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Jeder Zauber kommt zurück

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erstellt am 28.Okt.2012 | 09:26 Uhr

Nossentiner Hütte | Die Toten hocken im Haselstrauch. Sie schweigen zeitlos und sehen sich eine Lebende an, deren Herz erregt im Rhythmus der Natur schlägt. "Sie kann sehen", sagt einer der Toten. Es ist ein Kind, das niemals alt werden wird, weil es früh gegangen ist. "Sie kann uns nicht sehen", sagt ein alter Mann und streicht seinen Bart. Es sieht aus, als würde der Wind den Haselstrauch durchstreifen, wenn der Bart diese Äste belangt. "Sie fühlt sich glücklich an", sagt die dritte Unsichtbare. Eine Frau und eine Vorfahrin, die liebevoll nickt und verschwindet. Zwei Vergangene sehen Anke Bayler dabei zu, wie sie am gräsernen Jahreskreis steht, wie sie dort atmet, wie sie dort ihre Konzentration gegen ein Nichts austauscht. Der Wind fasst zu. Oben in den Bäumen kräht ein Vogel und verscheucht die Toten.

Auf ihrem Grundstück in Nossentiner Hütte hat die 43-jährige Anke Bayler nicht nur einen Hofladen. Abseits der Landstraße hat sie eine Ecke ihres Grundstückes zu einem Tor gemacht: in eine Vergangenheit, mit nordischen Mythen und heidnischem Glauben verbunden. Ein Tor in eine andere Ebene des Seins. "Ich sage die Anderwelt dazu", erklärt die gebürtige Rostockerin. Für Hexen ist diese Anderwelt allgegenwärtig. Sie durchdringt uns. Sie umgibt uns und sie bestimmt unser Schicksal. Sie ist erfüllt mit unseren Vorfahren, die wir tot nennen. Weil wir selektiv wahrnehmen, können wir sie meistens nicht erkennen, erklärt Anke Bayler. Sie spricht dabei schnell und bewegt sich ruhig um den Jahreskreis am Boden. In der Mitte liegt auf einem großen Findling ein Bergkristall. Ob er geweiht oder nicht geweiht ist, spielt für die Hexe keine Rolle. Er ist mit Sinn erfüllt, "für mich ganz persönlich, darauf kommt es an", sagt sie.

Andauerndes Glück gefunden

Ihr Leben habe sie an den Punkt gebracht, von dem aus sie jetzt über das Hexentum erzählen kann. Sie steht neben ihrem Kreis und deutet auf den Boden. Dort schießt der Weizen aus der Erde, den sie beim Erntedankfest, dem letzten Jahreskreisfest, geopfert hat. "Die allerschönste Art, wie die Natur etwas erzählen kann", sagt sie und die Freude ist in ihren grau-blauen Augen zu finden. Kein kurzes Glück, ein andauerndes hat die 43-Jährige gefunden in den Traditionen.

Sie hat elf Jahre in Berlin gelebt, dort Landschaftsplanung studiert. Insgesamt eine Zeit der Entfremdung, wie sie heute sagt. Denn das Leben und die Natur seien in einem ständigen Fluss, ändern sich ohne Unterbrechung, ohne Stillstand. Nur in Berlin konnte sie diesen Wechsel nicht mehr spüren.

"Jede Jahreszeit fühlte sich wie die andere und dadurch wie überhaupt keine Jahreszeit an", erzählt sie. Wenn ihre Stimme beim Sprechen einen pastoralen Unterton bekommt und sie es merkt, unterbricht sie ihre Erklärungen mit einem dreifachen Lachen, einem lauten, einem echten und einem seitlichen Lachen. Anke Bayler hat zwei Töchter, zehn und zwölf Jahre alt. Ihr Mann arbeitet in Waren an der Müritz als Entwickler und sie arbeitet in der Natur, verkauft die selbst gesammelten Kräuter als Tees, als Marmeladen oder als Kräutersalze. Sie führt Menschen in die Natur auf Kräuterwanderungen. Doch ab November wird sie weder pflücken, noch herumführen.

