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Neue Aktenfunde zeigen Erstaunliches : Kosten für KdF-Bad Prora liefen aus dem Ruder

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Die mächtige Fassade zieht sich als endlos scheinendes graues Band am Strand der Insel Rügen entlang. Prora - als glanzvoller Prestigebau des NS-Regimes geplant - rottet seit Jahren vor sich hin.

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erstellt am 25.Apr.2011 | 08:19 Uhr

Rügen | Die mächtige Fassade zieht sich als endlos scheinendes graues Band am Meer entlang. Die erdrückende Monotonie der sechsstöckigen Gebäudefront am Strand der Insel Rügen macht den Menschen noch heute klein: Prora - als glanzvoller Prestigebau des NS-Regimes geplant - rottet trotz mehrerer Revitalisierungsversuche vor sich hin. Als "Seebad der Zwanzigtausend" sollte das "Kraft durch Freude"-Bad auf der Insel Rügen alle bis dahin bekannten Dimensionen von Tourismus sprengen. Dabei liefen den Nazis die Kosten hoffnungslos aus dem Ruder.

Im Landesarchiv Greifswald verwahrte Original-Akten aus der Bauzeit des KdF-Seebades zeigen die Gigantomanie, mit der die nationalsozialistische Einheitsorganisation "Deutsche Arbeitsfront" (DAF) den fünf Kilometer langen Komplex plante. Neben einer umfangreichen "Kostenzusammenstellung zum Neubau des KDF-Seebades Rügen" umfasst das Konvolut Baugenehmigungen zur Errichtung von Arbeiterlagern sowie Bauunterlagen für Umspannstationen und Trinkwassersysteme. "Diese Unterlagen sind eine wertvolle Ergänzung der Baugeschichte des Seebades, umso mehr, da die eigentlichen Baupläne für den NS-Bau bis heute als verschollen gelten", erklärt der Prora-Forscher und Leiter des Dokumentationszentrums Prora, Jürgen Rostock.

Penibel sind in einem 62-seitigen Dokument der KdF-Baudirektion vom 29. Oktober 1938 die einzelnen Posten für den Vorzeige-Bau aufgelistet. Danach betrugen die erwarteten Gesamtkosten 237,5 Millionen Reichsmark, was einem heutigen Wert von rund 800 Millionen bis knapp einer Milliarde Euro entspricht. Mit dieser Summe wird der vom DAF-Führer Robert Ley vorgegebene Kostenrahmen um das Sechsfache überschritten. Noch im Februar 1936 hatte Ley die Architekten auf einer Sitzung ermahnt: "Als Grenze für die Bausumme möchte ich 40 Millionen nennen." Die Kostenexplosion wurde offenbar unter Verschluss gehalten. "Man wollte den Eindruck vermeiden, dass hier eine riesige Verschwendung betrieben wird von Mitteln, die nach dem Verständnis des Regimes besser zur militärischen Aufrüstung verwendet werden sollten." Leys Vorhaben - immerhin waren neben Prora vier weitere KdF-Bäder geplant - standen bei NSDAP-Ideologe Alfred Rosenberg wegen ihrer Kosten in der Kritik, wie Rostock berichtet.

Bei einer Massenveranstaltung am 2. Mai 1936 ließ DAF-Führer Robert Ley in der Prorer Wiek zwischen Binz und Sassnitz den Grundstein für das Mega-Feriendomizil legen. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen in den Wintermonaten 1936/1937. Die Anlage, die heute - 75 Jahre nach der Grundsteinlegung - weitgehend erhalten ist, sollte neben anderen KdF-Projekten wie den Passagierschiffen "Robert Ley" und "Wilhelm Gustloff" dazu dienen, die Bevölkerung im gemeinsamen Erlebnis der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" gleichzuschalten. In Prora sollten sie für eine Tagespauschale von zwei Reichsmark bei einem einwöchigen Ostseeurlaub auf Systemtreue getrimmt werden. "Leys Ziel war es, in den Seebädern jährlich 14 Millionen Menschen für eine Woche unterzubringen", sagt Rostock. Die Rügener Akten aus der Zeit des Dritten Reichs kamen vermutlich wie die Akten aus den anderen Kreisverwaltungen im Osten Mecklenburg-Vorpommerns bereits in den 1960-er Jahren in das Landesarchiv - blieben aber unbeachtet liegen.

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