Landschaftsschutz statt Betonburg

Ursprünglichkeit: Natur pur auf dem Borner Holm. Sigrid und Jan Keler genießen den freien Blick. Stephan Bliemel
Ursprünglichkeit: Natur pur auf dem Borner Holm. Sigrid und Jan Keler genießen den freien Blick. Stephan Bliemel

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11. September 2012, 08:34 Uhr

Ribnitz-Damgarten | Sigrid Keler könnte es sich unter ihrem Apfelbaum bequem machen, die Beine hochlegen und die Singvögel beobachten, die sich ohne Scheu im kleinen Vogelbad im Garten der Kelers in Born am Darß erfrischen. Doch dazu ist die inzwischen 70-jährige ehemalige Finanzministerin zu sehr Politikerin, als dass ihr die öffentlichen Angelegenheiten in ihrem Wirkungskreis egal wären. Und so sieht man Sigrid Keler in diesen Tagen nicht nur bei Hansa Rostock oder bei wichtigen Kulturveranstaltungen unserer Region, sondern gemeinsam mit ihrem Mann und Gleichgesinnten auch an einem Informationsstand vor der Kaufhalle in Born - Flugblätter verteilend.

Die Gemeinde Born liegt an der Südküste der Halbinsel Darß unmittelbar am Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Zwischen den Boddengewässern im Süden und dem Darßer Urwald mit den postkartenbekannten Windflüchtern im Norden breitet sich das Örtchen in einem für den Fremden schwer durchschaubaren Gewirr von Straßen und Sandwegen aus. Während auf den Promenaden der Küstenorte sich die Sommergäste auf die Füße treten, ist Born bis heute ein Rückzugsort für die Ruhesuchenden unter den Sommerfrischlern geblieben. Derzeit spaltete jedoch ein Vorhaben die Einwohnerschaft des idyllischen Ortes.

Ende des vergangenen Jahres hat eine Mehrheit der Borner Gemeindevertreter den Beschluss gefasst, die Bebauung einer 16 Hektar großen Fläche am südwestlichen Dorfrand auf dem Holm vorzubereiten. Der Borner Holm ist eine unbebaute Wiesen- und Ackerfläche, die als Landspitze in den Saaler Bodden ragt und unter Landschaftsschutz steht. Wer dort regelmäßig spazieren geht, hat den Blick über die leichte Erhebung lieben gelernt, die von einer mächtigen Baumgruppe gekrönt wird. Mit jedem Schritt dorthin entfaltet sich das Landschaftsbild. Sanft fällt bald die Wiese ab, bis sie in den Schilfgürtel des Boddens übergeht. Anders als so manche platte Wiese neben einer Bundesstraße ist dies eine Landschaft, also eine gewachsene Einheit aus natürlicher Ursprünglichkeit und kultureller Formung. Hier sollen nun nach dem Willen der Befürworter einer Bebauung ein Hotel, zahlreiche Ferien- und Eigentumswohnungen sowie Sport- und Freizeitflächen entstehen. Während die Befürworter mit rund 80 Häusern rechnen, befürchten die Gegner den Bau von bis zu 200 neuen Gebäuden. Die Argumente der beiden Lager sind inzwischen ausgetauscht: Der Bürgermeister von Born mit seiner Mehrheit der Gemeindevertreter möchte den Ort touristisch weiter entwickeln, Arbeitsplätze schaffen und vor allem die Kredite zurückzahlen, die vor vielen Jahren entstanden sind, als die Gemeinde einige Flächen auf dem Holm aufgekauft hatte.

Die Gegner der Bebauung haben sich inzwischen zur Bürgerinitiative "Borner Holm" zusammengeschlossen. Sie verweisen auf diverse ruinöse Gebäude im Innenbereich des Ortes, die genug Möglichkeiten bieten, um Beherbergung und touristische Infrastruktur auszubauen. Weiterhin befürchten sie einen neuen Ortsteil vom Reißbrett, der die natürlich gewachsene Form des Ortes mit einem Schlag verändern würde. Born brauche nicht noch mehr Betten, sondern freie Lebensräume, Ausblicke auf die Natur und eine Entwicklung innerhalb des Ortes.

Die Bürgerinitiative hat sich inzwischen auch an die Regierungsfraktionen und an verschiedene Landesministerien in Schwerin gewandt. Bislang jedoch ohne Antwort. Dabei geht es hier nicht nur um eine alltägliche kommunale Auseinandersetzung, sondern um eine Grundsatzfrage, die für die gesamte Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns von Bedeutung ist. Denn die Probleme sind überall die gleichen: Die Grundstücks- und Immobilienpreise explodieren, sodass viele Einheimische Haus, Hof und Landbesitz verkaufen. Die Kommunen freuen sich bisher über Ansiedlungen, Investitionen und wachsende Touristenzahlen. Aber die andere Seite der Medaille wird langsam sichtbar: Viele Ostseebäder wirken inzwischen totsaniert, sie haben ihren Charme vielfach verloren. Die Verkehrslage ist in den Sommermonaten unerträglich. Die Strände in den größeren Küstenorten sind völlig überfüllt, die Promenaden gleichen hektischen Großstadtboulevards. Riesige Hotelbauten konnten zwar weitgehend vermieden werden, dafür nehmen großräumig geplante Ferienhaussiedlungen immer mehr Flächen ein - und das zunehmend in sensiblen Außenbereichen. Auch wenn manche Bauherren versuchen, durch Verwendung ortstypischer Bauweisen die Häuser in die Siedlungsstruktur einzupassen, wirkt so mancher Ortsteil durch die schematische Bauweise und die einfallslose Umgebungsgestaltung wie ein Vorposten von Disneyland.

Für Sigrid Keler ist klar: Diese Probleme können nicht vor Ort in den Gemeinden gelöst werden. Hier ist die Verlockung des schnellen Geldes häufig zu groß. Um die Kulturlandschaft der Ostseeküste zu bewahren, braucht es eine gebündelte Anstrengung der Landespolitik. Wer gegen die "Sonnenländer" des Südens konkurrieren will, muss rechtzeitig dafür sorgen, dass es nicht zu Fehlentwicklungen wie in Schleswig-Holstein kommt, die Mecklenburg-Vorpommern vor 20 Jahren die Urlauber gebracht haben. (Artikel aus der aktuellen Ausgabe "Meer" des Magazins "horizonte". Infos unter www.horizonte-magazin.de)

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