Eine Tradition kommt nach Hause

"Denn mit Samhain verabschieden wir die Natur, ab diesem Tag braucht sie in ähnlicher Weise Ruhe wie ein Sterbender", erklärt sie. Samhain, ein keltisches Fest, das als Halloween nach Europa zurückgekehrt ist. "Man kann sich über den Kommerz wundern oder ärgern, wenn man will. Aber man kann sich auch darüber freuen, dass diese starke Tradition nach Hause kommt", sagt sie. Für sie sei das Totenfest ein freudiges Fest. Im Hause Bayler wird an diesem Abend der Brunnen geschmückt, weil Wasser als Symbol für den Fluss des Lebens steht. In reger Geschäftigkeit kümmern sich Freunde und Familie zusammen um ein opulentes Festmahl. An die Wände kommen Fotos von Ahnen, von verstorbenen Vorfahren. "Um die geht es schließlich und die sind alle herzlich eingeladen, mit uns zu feiern. Unser Haus ist erfüllt mit Kräuterrauch und Essensgeruch."

Zu den Jahreskreisfesten, auch Hexensabbate genannt, ist die Grenze zwischen überirdischer Welt und materieller Welt besonders dünn. Deshalb feiern die magischen Frauen an diesen Tagen Zeremonien und erledigen Dinge, die noch offen geblieben sind. "Ich hatte nach dem Tod meines Vaters einen schlimm schmerzenden Arm", erinnert sich Anke Bayler. Sie habe ihn in der Anderwelt unter schamanischer Anleitung besucht und sich von ihrem verstorbenen Vater verabschiedet. Ganz oft führen Spannungen mit den Ahnen zu Krankheiten, zu psychosomatischen Belastungen, zu seelischen Schmerzen. Bei der Hexe aus Nossentiner Hütte verschwanden die Schmerzen nach der Astralreise. Der Höhepunkt an Samhain, die Nacht von Mittwoch zu Donnerstag, ist ein Ritual am Medizinrad auf dem Hof. Dabei wird in diesem Jahr eine Spirale aufgebaut, in deren Mitte ein Korb mit Runenstäben steht. Jeder, der Lust dazu hat, kann still durch die Spirale schreiten und sich einen Stab nehmen. "Es ist wie ein Orakel, wie das Bleigießen, das hier sehr verbreitet ist."

Anke Bayler nennt sich nicht Wicca, obwohl sie einen Kurs bei einer Rostocker Hohepriesterin besucht hat. "Ich bin eine frei fliegende Hexe, ohne konfessionelle Bindung", sagt sie, ihr dreifaches Mondlachen ertönt, mit dem sie jeden Zuhörer zum Lächeln bringt. "Ganz persönlich habe ich nämlich meine Problemchen mit Autoritäten, im Berufsleben und auch im Glauben. Eine natürliche Abneigung gegen Dogmen oder feste Regeln, wenn Sie so wollen." All ihre Zauberei muss aus ihr selbst kommen und muss für sie selbst einen Sinn haben. "Sonst wirkt sie nicht", sagt die 43-Jährige. Die Hexerei sei der einheimische Weg glücklich zu werden, sich auszusöhnen mit seinem Selbst und mit seiner Natur. Anke Bayler hat Yoga und vieles andere probiert.

"Dabei blieb die Frage, wieso muss man ans andere Ende der Welt schauen, um seinen Frieden zu finden." Auch Europa hat Traditionen der Meditation und der Entspannung, die Hexerei ist nichts anderes. Gibt es auch schwarze Magie?

Kann eine Hexe jemandem schaden?

Anke Bayler überlegt lange. Sie geht in ihrer Küche hinter den Tresen und denkt weiter nach, während sie einen Tee aus eben gesammelten Kräutern aufgießt. Eine bunte sechsfache Mischung, blumig und gesund. "Ja", sagt sie leise. Sie könne zwar nicht verstehen, wieso jemand das wollen sollte. "Denn das ist eine Grundregel, jeder Zauber, den man wirkt, kommt zu einem zurück", erklärt sie. Ein Gedanke, den es in allen Teilen der Welt gibt. Bei den Aborigines wiegen Träume schwer, weil man mit ihnen die menschliche Wirklichkeit beeinflusst.

Im ZEN macht man sich keine Vorstellung von morgen, weil dies das Morgen verändert. In Europa muss man vorsichtig sein, was man sich wünscht, weil es in Erfüllung gehen könnte. Vielleicht gibt es in einigen Jahrzehnten Hexen- statt Yogaschulen im Norden Deutschlands. Nur ein Gedanke, kein Wunsch oder Traum.

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