Knobeln nach der Schrecksekunde

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27. Februar 2010, 08:32 Uhr

Schwerin | Sekundenlang scannen Tim Völzers Augen das Blatt mit dem Logo "Mathematik-Olympiade". Seine Finger krümmen sich zu einer Faust, der Taschenrechner liegt noch unangetastet neben ihm. Vielleicht geht dem 10.-Klässler aus Schwerin gerade das Gleiche durch den Kopf wie bei der Landesrunde der 48. Mathe-Olympiade im vergangenen Jahr: "Oh..."

Die Schrecksekunde am Anfang, wenn man sieht, dass einen die Lösungen nicht "sofort angucken", wie Tim Völzer es nennt. Der 15-Jährige und rund 400 weitere Mathetalente aus ganz MV brüteten gestern und heute mehrere Stunden lang über Matheaufgaben, die eine Kommission mit Professoren aus MV ausgewählt hatte - für Schüler in ganz Deutschland. An ihrer Schule und auf Stadt- oder Kreisebene waren Tim und die anderen Dritt-bis 13.-Klässler die Besten. Jetzt können zehn von ihnen den Sprung zur Bundesrunde im Mai schaffen.

Die Mathemathik-Olympiade ist der älteste deutsche Schülerwettbewerb, hatte Landesfinanzministerin Heike Polzin vorhin bei der Eröffnung im AOK-Gebäude in Schwerin gesagt. Im "Besprechungsraum" 080, in dem über 100 der diesjährigen Teilnehmer nun dicht an dicht sitzen, entstehen inzwischen die ersten Dreiecke und Zahlenreihen auf den Papieren. Ein paar hundert Meter entfernt davon sitzt Mathelehrer Georg-Christian Riedel vom Schweriner Goethegymnasium mit zehn Kollegen anderer Schulen und einem Referenten aus dem Bildungsministerium am Kaffeetisch.

Krisenstimmung. "Wir sind im Abwärtstrend, und dieser Trend ist noch nicht gestoppt", sagt Riedel, der die Olympiade im Schulamtsbezirk Schwerin organisiert. Während MV früher 12, 13 Schüler in die Bundesrunde habe schicken dürfen - "weil wir im Vorjahr so erfolgreich waren" - seien es diesmal wieder nur zehn. Für Riedel ein Signal dafür, dass es an breit angelegter Besten-Förderung fehlt. Dabei sei die Olympiade ein Produkt aus Mecklenburg-Vorpommern, "alle wichtigen Köpfe sitzen hier im Land".

Mehrere Mathematikprofessoren der Unis Rostock und Wismar gehören zum Verein Mathematik-Olympiade, der den bundesweiten Wettbewerb auch in diesem Jahr ausrichtet. Professor Konrad Engel von der Rostocker Hochschule etwa, Schatzmeister im Verein, hat die Aufgaben für die 49. Landesrunde mit ausgesucht. Die Olympiade sieht er nicht nur als Ansporn für die Schüler, sondern auch als eine Möglichkeit, Talente zu erkennen, zu fördern und für ein Mathestudium zu begeistern. Gut ausgebildete Mathematiker, betont Engel, seien für Deutschlands Zukunft nämlich zentral. "Wenn wir in der Hochtechnologie mithalten wollen, geht es nicht ohne sie."

Tim Völzer wird bei der Siegerehrung heute Nachmittag vielleicht erfahren, dass er im Mai zur Bundesrunde der Olympiade nach Göttingen fahren darf - so wie in den vergangenen beiden Jahren. Vielleicht wird es dort nicht für eine Auszeichnung reichnen. "Da machen Leute mit, die noch viel mehr gefördert werden als wir hier", sagt er. Tim Völzer besucht Mathe-Sommercamps und Wochenendeseminare des Vereins RO e.V, der in MV Talente wie ihn fördert. "Aber bei der Bundesrunde gibts Leute, die jedes Wochenende Kurse besuchen oder in AGs lernen", sagt Tim. Aufgeben will der 15-Jährige trotzdem nicht. "Weiterkommen", lautete gestern bei der Landesrunde sein Ziel.

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