Aschermittwoch : Keine Merkel in Demmin

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Nicht nur die Christdemokraten mussten am politischen Aschermittwoch auf ihre Parteichefin verzichten / Bei der SPD vertrat Schulz Gabriel

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05. März 2014, 21:17 Uhr

Keine Merkel in Demmin, stattdessen Rehberg aus Berlin: Der Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg (CDU) musste gestern Abend kurzfristig als Büttenredner einspringen, nachdem das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin die Teilnahme Merkels am 19. Politischen Aschermittwoche der CDU in Demmin abgesagt hatte. Der Ukraine wegen. Die Vorbereitungen des EU-Sondergipfels nehmen die CDU-Vorsitzende völlig in Anspruch. Und das ist gar nicht spaßig.

Das zweite Mal in 19 Jahren kommt Merkel nicht. Und auch Rehberg ist die dritte Wahl. Vincent Kokert, Fraktionsvorsitzender der CDU im Schweriner Landtag, hat als Vertretungs-Narr für Merkels Büttenrede abgewinkt. Ein wirklicher Ersatz für die Rednerin Merkel sei schwierig, so Kokert: „Wer soll schon die Kanzlerin der Bundesrepublik vertreten?“

SPD: „Schweißfüße - Brüssel“ – Schulz’ flammender Appell

Ganz ohne polemisches Haudrauf kommt EU-Parlamentspräsident Martin Schulz bei der SPD in Vilshofen aus. Und doch wird Schulz von den mehr als 2000 Besuchern im Bierzelt bejubelt und gefeiert wie keiner seiner Vorredner – für einen  leidenschaftlichen Appell für Europa. Wenn Menschen zu ihm sagten, die Kriegsgefahr auf dem Kontinent sei gebannt, denn es gebe ja die EU, dann antworte er: „Ja, weil wir die EU haben, ist diese Kriegsgefahr ausgeschlossen. Deshalb kämpfen wir doch darum, dieses Projekt zu verteidigen, zu bewahren, es besser zu machen.“ Was passiere, wenn Machthaber nicht in solche Strukturen eingebunden seien, sehe man gerade auf der Krim, betont Schulz.

Doch auch er schlägt kritische Töne an. „Europa muss nicht jedes und alles machen“, sagt der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für die Europawahl. „Wir brauchen keine Verordnung über Olivenölkännchen in Restaurants.“ Und schuld hat die EU auch nicht an allem, auch wenn viele das so sehen. Schulz: „Scheint die Sonne nicht - Brüssel. Schweißfüße - Brüssel.“ 

Die Grünen: Atommüllberge und Wildsäue – Grüne widmen sich ihren Kernthemen

Die Grünen widmen sich ihren Kernthemen. Von der Energiewende bis hin zur Verkehrspolitik watscht Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Seehofer ab. Atom- und Kohlekraftwerke müssten vom Netz. Derzeit entstehe radioaktiver Müll für eine Million Jahre, aber nirgendwo auf der Welt gebe es ein brauchbares Endlager für den Atommüll. „Was ist das für eine unglaubliche Anmaßung, was ist das für eine Frechheit.“   Parteichef Cem Özdemir wettert in Köln gegen die große Koalition. „Wer dachte, dass die Wildsäue und Gurkentruppen vom Aussterben bedroht sind, wird eines Besseren belehrt in diesen Tagen.“

AFD: „Niemand im Bundestag interessiert sich für unsere Kinder – außer Herrn Edathy“

Beim ersten politischen Aschermittwoch der Alternative für Deutschland (AfD) legte deren Vorsitzender  Bernd Lucke recht harmlos los – und griff dann verbal völlig daneben. Im niederbayerischen Osterhofen kritisierte er vor etwa 800 Anhängern, Seehofer habe alle Euro-Rettungsschirme abgesegnet, obwohl er zuvor stets dagegen gewesen sei. „Nichts ist an der CSU so charakteristisch wie ihre Charakterlosigkeit.“ Die Euro-Rettungspolitik sei ein „totaler Fehlschlag“ gewesen.  Lucke rügte zudem den Schuldenberg Deutschlands, den „unsere Kinder und Enkel“ abtragen müssten. Dann polterte er: „Man hat das Gefühl, dass sich niemand im Bundestag für unsere Kinder interessiert – außer Herrn Edathy“, fügte der fünffache Vater an. Vielen AfD-Anhängern verschlug es an dieser Stelle die Sprache.

