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Kurze Wege für kurze Beine

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erstellt am 22.Nov.2011 | 11:50 Uhr

ueckermünde | Heute sollen das große und das kleine E in das Buchstabenhaus einziehen. Doch bevor es so weit ist, müssen die Mädchen und Jungen der 1. Klasse der Kleinen Grundschule auf dem Lande Leopoldshagen (Landkreis Vorpommern-Greifswald) ihrer Lehrerin Heike Breßler beweisen, dass sie den Buchstaben wirklich kennen. Felix weiß ein Wort, in dem das E am Anfang steht: Ente. Renee kennt eines, in dem der Buchstabe mehrmals vorkommt: Elefant. Und wer findet das Wort mit den meisten E? Da herrscht erst einmal Ruhe. "Edelstein?", wagt sich Brian schließlich vor. "Richtig", meint die Klassenlehrerin, die für eine kurze Erklärung schon mal auf das "ei" vorgreift.

Bei den anschließenden Schreibübungen kann sich jedes Kind an der Tafel beweisen - kein Problem, denn die Klasse besteht nur aus acht Jungen und vier Mädchen. Weil das für die reguläre Eingangsklasse einer Grundschule zu wenige Kinder sind, wird in Leopoldshagen jahrgangsübergreifend unterrichtet. "In die Kombiklasse 1/2 gehen 25 Mädchen und Jungen, in die 3/4 je elf aus jeder Jahrgangsstufe", erläutert die amtierende Schulleiterin Sibylle Ihlenfeldt. Sie selbst unterrichtet seit 1976 an der Schule, die damals noch eine POS war, in der es bis zur zehnten Klasse fast in jedem Jahrgang zwei Parallelklassen gab. Obwohl der Einzugsbereich der Schule seitdem unverändert aus den drei Gemeinden Leopoldshagen, Mönkebude und Grambin besteht, sind die Schülerzahlen schon seit Jahren so niedrig, dass jahrgangsübergreifend unterrichtet werden muss.

Dass die Schule 2001 nicht geschlossen wurde, sondern seitdem als Kleine Grundschule geführt wird, hatte aus Sicht der beteiligten Gemeinden "ganz egoistische Gründe", meint Werner Hackbarth, der Bürgermeister von Leopoldshagen. "Wenn man noch mal jemanden aufs Land locken will, dann muss man eine ansprechende Infrastruktur vorhalten. Kita und Schule gehören einfach dazu." Der Kampf um den Fortbestand der Schule sei damals bis zum Kreistag hin ausgefochten worden.

Werner Hackbarth spricht von der Schule im Dorf als einem "Kleinod am Waldessaum". Mitten in der Natur gelegen, ohne Abgase und Autoverkehr, der für die Kleinen gefährlich werden könnte, gebe es in Leopoldshagen einfach sehr gute Bedingungen zum Lernen. Diese und die "kurzen Wege für kurze Beine" würden auch aufwiegen, dass das Mobiliar nicht das neueste ist und die Turnhalle dringend saniert werden müsste. Immerhin: Im vergangenen Jahr wurde ein Satz Laptops angeschafft, und aus Mitteln des Konjunkturpakets konnten Elektroanlagen und Heizung modernisiert werden. Als Nächstes steht die Modernisierung der Turnhalle an - "dabei hoffen wir als Schulträger auf die Unterstützung unserer Nachbargemeinden", so Hackbarth.

Nur drei Lehrerinnen bilden das "Kollegium" der Kleinen Grundschule mit ihren 47 Schülern. Dazu kommen stundenweise eine Englischlehrerin aus Ueckermünde und eine Religionslehrerin aus Neubrandenburg. Daraus einen Stundenplan zu stricken, ist eine Wissenschaft für sich. "Die Stundenzuweisung erfolgt ja schülerbezogen", erklärt Sibylle Ihlenfeldt. Daran, dass eine Kollegin einmal länger ausfallen könnte, mag sie nicht denken. Einige wenige Fehltage einer Lehrerin ließen sich dagegen mit dem jahrgangsübergreifenden Unterricht sehr gut ausgleichen. Und dann gäbe es ja auch noch die Eltern, unter denen sich immer jemand fände, der mit einem Projekttag oder Ähnlichem in die Bresche springen würde.

