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Kinderbetreuung zwischen Laub und Mücken

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erstellt am 01.Sep.2010 | 12:10 Uhr

Gadebusch | Wenn der kleine Simon von Mama in seine Kindertagesstätte gebracht wird, hat er einen prall gefüllten Rucksack dabei. Darin ist nicht nur eine Brotbüchse mit allerhand Leckereien - wie man sie auch in den Taschen vieler anderer Sprösslinge finden würde. In Simons Beutel müssen täglich auch ein kleines Handtuch, eine bruchsichere Trinkflasche, ein Sitzkissen sowie Wechselkleidung griffbereit sein. Denn die Kita des Dreijährigen befindet sich nicht nur im Wald. Sie ist der Wald - im Sommer und im Winter.

Ein unscheinbarer Forstweg, der von der Kreisstraße zwischen Groß Moltzahn und Dechow mitten ins Lankower Holz im Naturpark Schaalsee führt, stellt jeden Morgen um 8 Uhr den Treffpunkt für die 15 Knirpse des Waldkindergartens dar. Ein Haus gibt es nicht, nur unzählig viele Laubbäume und Mücken, ein paar Sträucher, Pilze, Nacktschnecken und eine kleine Lichtung. Simon hat keine Schwierigkeiten, seine Mama, wegfahren zu sehen. Auch sie weiß ihren Sohn bestens aufgehoben in der Obhut der beiden Erzieherinnen Kerstin Houdelet und Grit Werner - in der Obhut des 80 000 Quadratmeter großen Waldstücks.

Singen und klatschen zur Begrüßung

Als endlich alle Kinder eingetrudelt sind, klingelt ein Glöckchen. Der obligatorische Morgenkreis wird einberufen. "Wir wollen uns begrüßen und machen das so. Hallo. Hallo", stimmt die Kita-Leiterin Kerstin Houdelet ein Lied an. Die kleinen Racker singen mit, wo sie können, klatschen, wo sie müssen und stellen einige Textpassagen pantomimisch nach. Anschließend darf die dreijährige Julia durchzählen. Sie kommt an diesem Tag auf zehn Kinder. "Wie viele waren wir gestern. Wie viel mehr sind das? Und wer fehlt heute", fragt Houdelet und schult damit sowohl das Zahlenverständnis als auch das Erinnerungsvermögen der Knirpse.

Spannend wird es erst mit der nächsten Frage. Wo soll es heute hingehen? Gemeinsam mit den Kindern haben die beiden Erzieherinnen Plätze im Wald ausfindig gemacht, denen sie Namen gegeben haben. Die Schlucht, der Steinplatz, der ausgetrocknete Tümpel oder der Märchenwald sind nur einige wenige Beispiele. Heute stimmen fünf - und damit die Mehrheit - der Sprösslinge für die Wendeschleife. Demokratie auch schon im Kindergarten. "Nur wenn das Wetter wirklich schlecht ist, schlagen wir den Kindern bestimmte Plätze vor, die sich zum Beispiel bei Regen ganz gut eignen, weil die Bäume dichter stehen oder wo es windgeschützt ist", sagt Grit Werner. Nur zweimal in der gut zweijährigen Geschichte der Waldkita bei Dechow sei die Witterung so schlecht gewesen, dass sie gar nichts draußen machen konnten.

Für solche Fälle steht ein kleiner, gelber Bauwagen unweit der Lichtung bereit, der auch beheizbar ist. Hier werden auch die Spielsachen, ein Bollerwagen und Werkzeuge verstaut, die die Mädchen und Jungen täglich mit auf ihre Touren nehmen. Auch ein Kompostklo gibt es dort. Doch in der Regel dient die Natur selbst zur Verrichtung der Notdurft. "Allerdings haben wir spezielle ,Pullerplätze, damit wir die Spuren der Tiere nicht verfälschen", erklärt Kerstin Houdelet. Wird das Geschäft mal größer, dient eine kleine Schaufel der Spurenbeseitigung.

Simon muss sich auch nochmal schnell erleichtern. Dann beginnt der etwa zwei Kilometer lange Fußmarsch zum Ausflugsziel. Angst, dass sich die Kinder mal zu weit von der Gruppe entfernen und sich verlaufen, haben die beiden Frauen nicht. "Die wissen schon, wie weit sie gehen dürfen", sagt Grit Werner. Unterwegs dämpft der lockere, moosige Waldboden jeden Schritt. Hin und wieder knacken die Äste.

