ende der 1990er-Jahre. Erstmals hatte er das Silo auf einem Foto gesehen. Nach einer ersten Besichtigung mit seiner Frau war schnell klar, dass "wir das anfassen wollen". Im Januar 2000 kaufte die Familie die Ruine. In Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege ging es dann daran, aus dem heruntergekommenen Silo das zu machen, was es heute ist: ein repräsentatives Haus mit 140 Quadratmetern Wohnfläche auf vier Etagen. Investiert wurden rund 150 000 Euro.

"Wir sind immer froh, wenn sich jemand für solche Objekte interessiert, und auch sehr offen, wenn dann neue, originelle Ideen entwickelt werden", sagt Landesamt-Abteilungsleiterin Ewa Prync-Pommerencke. Es sei aber wichtig, dass die Gebäude ihren Charakter nicht verlören. Das Wohnsilo bezeichnet sie als gelungenen Kompromiss.

Krüger sitzt im obersten Stockwerk des Silos, in dem er sein Büro mit Rundumblick eingerichtet hat, und berichtet von den Arbeiten. Ein gutes Jahr dauerte es, bis das Silo bezugsfertig war. Bei beiden Röhren wurden Wände he rausgerissen, zwei Halbschalen blieben übrig. Viele Details waren zu berücksichtigen, denn für die Statik eines Wohngebäudes gelten andere Anforderungen als für die eines Silos. "Es war mir wichtig nachzuweisen, dass es funktioniert, dass man da etwas reinbasteln kann", sagt der Ingenieur. Im Silo sucht man vergeblich modische Einzelheiten, "es ist ein ganz normales Wohnhaus mit ganz normalen Baustoffen". Alle Zimmer haben selbstverständlich runde Außenwände.


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