"Stirbt die Schule, stirbt das Dorf", meint auch Sibylle Ihlenfeldt. Doch sie kennt durchaus auch die Vorurteile, die gegen ihre Schule existieren. "Viele Ältere fühlen sich an das Pantoffelgymnasium erinnert, in dem früher auf dem Land alle Schulkinder in einem Raum unterrichtet wurden. Aber damit hat unsere Kleine Grundschule überhaupt nichts gemein", betont sie. Denn hier hat nicht nur jede Klasse, sondern auch jede Jahrgangsstufe einen eigenen Klassenraum. Und der möglicherweise größte Pluspunkt der Kleinen Grundschule ist, dass in Deutsch und Mathematik die Kinder jeder Jahrgangsstufe separat unterrichtet werden. Die Lehrerinnen haben so viel mehr Zeit, um auf Stärken und Schwächen aller Kinder einzugehen.

So wird vielen Schülern der Weg aufs Gymnasium gebahnt. "Aus unserer letzten 4. Klasse, die inzwischen alt genug ist, haben das 5 von 14 Kindern geschafft", weiß die Schulleiterin. "Mehr als ein Drittel, das ist doch gut, oder?"

Auch an der Regionalen Schule haben die Kinder aus Leopoldshagen einen guten Stand. "Wir haben da durch unsere Englischlehrerin, die für sieben Stunden hierherkommt und ansonsten in Ueckermünde unterrichtet, eine gute Rückkopplung", betont Sibylle Ihlenfeldt. "An größeren Schulen heißt es ja sonst schnell mal, wir würden die Kinder hier vertüdeln."

Bei aller Anerkennung sehen die Lehrerinnen an der Kleinen Grundschule aber auch die Probleme. "Die Arbeit des Lehrers ist anstrengender", betont Sibylle Ihlenfeldt. "Schließlich müssen wir - zumindest in den Fächern, in denen jahrgangsübergreifend unterrichtet wird - zwei Vorbereitungen für eine Stunde machen."

Für Karola Werner, die in der Klasse 3/4 Sachkunde gibt, heißt das zum Beispiel, aus den Stoffverteilungsplänen beider Jahrgänge solche Themen auszuwählen, die möglichst miteinander korres pondieren. Während also die elf Viertklässler in der Fensterreihe sich mit dem "Lebensraum Wald" beschäftigen, lernen die elf Drittklässler auf der anderen Seite des Klassenraumes ein Waldtier kennen: das Eichhörnchen.

Von den Kindern wird dabei sehr viel Disziplin erwartet - denn jeweils eine Hälfte der Klasse muss sich still beschäftigen. So wiederholen die Viertklässler zuerst die "Stockwerke des Waldes", dann bekommen sie Arbeitsblätter. Karola Werner kontrolliert nun die Hausaufgaben der Jüngeren. Während sie nacheinander ihre Antworten auf Fragen zum Eichhörnchen vorlesen, bleibt es auf der anderen Seite des Raumes weitgehend ruhig.

"Im jahrgangsübergreifenden Unterricht müssen die Kinder lernen zu warten, bis die jeweils andere Gruppe fertig ist", erklärt Sibylle Ihlenfeldt. Je nach Unterrichtsgestaltung sei es aber auch möglich, die Älteren den Jüngeren helfen zu lassen. So werden ganz nebenbei Sozialkompetenzen vermittelt, an denen es Kindern in großen "Schulbetrieben" nicht selten mangelt.

In der Kleinen Grundschule fehlt dafür der Vergleich mit Gleichaltrigen. "Ich kann mich nicht an einer Parallelklasse orientieren, ob meine Schüler weiter oder hinter ihnen zurückgeblieben sind", bedauert Heike Breßler. Doch auch für sie überwiegen die Vorteile: "Ich habe jeden im Blick und weiß sehr schnell, wer besser und wer schlechter klarkommt. Dabei bleibt aber auch die Zeit zu helfen, wenn jemand den Füller nicht richtig anfasst."

2012, das steht bereits fest, wird es in Leopoldshagen wieder eine separate erste Klasse geben. "Schon jetzt haben wir 18 Anmeldungen", freut sich die Schulleiterin. Auch für die nächsten Jahre sind die Aussichten nicht schlecht: Die gemeinsame Kita der drei Schulträger-Gemeinden im Nachbarort Mönkebude ist momentan nicht nur bis auf den letzten Platz ausgelastet, es gibt sogar eine Warteliste. Kurze Wege für kurze Beine scheinen am Haff also auch künftig möglich zu sein.

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