Die Linke: Bildungssystem aus der Postkutschenzeit: Gysis Wunschliste für Schüler und Frauen

 Die Linke fordert ein einheitliches Bildungssystem für ganz Deutschland. „16 verschiedene Bildungssysteme in 16 Bundesländern – das gehört ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Postkutschen“, sagt der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, in Passau, wo rund 400 Gäste auf einem Ausflugsschiff lauschen. In seiner Rede verlangt Gysi gleichen Lohn für Frauen und Männer bei gleichwertiger Arbeit. Vor allem weiblich besetzte Berufe würden schlecht bezahlt, sagt der Fraktionschef mit Blick auf den Internationalen Frauentag am Sonnabend. Dies müsse sich ändern. „Wenn Krippenstellen besser bezahlt würden, was glaubt ihr, wie schnell Männer ihre Liebe für das Wickeln entdecken“, ruft er den 400 Zuhörern zu. Zur CSU-Parole gegen die so genannte Armutszuwanderung – „Wer betrügt, der fliegt“ – meint Gysi in seiner gut einstündigen

 Rede: „Soll dann der halbe Bundestag gehen?“

FDP: „Fleisch gewordenes Nichts“: Kubicki gibt sich kulinarisch

Vor einem Jahr war die FDP kämpferisch, mit Brüderle im Wahlkampf. Ein Jahr später heißt das Motto: Mut machen, Fehler einräumen und auf Wolfgang Kubicki setzen. Über die CSU-Kampagne gegen Armutszuwanderung sagt der FDP-Vize in Dingolfing: „Wer betrügt, der fliegt – wie bescheuert ist das denn! Dann bräuchten sie ja zum Beispiel einen neuen Generalsekretär.“ Damit spielte er auf CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer an, der in Prag einen „kleinen Doktortitel“ erworben hatte. Kubicki attackiert die Große Koalition und besonders SPD-Chef Sigmar Gabriel, der ein „Fleisch gewordenes Nichts“ sei. Dann knöpfte er sich  mit ähnlicher Rhetorik die europakritische AfD vor. Die Partei sei kein Fleisch vom Fleische der Liberalen – „so schlechtes Fleisch hatten wir nie“.

CSU: „Nein“ bis zur Heiserkeit im schwärzesten Erdteil Europas

 Unter den Klängen des Defiliermarsches betreten Horst Seehofer und seine CSU-Parteikollegen die Dreiländerhalle in Passau. „Bayern ist jetzt wieder der schwärzeste Erdteil Europas“, ruft der CSU-Chef den „goldenen September mit zwei Wahl-Triumphen“ in Erinnerung.   Und sonst heißt es bei der CSU nein: „Nein“ zur Brüsseler Bürokratie, zum Atomstrom, zur Kohle, „Nein“ zur Zuwanderung, „Nein“ zum jetzigen Länderfinanzausgleich. „Mit uns in Bayern nicht“, wiederholt   Seehofer das Leitmotiv seiner Rede so häufig, bis die 4000 Zuhörer es ihm im Sprechchor nachmachen. Seehofer ist längst heiser.  Nur das Nein zur Politik der Bundes-SPD fehlt bei der CSU. Denn die ist in Berlin nun Koalitionspartner. Also wird die EU-Kommission zum Prügelknaben.  Besonders drastisch äußert sich CSU-Vize Peter Gauweiler. Er nennt die Kommission ahnungslos, inkompetent,  eine  „Flaschenmannschaft, die ganz Europa durcheinanderbringt“.

In der Tennishalle in Demmin, in der zwei Jahre zuvor ein Aushilfskellner Merkel ein Tablett Bier über den Blazer kippte, macht die Nachricht von der fehlenden Vorsitzenden nur allmählich die Runde. Nur wenige kehren bereits auf der Autobahn um. Eigentlich ist alles wie immer, nur ohne Merkel. Ihr Platz zwischen dem Neubrandenburger Oberbürgermeister Paul Krüger (CDU) und dem Landesvorsitzenden Lorenz Caffier bleibt leer. Die Barther Blasmusik spielt böhmische Weisen. Der örtliche CDU-Obernarr, Werner Kuhn, im Hauptberuf Europaabgeordneter, reimt wie jedes Jahr: „Alle zieht es heut hier hin, zum Aschermittwoch nach Demmin.“ Bier fließt in Strömen, und es ist mal wieder „Zeit für deutliche Worte“.

Die fielen allerdings angesichts der Großen Koalition im Bund weit weniger deutlich aus, als noch vor Jahren. „Die Sozis sind jetzt unsere Freunde und daran muss ich mich halten“, sagte Rehberg, der die SPD auch kaum attackierte. Und Werner Kuhn brachte auf den Punkt: „Putin wäre hier wohl so gern gesehn wie Frau Merkel in Athen.“


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