Simon und seine Freunde sind nicht zu bremsen. Tamino sammelt Feuerholz. John, Lasse und Joschi rennen ständig voraus und entdecken kleine Insekten. Julia findet Pilze, die sie beschnuppert. Sie entdecken mit offenen Augen die Natur. In den Mund steckt sich niemand etwas. "Das ist eine unserer Regeln", erklärt Kerstin Houdelet. "Keine Früchte, Beeren oder Pilze essen." Zeit treibt die kleine Gruppe nicht. Wo die Kinder zwischendurch gucken wollen, dürfen sie. Das sei das Schöne im Vergleich zu einem Regelkindergarten. Man habe Zeit für alles.

Regenhose ermöglicht tolle Erfahrungen

Gegen halb 10 ist die Wendeschleife erreicht. Kerstin Houdelet breitet die Decke aus, einige Kinder schnappen sich den Ball, um zu kicken. Andere klettern auf Bäume und wieder andere schlüpfen in ihre Regenhose, um gemeinsam mit Grit Werner runter zu einem kleinen Tümpel zu gehen. Ein großer, bemooster, teils rindenloser Baumstamm liegt wie eine Brücke da rüber. Das weckt die Neugier. Ein Verbot, drüberzuklettern, wird nicht ausgesprochen. Vielmehr ermuntert Werner die Kleinen, sich auszuprobieren. "Was soll schon passieren. Im schlimmsten Fall werden die Schuhe nass und dreckig. Und wenn sie es schaffen, haben sie eine tolle Erfahrung gemacht", sagt die 40-Jährige. Der sechsjährige Florian ist der erste Mutige, der sich traut. Vorsichtig krabbelt er auf den Stamm, testet aus, wie wackelig und rutschig die Angelegenheit für ihn werden könnte. Auch wie fest der Modder unter dem Stumpf ist, wird studiert. Alles scheint sicher, also los. Florian schafft es und winkt stolz von der anderen Seite herüber.

Wenig später kommt Tamino und ruft alle zum Frühstück zusammen. Die Knirpse haben zwar schon zu Hause gegessen, doch jeder bringt sich eine zweite Mahlzeit - bestehend aus ein paar belegten Broten, Obst oder Gemüse - mit in den Wald. Auch hier wird Hygiene nicht vernachlässigt. Unter einem mitgebrachten Wassertank waschen sich die Mädchen und Jungen ihre schmutzigen Hände. Als alle auf ihrem Sitzkissen Platz genommen haben, wird wieder ein Lied angestimmt: "Zwei kleine Wölfe gehen des Nachts im Dunkeln..." Erneut klatschen und pfeifen die Kinder mit. Und dann wandert eine Leckerei nach der anderen in die Münder der Kleinen. Zwischendurch wird erzählt, während die Vögel fröhlich ihre Melodien trällern.

Die entspannte Atmosphäre wird erst unterbrochen, als Simon und seine Freunde satt sind. Nur noch eine Stunde Zeit zum Spielen. Die will sinnvoll genutzt sein. Joschi schnappt sich ein paar Bücher aus dem mitgebrachten Bollerwagen. Antonia macht Musik auf einem kammähnlichen Gerät. Florian und Anton schnitzen kleine Zweige zurecht. Es gibt niemanden, der nicht weiß, was er tun soll. "Wir lesen den Kindern oft auch Geschichten vor oder malen. Das kommt bei uns nicht zu kurz", sagt Grit Werner. Genau wie alle anderen Kindergärten müssen sie sich an Rahmenpläne halten.

Regen stört die Kleinen überhaupt nicht

Kurz nach 13 Uhr ist der Tag im Lankower Holz schon zu Ende. Auf dem Rückweg fallen ein paar Regentropfen durchs Geäst. "Das ist mir egal. Ich bin gern im Wald. Im Sommer und im Winter", sagt der dreijährige Simon, zupft ein Blatt von einem Strauch und riecht daran. Auch seine Mutter weiß, dass diese Art von Tagesbetreuung genau das Richtige für ihren Sohn ist. "Er kann hier mit allem spielen, was er sieht. Das regt seine Fantasie an. Er kann verschiedene Wetter erleben und ist seltener krank", erzählt sie. Der kleine Racker freut sich, seine Mama wiederzusehen und springt in ihre Arme. Eine kleine Träne kullert dabei über seine Wangen. Nun muss er wieder bis morgen warten, um seine Freunde wiederzusehen. Und um endlich wieder zurück in den Wald gehen zu können.

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