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Jammern auf hohem Niveau?

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erstellt am 12.Okt.2012 | 10:18 Uhr

Schwerin | Großes Auto, repräsentatives Haus, teure Reisen - so erleben viele Patienten ihre Ärzte. Eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 63 Stunden, abzuzahlende Kredite für die Praxis, dazu die Verantwortung als Arbeitgeber für ein mehrköpfiges Team und nicht zuletzt allein in den letzten vier Jahren um elf Prozent gestiegene Kosten für den Praxisbetrieb - das ist die Kehrseite der Medaille aus Sicht niedergelassener Mediziner.

Der Honorarstreik für Ärzte ist für viele Außenstehende Jammern auf hohem Niveau. Sicher: Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bleibt einem niedergelassenen Arzt in Deutschland pro Monat unter dem Strich ein durchschnittliches Einkommen von 5500 Euro. Das ist viel, auch im Vergleich zu anderen Akademikern. Aber es gibt auch Berufsgruppen, die - im bundesweiten Durchschnitt - noch mehr verdienen: Notare, bestimmte Anwälte, Zahnärzte…

Fakt ist außerdem auch: Bis sie zum ersten Mal die Chance haben, voll zu verdienen, haben Fachärzte in Deutschland eine mindestens elfjährige Ausbildung absolviert: sechs Jahre Grundstudium und mindestens fünf Jahre Weiterbildung zum Facharzt.

Dazu kommt: Was dem Arzt nach Abzug seiner Praxiskosten bleibt, ist längst noch nicht das, was ihm zum Leben zur Verfügung steht. Denn der niedergelassene Arzt muss sich dann noch privat absichern - in deutlich größerem Umfang als ein Arbeitnehmer. Zu privater Altersvorsorge und Berufshaftpflicht kommt beispielsweise auch eine Pflege- und Krankenversicherung, die nicht nur die Behandlungskosten für ihn selbst abdeckt, sondern auch die Lohnfortzahlung für die Mitarbeiter während seiner Krankheit.

Das Operieren mit durchschnittlichen monatlichen Ärzteeinkünften birgt zudem die Gefahr, Äpfel und Birnen miteinander vergleichen zu wollen. So kann ein Radiologe gut und gern im Jahr doppelt so viel wie ein Allgemeinmediziner verdienen. Allerdings muss er auch andere Beträge in seine Praxis investieren: Ein Magnetresonanztomograph (MRT) kostet beispielsweise 1,5 Millionen Euro. Daneben werden in vielen radiologischen Praxen auch ein Computertomograph und ein Röntgengerät vorgehalten - diese Praxen tragen also ein erheblich höheres unternehmerisches Risiko.

Dennoch bleibt ihr Beruf für die Mehrheit der Ärzte der Traumjob. In einer repräsentativen Befragung durch den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin der Uni Rostock erklärten im Sommer drei Viertel aller Hausärzte im Land, sie seien mit ihrer beruflichen Situation zufrieden oder sehr zufrieden. Als Hauptgrund nannten sie die "extrem gute" Arzt-Patienten-Beziehung. Ihretwegen sind Mediziner auch bereit, negative Faktoren wie eine hohe Arbeitsbelastung und großen bürokratischen Aufwand hinzunehmen.

87 Prozent der Hausärzte im Land würden nach einer bundesweiten Erhebung ihren Beruf immer wieder wählen, heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV). Das sei die höchste Zufriedenheitsrate in allen Bundesländern.

Allerdings erklärte jeder zweite Arzt in MV auch, dass die Anzahl der zu behandelnden Patienten in den letzten Jahren stark angestiegen sei und dass er sich mehr Zeit für deren Betreuung wünschte. Tatsächlich sitzen in den Wartezimmern im Nordosten durchschnittlich ein Viertel mehr Patienten als in anderen Regionen. Anders als man landläufig vermuten würde, bringen mehr Patienten aber nicht unbedingt mehr Geld - das ist die Crux der Ärztevergütung: Drei Viertel aller ärztlichen Leistungen sind budgetiert. Mehrarbeit, die über dieses vorgegebene Leistungsvolumen hinausgeht, wird nur noch anteilig oder überhaupt nicht honoriert.

Auf Kassenseite heißt es, würde die Deckelung aufgehoben, öffne das Mehrfachuntersuchungen und damit der Verschwendung von Versichertengeldern Tür und Tor. Ärzte halten dagegen, dass endlich anerkannt werden müsse, dass sie immer mehr, immer ältere und häufig multimorbide Patienten zu versorgen hätten. Und sie fordern, endlich von Tätigkeiten entlastet zu werden, die überhaupt nichts mehr mit der Arbeit am Patienten zu tun haben: 26 Prozent ihrer Wochenarbeitszeit gingen für Verwaltung drauf.

Ein weiterer Kritikpunkt, den viele Ärzte nur hinter vorgehaltener Hand äußern, ist die Honorarverteilung auf die einzelnen Facharztgruppen: Sie obliegt den Kassenärztlichen Vereinigungen auf Landesebene und differiert daher stark. Längst nicht immer ist das nachvollziehbar.

Ärzte haben also durchaus Gründe, um unzufrieden zu sein. Gründe, ihre Patienten im sprichwörtlichen Regen stehen zu lassen, sind das indes nicht. Politik und Krankenkassen wären die richtigen Adressaten für Kritik der Mediziner.

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